Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 49 DIE^ ELT 11 eine Gesamtorganisation gegeben. Man schießt nicht übers Ziel, wenn man geradezu von einem nationalen Verband der amerikanischen Juden spricht, dessen Begründung eben vollzogen wurde. Alle Schichten der amerikanischen Judenheit wurden herangezogen: Eingesessene und eingewanderte Juden, Kaufmanns-, Akademiker- und Arbeiterstand, Rabbiner, hohe Beamte, PHIanthropen sind in dem leitenden Komitee, das ursprünglich fünfzig Mitglieder zählte und jetzt auf sechzig erhöht wurde, vertreten. Die Ziele des Verbandes wurden folgendermaßen formuliert: „Zweck der Organisation ist, nicht zuzulassen, daß Juden ihrer bürgerlichen und religiösen Rechte beraubt werden, beziehungsweise die Katastrophen zu lindern, die durch Judenverfolgungen hervorgerufen werden. In den Fällen, wo Juden Gefahr laufen, irgendwo ihrer Rechte verlustig zu gehen, oder dort, wo sie schon der Rechte beraubt sind, oder in Fällen, wo es nötig erscheint, Juden, die durch Verfolgungen leiden, beizustehen, wird sich das American Jewish Committee mit solchen, die mit den Verhältnissen vertraut sind, in Verbindung setzen und Kooporationen im Interesse der Bedrückten herbeiführen." Es ist kein Zweifel, daß der erste Impuls zu dieser Vereinigung, deren Ziele sehr weit gestreckt sind, die Ost und West zusammenschließen, die überall, wo es nottut, nach ihrer Kraft helfend einwirken will, von außen gekommen ist. Die entsetzlichen Oktoberpogrome und die Massenflucht russischer Juden Juden nach Amerika, haben, wie man sich erinnert, die amerikanischen Juden noch mehr aufgerüttelt als die europäischen. Schon damals, im Oktober, wurde von zionistischer Seite der erste Versuch gemacht, eine umfassende jüdische Schutz- und Trutzorganisation in Amerika zu begründen, die „überall verteidigen sollte, wo Juden bedroht wären*'. Es war die „Jewish Defense Association", die aber nicht weit über den Bannkreis New-Yorks reichte, nun aber vervollkommnet mit ziemlich ähnlichen Zielen im American Jewish Committee aufersteht. Auch die Brüsseler Konferenz mit ihrem Grundgedanken einer allgemein-jüdischen Organisation hatin Amerika ein starkes Echo gefunden. Es wurde damals drüben außerordentlich bedauert, daß für eine Organisation und Vertretung der amerikanischen Juden der Zeitpunkt der Einberufung der Konferenz zu nahe gerückt war, aber mehrere hervorragende Männer der Öffentlichkeit nahmen die Brüsseler Parole auf und plädierten in den bedeutendsten Blättern für einen amerikanisch-jüdischen Bund. Wir schließen uns der warmen Begrüßung, die das American Jewish Committee in der amerikanischen Presse findet, gerne an. Die Wahl der Männer, die an die Spitze des Verbandes gestellt sind, ist eine Garantie dafür, daß, wenn irgendetwas durch Vereinigung zu erreichen ist, diese Organisation es erreichen wird. Wer das amerikanisch-jüdische Leben halbwegs mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, dem sind fast die meisten Mitglieder des Komitees bekannt. Es sind die besten Namen, aber auch die tüchtigsten Arbeiter. Und es ist uns eine große Genugtuung, daß unter ihnen einen bedeutenden Bruchteil die Zionisten darstellen, von denen man, in Anerkennung ihrer Fähigkeiten und Erfahrung, eine beträchtliche Zahl in die Exekutive entsandt hat. Hoffentlich folgt der bedeutsamen Tat der Gründung eine großangelegte Aktion, die sich naturgemäß zunächst dem Schicksale unserer östlichen Brüder zuwenden muß. fr=- (H □ □□□ oo FEUILLETON □ □□DD D~jj O WORTE DES RABBI NACHMAN*) Die Welt Die Welt ist wie ein kreisender Würfel, und alles kehrt sich, and es wandelt sich der Mensch zum Engel und der Engel zum Menschen und das Haupt zum Fuß und der Fuß zum Haupt, so Kehren sich und kreisen alle Dinge und wandeln sich, dieses in jenes und jenes in dieses, das oberste zu unterst und das unterste zu oberst. Denn in der Wurzel ist alles eines, und in dem Wandel und dem Wiederkehren der Dinge ist die Erlösung beschlossen. * Weltschauen Wie die Hand, vors Auge gehalten, den größten Berg verdeckt, so deckt das kleine irdische Leben dem Blick die ungeheuren Lichter und Geheimnisse, deren die Welt voll ist, und wer es vor seinen Augen wegziehen kann, wie man eine Hand wegzieht, der schaut das große Leuchten des Weltinnern. * Gott und Mensch Alle Nöte des Menschen kommen aus ihm selbst, denn das Licht Gottes ergießt sich ewig über ihn, aber der Mensch macht sich durch sein allzu körperliches Leben einen Schatten, also daß das Licht Gottes nicht zu ihm gelangen kann. Glaub e Glaube ist ein gar starkes Ding, und durch den Glauben und die Einfalt ohne alles Klügeln wird einer gewürdigt, zur Stufe der Gnade zu kommen, die höher ist sogar als die heilige Weisheit: ihm wird überreiche und mächtige Gnade in Gott beschieden in *) Aus dem eben erschienenen Buche: Die Geschichte des Rabbi Nacfunan von Martin Buber, dessen Besprechung wir uns vorbehalten. sehr seligem Schweigen, bis er die Gewalt des Schweigens nicht mehr tragen kann und aufschreit aus der Fülle seiner Seele. * Das Gebet Es schreie ein jeder zu Gott und erhebe sein Herz zu ihm, als hinge er an einem Haare und der Sturmwind brauste bis zum Herzen des Himmels, bis daß er nicht wüßte, was er tun solle, und beinahe keine Zeit mehr hätte zu schreien. Und in Wahrheit ist ihm kein Rat und keine Zuflucht, als einsam zu werden und seine Augen und sein Herz zu Gott zu erheben und zu ihm zu schreien. Und dieses tue man zu jeder Zeit; denn der Mensch ist in der Welt in großer Gefahr. Zwei Sprachen Es gibt Menschen, die die Worte des Gebetes zu sprechen vermögen in Wahrheit, also daß die Worte leuchten wie ein Edelstein, der aus sich selbst leuchtet. Und es gibt Menschen, deren Worte nur wie ein Fenster sind, das kein Licht aus sich selbst hat, das dem Lichte nur Eingang gibt und aus ihm erstrahlt. * Inne n und au ßen Der Mensch ängstet sich vor Dingen, die ihm nichts antun können, und er weiß es; und er gelüstet nach Dingen, die ihm nichts fruchten können, und er weiß es; aber in Wahrheit ist es ein Ding im Menschen selbst, vor dem er sich ängstet, und es ist ein Ding im Menschen selbst, nach dem er gelüstet. * Zweierlei Menschengeist Es gibt zweierlei Geist, der ist wie rückwärts und vorwärts.