Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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14 DIE^ELT No. 49 vorhehlen kann. Und während selbst das Informationsbureau in Jaffa sich gezwungen sieht, die Zuwandrung nur für Kapitalisten als zurzeit ratsam zu erklären, entwickeln die Herren War bürg, Nossig u. a. in Wort und Schrift die Anschauung, daß schon jetzt Palästina für die Aufnahme des großen jüdischen Emigrantenstromes die besten Bedingungen bietet. Ja, wenn in alledem nicht eine gründliche Abkehr von der ganzen bisherigen Politik, Taktik und Methodik des Zionismus zu erbliken sein soll, dann dürfen wir überhaupt als einziges Grundgesetz unserer Bewegung nur noch gelten lassen: „Erlaubt ist, was gefällt!" Keine haarspaltende Dialektik wird uns einreden können, daß nur Nuancierungen vorliegen, die das Prinzipielle unberührt lassen. Diese Verleugnung alter Dogmen, dieser Umsturz aller Prinzipien bedeutet in einer erst 10 Jahre währenden Bewegung in jedem Falle eine schwere Krisis, und heilsam könnte diese Krisis nur sein, wenn sie durch eine vollkommene Wandlung der äußeren Bedingungen unserer Politik gerechtfertigt wäre. Aber was hat sich hierin in den letzten Jahren geändert? Die politischen Verhältnisse? Der Sultan war seit jeher ein warmer Judenfreund, dennoch setzte er bisher unseren politischen Aspirationen entschiedenen Widerstand entgegen, und wir haben kein Zeichen, daß sich in seinen bezüglichen Anschauungen das Mindeste geändert hat. Die ganze politische Konstellation für die Türkei, nach innen und außen, ist überdies in den letzten Jahren eher schwieriger als leichter geworden. Oder hat sich in den wirtschaftlichen Bedingungen der Palästinaarbeit etwas geändert? Der wirtschaftspolitische Wettbewerb der Großmächte in der Türkei und deren Nachbarländern ist doch kein Ergebnis der letzten Jahre, sondern datiert seit Jahrzehnten, und die nervöse Angst, daß uns alles vor der Nase weggekauft werden könnte, war, wenn überhaupt, im Beginn unserer Bewegung genau so begründet wie heute und wird auch durch Landkäufe für einige Millionen nicht aus der Welt geschafft. Oder sind die ganzen übrigen Entwicklungsbedingungen für eine zionistische Kolonisation gerade in jüngster Zeit so viel anders geworden, daß heute eine glänzende Zukunft verheißt, was noch 1904 so sehr prekärer erschien? Gar nichts hat sich in alledem geändert, und heute wie vor Jahren besteht das Wort eines Kenners zu Recht, das Herr Prof. Warburg selbst beifällig zitierte: „Unter diesen Umständen muß der Gedanke an eine fremdländische, nicht mosleminische Kolonisation als Utopie bezeichnet werden!" Das Traurigste an diesem ganzen Umsturz zionistischer Anschauungen ist die Verketmung nicht nur aller Momente, die im Bereich der Kombination, des Urteils, der Auffassung liegen, sondern selbst der elementarsten rechnerischen Verhältnisse. Der Notschrei Kremenetzkys, des getreuen Ekkehardt des N. F., („Welt" No. 46) enthüllt in -ganzer Schärfe die Aussichtslosigkeit, mit den Mitteln, die uns in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen könnten, an die v Lösung wirtschaftlicher Gegenwartsaufgaben heranzutreten. Man denke: der vierte Teil des N. F. ist bereits festgelegt in Ländereien, die zurzeit nicht verwertet werden können, und für die Versuchs- Station, über die seit Jahren geredet wird und über die keinerlei e Meinungsverschiedenheit besteht, ist — zwar bereits zwei Jahre g lang ein Agronom mit 5 000 Frs. Gehalt angestellt, aber noch kein Land gekauft! Wenn dies geschehen und die Station errichtet sein £ wird, dann wird der in fünf Jahren mühselig erreichte Bestand des £ N. F. zu 4/5 ausgegeben sein und die Zinsen des Restes werden ( kaum für die Deckung der notwendigsten fortlaufenden Ausgaben reichen. Und dabei wollen die Klagen unserer „praktischen**Zionisten nicht verstummen, daß das A. C. der Palästinaarbeit passiven Widerstand entgegensetze und nach dieser Richtung noch viel zu wenig geschehen sei. Der uferlosen und unverantwortlichen Projektenmacherei, wie sie in der Glanzzeit der Chibas Zion von Ach ad Haam so treffend gegeißelt wurde, ist wieder Tür und Tor geöffnet, und wohin dies führen muß, hat Kremenetzky, — leider erst jetzt — mit brutaler Deutlichkeit gezeigt: zum Nationalf onds- Krach! Bei dieser finanziellen Sachlage ist für alle, die wirklich Frieden in der Bewegung haben wollen, die Verständigung eigentlich sehr einfach: man beschränke sich auf die Arbeiten, die unsern Mitteln angemessen, mit der bisherigen zionistischenPolitik wohl vereinbar und auch jedem politisehen Zionisten willkommen sind. Landwirtschaftliche, technische, meteorologische und hygienische Beobachtungs-, Versuchs- und Untersuchungsstationen, Lehr- und Musterfarm, Informationsbureau und Statistisches Amt, — diese Dinge würden für zehn Jahre und länger alle verfügbaren und weiterhin aufzubringenden Mittel in Anspruch nehmen und alle diejenigen, die wirklich in den Dienst dieser Palästinaarbeit treten wollen, vollauf beschäftigen können. Und vertagen wir Prinzipienfragen, die unter den jetzigen Verhältnissen rein akademischen Charakter haben, auf die Zeit, wenn die Aufgaben vorbereitender Art gelöst sind! Vielleicht, daß inzwischen die Bedingungen für Unternehmungen, die über das Gebiet der vorbereitenden und informatorischen Arbeiten hinausgehen, sich gründlich ändern und dann auch Mittel von anderer Seite für derartiges flüssig gemacht werden können. Inzwischen wäre die Verständigung über die Differenzen in der Palästinafrage an und für sich eine erhebliche Erleichterung der gegenwärtigen kritischen Situation im Zionismus. Dieser zu dienen und Opfer zu bringen, sollten alle bereit sein, die noch unentwegt um das Banner des Baseler Programms geschart sind. Dr. Karl Jeremias, Posen. Der Stand des Nationalfonds Im Anschluß an den Artikel dts Herrn Kremenezky in Nr. 46 der „Welt" über den Stand und die Verwaltung des Jüdischen Nationalfonds sind uns aus unserm Leserkreise eine Anzahl Zuschriften zugegangen, in denen wir um nähere Auskunft über die tatsächliche augenblickliche Lage des Nationalfonds ersucht werden. Wir haben uns infolgedessen an die am meisten zuständige Stelle, das Zionistische Zentralbureau in Köln, mit der Bitte gewandt, uns eine authentische Darstellung zu geben. Im nachstehenden veröffentlichen wir die uns daraufhin vom Zentralbureau gewordene Auskunft. Diese Angaben, die erkennen lassen, daß Herr Kremenezky in seirieh Ausführungen offenbar von falschen Voraussetzungen ausgeht und zu falschen Schlüssen gelangt, ergeben den Beweis, daß das A.-K. mit der Verwendung und der Anlage des Geldes des N.-F. durchaus sehr vorsichtig verfahren ist, und daß irgend ein Grund zu Besorgnissen, der N.-F. würde in überstürzter Weise zum Ankauf von Ländereien verwandt und seine Besitzrechte darauf seien unsicher, absolut nicht vorhanden ist. Das Zentralbureau teilt uns foigendes mit: Festgelegt, d. h. verausgabt, sind vom Vermögen des Nationalfonds: Für Landankauf in Palästina.......£ 7 500.— Für die Einrichtung der Versuchsstation . . £ 1 200.— Summa . . £ 8 700.— Bewilligt, d. h. als Ausgaben vorgesehen, sind: Für diverse Landkäufe..........£ 7 75O.¬ Laut Beschluß der Jahreskonferenz: Zum Ankauf von Land zur Seßhaftmachung von eingewanderten Arbeitern.....£ 800.- Zum Ankauf von Land zur Verpachtung an die Kischinewer Waisen........£ 2 450.- Zum Ankauf eines Platzes für den Bezalel . £ 1 200.- Summa . . £ 12 200. We i t e r e Be w i 11 i g u n g e n als die vorgenannte existieren nicht. Es sei aber hervorgehoben, daß eine Verpflichtung zum Kaufe von Ländereien für den N.-F., außer den von . der Jahrekonferenz gemachten Bewilligungen, nicht existiert, und daß e insbesondere höchst zweifelhaft ist, ob von der für diverse Lanr kaufe vorgesehenen Summe von £ 7 750.— jemals mehr als cv £ 3 000.— verausgabt werden. Die Versuchsstation wird, wie der Bezalel, keine zionistisch1 Institution werden, sondern soll als Gesellschaft gegründet werden Außer den bereits oben verzeichneten und bereits ausgezahltes £ 1200.— ist keinerlei Geld vom N.-F. für diesen Zweci bewilligt. Es sind also vom Gesamtvermögen des Jüdischen National fonds, das am 31. Oktober ds.Js. ca. £54.000.— betrug, fürLanü ankaufe etc. ausgegeben £ 8.700.—, bewilligt £ 12 200.— um-