Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Stimmen vollständig ignorieren. Aber man weiß ja, daß die russische Regierung gerade mit diesem Teil der öffentlichen Meinung fortwährend rechnet, ja sich von ihm terrorisieren läßt. Als man in den Regierungskreisen erfuhr, daß die Erweiterung der Judenrechte einen Sturm der Unzufriedenheit bei den „echt-russischen Leuten" hervorgerufen habe, wurden alle Versprechen einfach widerrufen. So zwischen „Reform" und Widerruf schwankend, hat die Regierung natürlich durch ihre eigene Schuld es nicht leicht, einerseits die pogromdurstige Meute nicht aufzuhetzen, anderseits den unzufriedenen, bis aufs Äußerste gereizten und vor den Wahlen doppelt gefährlichen jüdischen Elementen wenigstens den Schein guten Willens zu präsentieren, d. h. sich in der Judenfrage so zu stellen, ut aliquid fieri videatur. Ihr neuestes Glaubensbekenntnis klingt darum sehr gewunden und gezwungen — nach rechts und nach links, wenn man bei solcher, sogar nur akademischer Mäßigung überhaupt von „links" sprechen kann. In ihrem Blatte „Rossija" erklärt sie: Die Regierung sehe deutlich, daß gewisse Gruppen die Regieruug zuungunsten der Juden beeinflussen wollen. Diese Tendenzen seien von der übertriebenen politischen Leidenschaft hervorgerufen, die Regierung aber müsse den allgemeinen Nutzen des Reiches im Auge behalten und in der besonders schwierigen Judenfrage sehr vorsichtig verfahren. Nach der Auflösung der Duma, die eine starke Unruhe und Gereiztheit hervorgerufen habe, mußte die Regierung ihre Aufmerksamkeit den krankhaften Erscheinungen des russischen Lebens zuwenden. Unter andern Angelegenheiten wurde der Judenfrage eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, weil man ja die gereizte Stimmung einer Bevölkerungsgruppe von 5 Millionen Menschen nicht für normal halten könne. Die Verordnungen der Regierung dürfen aber nicht als Konzessionen zugunsten der revolutionären Frechheit angesehen werden und dürfen keinen Schaden für das russische Volk enthalten. Von diesem Standpunkte aus wären die Abschaffung des Ansiedlungsrayons vor Zusammentritt der Duma, die sofortige Verleihung des Rechtes auf Bodenbesitz, während doch gegenwärtig die Mobilisierung der staatlichen Bodenreserve stattfindet, leichtsinnig und vorzeitig. Vor Einberufung der Duma könne die Regierung nur die Beschränkungen innerhalb der Grenzen des Ansiedlungsrayons abschaffen. Auf diese Weise werde die Regierung allerdings keine neuen Anhänger bekommen, und die Juden, die nicht nur die politischen Rechte, sondern auch das politische Übergewicht in ihre Hände bekommen wollen (!), würden sich nur beleidigt fühlen. Anderseits wieder werden diejenigen, die in der Judenfrage eine Waffe der politischen Leidenschaft sehen, sehr scharf diesen Verordnungen entgegentreten, werden "sogar die Regierung des Verrates beschuldigen. Da aber die Regierung zur Oberzeugung gelangt sei, daß ein Teil der Bevölkerung mit vollem Rechte mit seiner Lage unzufrieden ist und den einzigen Ausgang aus dieser Lage nur in der revolutionären Gewalt erblickt, so sieht sich die Regierung verpflichtet, Maßregeln anzunehmen, die einen anderen Ausgang herbeiführen könnten. Ein Teil der Juden wird dank den neuen Verordnungen ein großes Tätigkeitsgebiet für seine Energie und Tatkraft bekommen und wird in sich die Kraft finden, ohne Rücksicht auf das Streben zur politischen Übermacht, die ihm vor allen anderen verliehenen Privilegien zu würdigen und nicht nur Bombenwerfer und Räuber aus seiner Mitte hervortreten zu lassen. Für den Staat aber werde das einen großen Nutzen bedeuten. Soweit d<e „Rossija". Das Organ der Kadetten, die „Rjetsch", bemerkt zu diesen Mannövern konstitutioneller Großmut, die sich in Ankündigungen und Widerrufen erschöpft, folgendes: „Unsere Konstitution ist den Juden nach jetzt gemachten statistischen Berechnungen teuer zu stehen gekommen: vom Oktober 1900 bis Juli 1906 (d. h. bis Bjelostok) sind an 638 Orten Pogroms veranstaltet worden, die Zahl der Familien, die durch die Pogroms gelitten haben, erreicht die Höhe von 37 075, was etwas über 150 000 Personen ausmacht. 