Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 49 - DIE] punkte der jüdischen Lehre, die vor allem lautere Gesinnung und rechtschaffenen Wandel fordert, im höchsten Grade verwerflich und verabscheuungswürdig ist. Unter Hinweis auf den Prozeß Nuchem Schapira, dessen Namen ich übrigens ebensowenig wie etwa einen seiner Mitangeklagten nannte, rührte ich des weiteren aus, daß die in demselben zu Tage tretenden häßlichen Erscheinungen hauptsächlich in den traurigen wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen der armen jüdischen Bevölkerung in Galizien ihren Grund haben. Ich schloß darum meine Rede mit einem warmen Appell an alle edel gesinnten Glaubensgenossen, alle auf die kulturelle und wirtschaftliche Hebung der notleidenden Klassen der galizischen Juden gerichteten Bestrebungen aufs eifrigste zu fördern. Diesen wahren Sachverhalt habe ich bereits am 8. und 9. d. M. in den verbreitetsten Wiener Tagesblättern, darunter in der „Neuen freien Presse" (Nr. 15164) und in der „Zeit" (Nr. 1483) in einer von dem Präsidenten der hiesigen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern bestätigten Erklärung dargestellt, und hat infolge derselben der Reichstagsabgeordnete Breiter die in seiner Interpellation vom 5. d. M. gegen mich erhobenen Beschuldigungen in den genannten und anderen Zeitungen in loyalster Weise sofort zurückgezogen." Nachschrift der Redaktion. Wir geben dieser Berichtigung loyaler Weise Raum, bemerken jedoch, daß wir unsere Grundlagen den übereinstimmenden Berichten aus Wiener jüdischen Blättern entnahmen, die der Affäre große Aufmerksamkeit zuwandten. Der Eindruck, den die Ausführungen Dr. Davids auf einen Teil der Zuhörer machten, war jedenfalls der, daß er den galizischen Juden durch eine Verallgemeinerung eines Einzelfalles schwer nahegetreten sei. Das hat denn auch zu erregten Protestversammlungen und zur Entsendung einer Deputation an den Präsidenten der Kultusgemeinde geführt. Wenn jedoch wirklich Rabbiner Dr. David anders verstanden wurde, (und diese Tatsache ist nicht zu berichtigen) als er — nach seinen obigen Ausführungen — verstanden sein wollte, dann würden natürlich unsere Kommentare als gegenstandslos entfallen. Wir stehen nicht an, seine heutige Erklärung als genügend zur Klärung der Angelegenheit zu betrachten, die hiermit zufriedenstellend erledigt erscheint. Nuancen oder Differenzen? „Meiner Ansicht nach geht überall der Weg zur wahren und stichhaltigen Versöhnung nur durch die herbe und bittere Erkenntnis von der ganzen Schärfe und dem tiefen Ernst der tatsächlichen Gegensätze hindurch......, während ich eine Scheinversöhnung durch Vertuschung und Verkleisterung nicht nur für unhaltbar und wertlos, sondern für schlimmer als den offenen Streit und ehrlichen Kampf der Parteien halte." (Ed. v. Hartmann. Vorwort zur 2. Aufl. von „Das Judentum in Gegenwart und Zukunft".) Seit der VII. Kongreß mit seinen Stürmen vorüber war, hat lan in zionistischen Kreisen immer wieder die Fiktion zu verbreiten;esucht, daß Gegensätze nicht mehr existieren. Die richtige Synthese;es politischen und praktischen Zionismus sei in den Kongreßeschlüssen gefunden und weiterhin könnten nur noch verschiedene iuancen der Auffassung bestehen, die von Nörglern zu Differenzen ufgebauscht würden, oder es handle sich gar nur um Mißverständnisse, von Leuten unterhalten und vertieft, die lediglich der eitle Wunsch, eine Rolle zu spielen oder mit ihrer Dialektik zu glänzen, iabei bewege. „Die Krisis ist vorüber!" — dekretierte man und Raubte gewiß auch selbst daran, und als ich bald nach dem Kongresse, tief erschüttert von der Schärfe der in Basel hervorgetretenen Gegensätze, zu schreiben wagte: „Nein, die Krisis beginnt erst!" — la ward ich Streitsucher und Dogmenfanatiker gescholten. „Die Krisis ist vorüber!" — hörte man seitdem immer von neuem versichern, und fast konnte es eine Zeitlang so scheinen, da seit -Jahresfrist in den offiziellen Organen kein nörgelnder Oppositions- :nann mehr zu Worte kam. Trotzdem wiederholt sich aber auf allen größeren Zusammenkünften der Partei das Schauspiel, daß Interesse fast ausschließlich von der Diskussion der strittigen Probleme ausgefüllt ist, und erst der Schluß solcher Tagungen oder der offizielle Bericht darüberbringt wieder dieberuhigendeZusicherung, daß eine Klärung und friedliche Verständigung endlich erreicht sei. Und bei alledem kann es nicht zweifelhaft sein, daß Differenzpunkte einschneidender Natur fortbestehen und daß diese auch im Mittelpunkt des VIII. Kongresses stehen werden. Daran wird alle Schweige- und Beschwichtigungs-Taktik nichts andern. Oder wird man etwa behaupten wollen, daß so loyale und gemäßigte Leute wie Alexander Marmorek und KremegELT- 13 netzky „Phrasentrommelschläger" seien, die zu „absurden Übertreibungen und bloßen Phantasieträumen" neigen, deren Äußerungen nur als Produkt eines „Koteriegeistes" verständlich wären? Leider sind das seit dem VII. Kongresse die beiden einzigen von den alten Wortführern, die ihre Stimme erhoben haben. Viele andere, von denen man ehedem so gern ein kräftig Wörtlein hörte, „zogen mit gesenktem Blick" in das Land stummer Resignation sich zurück, hüllen sich in bitteres Schweigen oder haben sich anderen Interessen zugewandt. Wie schwüle Stille lagert es über der ganzen Bewegung und nur ein luftreinigendes Gewitter kann zu neuem, fruchtbarem Leben und Treiben führen. Unter allen Umständen ist es besser, die Gegensätze auszusprechen und auszutragen, als sie abzuleugnen oder totzuschweigen. Herr Sokolow („Welt" Nr. 46) behauptet, daß grundlegende Meinungsverschiedenheiten überhaupt nicht existieren, daß die Tendenzen zur praktischen Kleinkolonisation und die politisch-ideale Richtung sich nicht nur nicht widersprächen, sondern sich geradezu ergänzten. Diese Behauptung wird durch die einfache Tatsache widerlegt, daß seit mehr als 3 Jahren die Debatten über die einschlägigen Fragen hin- und herwogen und nicht zur Ruhe kommen können, trotzdem man allen Beteiligten den ehrlichen Willen, zum Frieden und zur Einigung zu gelangen, unbedingt zugestehen muß. Es sind doch nicht lauter junge Heißsporne, denen Kampf ein Sport und Vergnügen bedeutet, die diese Meinungskämpfe ausfechten, sondern gerade reife und selbst bejahrte Männer standen auf beiden Seiten im Vordergrunde, Männer, die mit blutendem Herzen den Riß in unseren Reihen sehen und, ihn schließen zu helfen, gern Opfer brächten, wenn es sich wirklich nur -um Mißverständnisse und Schattierungen, nicht vielmehr um die Grundprinzipien der Bewegung handelte. Freilich, wenn man mit Herrn Sokolow alle Dogmatik für unsere Bewegung perhorresziert, dann kann es Differenzen nicht mehr geben, sie sind spielend aus der Welt geschafft. Gewiß, eine ewige Idee ist in ihrer praktischen Formgebung mancherlei Wandlungen zugänglich; aber wrenn ein organisatorisch festgefügtes Staatswesen nur sicher ruht auf dem ehernen Fundament der Verfassung, der Staatsgrundgesetze, und sich gegen deren Verschiebung durch ganz besondere Kautelen schützt, so muß erst recht eine politische Bewegung, noch dazu eine so junge wie die zionistische Organisation, auf Grundsätze halten und sich durch dogmatische Festlegung gegen allerlei unberechenbare Strömungen schützen, die sie unterwühlen und ernstlich ins Wanken bringen könnten. Daruni kann keine geordnete Bewegung ohne Dogma bestehen, selbst die sozialistische nicht, obwohl sie die Zertrümmerung alter Dogmen auf ihre Fahne geschrieben hat; und solche Dogmen dürfen nur abgeändert werden, wenn grundlegende Änderungen der äußeren Bedingungen dazu unabweislich zwingen. Unsere Bewegung ging aus von der Verurteilung der alten chowewe-zionistischen „Kolonialpolitik" und postulierte vor allem die öffentlich-rechtliche Sicherung als Grundlage eines Judenstaates,» und das Wort Herzls: „Das eine ist unverbrüchlich festzuhalten: die Basis kann nur ein Zustand des Rechts und nicht der Duldung sein" — dies Wort müßte ein maßgebendes Dogma für uns bleiben, das nicht Sophisterei, sondern nur eine grundstürzende Wandlung äußerer Verhältnisse aus der Welt schaffen kann. Der VII. Kongreß sah den Mann nicht mehr, der bis dahin die Kontinuität der Prinzipien verbürgt hatte; um so peinlicher hätte man darauf bedacht sein müssen, an den von ihm statuierten und mit so viel Erfolg zäh festgehaltenen Prinzipien nicht zu rütteln. Statt dessen brachte gerade dieser Kongreß Strömungen an die Oberfläche, welche darauf hinauslaufen, unsere Bewegung mehr und mehr von den politischen Fundamenten loszulösen und die längst als unbrauchbar erkannten chowewe-zionistischen Fundamente ihr wieder unterzuschieben. (Herr Sokolow wird wieder über den Gebrauch von Schlagworten klagen; aber nicht umsonst sind Schlagworte überall, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wissenschaft im Gebrauch, weil sie eben mit einem Schlage ganze Begriffskomplexe ins Licht rücken.) Bis vor 2 Jahren war jedenfalls die ungeheure Mehrheit der Zionisten darüber einig, daß man in Palästina lediglich technische und wissenschaftliche Vorarbeiten leisten und kulturelle Bestrebungen fördern könne, daß Landkauf höchstens für wissenschaftlich-technische Institute, nimmermehr aber zu kolonisatorischen Zwecken vorgenommen werden dürfe, daß die Immigration neuer Elemente vor der Schaffung rechtlicher Grundlagen nicht erwünscht und keinesfalls fördernswert sei. Heute ist die zionistische Organisation oder vielmehr die Palästinakommission ausschließlich damit beschäftigt, Land zu kaufen, die Kleinkolonisation und Immigration, der der zweite Kongreß ein Ende machte, ist wieder in vollem Flor. Die unorganisierte Zuwandrung von mitteluud energielosen, zum großen Teil undisziplinierten und auch sonst ungeeignete Elementen wird, wie in der Bilu-Ära, emphatisch gefeiert und enthusiastisch gefördert, trotzdem selbst Herr Sokolow ein gewisses Grauen nicht