1000 Getöte, ebensoviele Verwundete, gegen 1500 Waisen und 51 Millionen materieller Schäden — so haben die Juden die „geschenkte Freiheit" bezahlen müssen." Im Hintergrunde dieses zynischen Spieles mit den „Reformen in der Judcmfrage" aber sieht man das Arrangement einer neuen Anleihe. Und mit treuherzigem Augenaufschlag zeigt die geldwerbende Regierung den Kultureuropäern ihr großes Werk: die „Judenbefreiung". Ein hochbedeutsames Zeichen Kultusgemeinde und Zionisten fflr dje unaufhaltsam vordrin. gende Kraft des zionistischen Gedankens boten die eben abgehaltenen Wahlen für den Wiener Kultusvorstand. Wien war die Stadt, wo Zionisten vor Jahren zum ersten Male in den Wahlkampf um die „Eroberung" der Kultusgemein den eintraten. Schon der damalige erste Ansturm hatte gezeigt, daß die Zionisten, wenn auch ihre Organisation im Verhältnis zur großen Gemeinde numerisch nicht alkustark war, doch weit über ihre festgegliederten Reihen hinaus in den Kreisen der gesündesten jüdischen Elemente auf starke Sympathien und tatsächliche Förderung im entscheidenden Momente rechnen durften. „Um des lieben Frieden? willen" haben die Wiener Zionisten später ihre Stärke nicht ausgenutzt, sondern irn Vertrauen darauf, daß der Kultusvorstand aus den Zeichen der Zeit lernen und gütlich eine Reform an Haupt und Gliedern durchführen werde, sich damit begnügt, sich durch ein, zwei zionistische Vorstandsmitglieder repräsentieren zu lassen. Die Zionisten haben damit einen Fehler gemacht. Alle Achtung vor der Ehrenhaftigkeit der Personen des alten Kultusvorstandes: aber im politischen Leben erledigt man den Gegensatz zweier Systeme, ja zweier Lebensanschauungen, nicht durch Kompromisse. So hat denn auch der Wiener Kultusvorstand, nachdem er wiedei ..ruhig in seinem Neste saß, wieder den alten, faulen Schlendriai hervorgeholt und drauf losregiert wie in den besten liberaler Zeiten und die Unzufriedenheit der nationalen und demokra tischen Kreise umsomehr entfesselt, je mehr die schwere Zei eine aufrechte, energische Vertretung der jüdischen Interesse' forderte. Es ist bekannt, daß das Verhalten des Wiener Kultur Vorstandes in der skandalösen Affäre Taussig, über dessen Vemittlung der russischen Anleihe er den Mantel vorstands-kollegiak Nachsicht breitete, überall, wo Juden wohnen, sogar bei Nichtjuder die hellste Empörung entfacht hat. Diese Tat des Kultusvorstandt allein genügte, um den Wiener Juden, die auf Ehre halten, d Augen darüber zu öffnen, wie weit noch ihre Vorsteher von d> Erkenntnis ihrer jüdischen Pflichten entfernt sind. Viele loka Angelegenheiten, so das berüchtigte Wahlrecht, das Minderbemitte) von der Anteilnahme am Wahlakt ausschließt, und von dem d< Vorstand nicht lassen wollte, die Vernachlässigung des Armc^ und Krankenwesens, kamen dazu, um eine große Gärung uiü! der Wählerschaft hervorzurufen. Die Zionisten gingen wieder zr Kampfe vor, und zwar mit ganzer Energie. Und es ist ihn i diesmal gelungen, dem Kultusvorstand eine so empfindliche Schlap; zu bereiten, daß es fast einem ganzen Siege gleichkommt. M \ denke, daß der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Stern, nachdi i die Begüterten alle Mann und alles Geld aufgeboten hatten, r. t kaum 50 Stimmen die Majorität erhaschen konnte, während zw i Zionisten, knapp unter der Majorität, in die Stichwahl gelange Noch hat der alte Vorstand mit Ach und Krach den größten T ] der Mandate gerettet, nicht mehr die Ehre. Denn nur der For 1 nach ist heute Dr. Stern (oder besser sein Syslem) Leiter d jüdischen Wien. Das jüdische Wien, zumal das künstlich durc die Macht der Geldherren von der Wahl ausgeschlossene, gehü den neuen Männern, dem neuen System. . , „ Was noch vor nicht allzulang American Jewish Committee ~ ~ . , ... „. Zeit sogar Optimisten für m möglich oder zumindest unwahrscheinlich gehalten hatten, steh: nun als Tatsache vor uns: Die amerikanische Judenheit hat sie: