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Die Welt · 1906-12-07 · 49 (7.12.1906) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 49 DIE-^ELT 9 und Jerachmiel Klaczko, der Onkel, hat ja ein Hasklah-Sefer geschrieben über die Gebete. Die „teiere Kop" sann und dichtete und war glücklich, als man im „Pyrche-Zophon" die Übersetzung des Mickiewiczschen Gedichtes „Powröt Taty" abgedruckt hatte. Leben söhn und Finn hatten das „Bochurchen" protegiert, war es doch ein Kind der Gasse, des Volkes, Fleisch von eigenem Fleische und Geist von eigenem Geiste. Kannten sie doch Vater und Großvater, Onkel und Tanten. Unser Löbel! Es klingt wie eine Sage, daß unser Löbel „Julian Klaczko" geworden ist; es wirkt auf einen wissenden Juden komisch, wenn man so die tausend Aufsätze liest, die jetzt über Klaczko geschrieben worden sind, wo in einem von hundert leise angedeutet wird, Klaczko soll jüdischer Abstammung sein. Ja, er war jüdischer Abstammung —Löbel Klaczko. Semitische, weite Rassenverwandtschaft — nicht wahr? Der Schulhof von Wilna hat einen gewissen Zusammenhang mit Juden und Jehuda-Löb, der Mitarbeiter des hebräischen „Pyrche-Zophon" wird wohl nicht ein Schlachzize pure sang gewesen sein. Vor vielen Jahren habe ich ihn aim erstenmal in Paris gesehen. Ein Pole sagte mir: er lispelt ein wenig. Ja, es war ein spezifisches Lispeln, das an das Wilnaer „GutSabesch" erinnerte. Der Pole verstand es nicht. Ich hörte den „Schulhof". Ratlos steht man vor diesem Rätsel. Eine solche Reihe von Häutungen, wie sie dieser Literat durchgemacht hat, findet man nur selten. Ein Ideen-Blaubart. Und doch kein Schwindler und kein Schwachkopf. Dieser Meschumed war ein Großer, ein Seelenkünstler, ein Ästhet, voll ausgesuchtesten Raffinements, ein wunderbarer Kritiker, ein genialer Stilist, ein feiner und tiefer Deuter der chwierigsten Schönheitsprobleme. Und wenn darauf hingewiesen wird, daß Klaczko dem Papste und allem päpstischen Wesen mit ilem Herzen ergeben war, und wenn das sich leckende Kalb des; olnischen Klerikalismus damit prunkt, daß dieser Geistesheros ihm . ehörte, so kann man keinen Einwand dagegen erheben. Ja, ein Wilnaer Gaon war Klaczko — ein perverser Wilnaer 1 aon! Er besaß die Genialität des Geistes, aber nicht die des i erzens. Er wollte nicht in der Enge der Verhältnisse, in Armut, uck und gesellschaftlicher Verfehmung leiden und kämpfen. Er hwärmte für die Haskalah, bis die große, schöne Seifenblase rging.- Er verließ das jüdische Lager und ging seine eigenen 'ege. Polnische Adelige jubelten ihm zu. Er wurde gefüttert — e man im Altertum zum Zirkus fütterte. Zuckte es jammervoll seiner Seele, als er vor dem schneidigen Entweder-Oder stand id als er zur — Lüge die Zuflucht nahm? Oder ging ihm das Hitige Empfinden dafür ab, nachdem er die schiefe Ebene der irriere betreten hatte? Oder ist das auch jüdisch: diese beispiel- >e Sensibilität, diese Hyperempfindlichkeit, diese weibliche und ^eptive Natür, die sich in alles Fremde so hineingeberden, hineinden und endlich auch hineinfühlen kann, daß sie davon durchistigt und durchglüht wird? Man sucht vergeblich eine klare ntwort. Man sah den alten Löbel in Krakau. Er wohnte fast in einem koster. Mehr und mehr spitzte sich das Gesicht und bog sich der Rücken. Er schrieb das beste Polnisch, wie er das beste Französisch schrieb und beherbergte die polnische Volksseele. Er verkörperte die interessanteste Variation des Entjudungsprozesses. Das Ghetto konnte ihn nicht halten, wie es viele andere nicht halten konnte. Zoll für Zoll wurden sie durch eine unerbittliche Wirklichkeitsgewalt und durch den Mangel an Seelenkraft dahingetrieben. So alltäglich und so traurig. Ich möchte nicht um Klaczko weinen — doch glänzt es im Auge wie eine Träne. Die jüdische Tragödie! Die Ilujim und Geonim der Neuzeit von den Polypenfängen fremder Kulturen erfaßt, in den Krallen des Goluth-Raubtiers zappelnd. Und die Maskerade! Ein Leichenzug mit Kirchengeläut und Pomp: Julian Klaczko, pan Julian! — Ja, Weltlieferanten sind wir — auch nationale Parteiführer und Pan-Ästheten muß der Wilnaer Schulhof der Welt liefern. Ist das nicht genial? So etwas Willkürliches, Zusammenhangloses, abenteuerlich Variiertes, so etwas von einer Karawane und von Zugvögeln: Pyrche-Zophon — Revue des Deux Mondes — Haskalah — Florentinische Ästhetik — Österreichischer Reichsrat — Vertreter der Tarnower Schlachta — Meister einer höheren Diplomatie — Graf Beusts Ratgeber — ein treuer Sohn der katholischen Kirche — europäischer Journalist — polnischer Patriot und Stanczyken-Führer. Ja, wir alle, die Wunderkinder des Goluth, sind furchtbar zusammengesetzte Menschen. Aber wir haben ein Zentrum: den Schulhof; nach allen Wanderungen entglimmt in uns ein Heimweh und on revient toujours usw. Das kinematographische Herumschwirren ohne Halt ist ein Jammer und eine Komik. Man möchte einen solchen Fliegenden in dem Moment festhalten, als er 1848 in die politischen Ereignisse eingriff, oder als er 1857—1861 das polnische Emigrantenorgan „Wiadomosci polskie" in Paris redigierte, oder als er 1866 die Verhältnisse der europäischen Regierungen in seinen „Les cabinets de l'Europe" beleuchtete, oder als er 1870 im Lemberger Landtag als Konservativer dasaß — und ihm unter die Augen schauen: Löbel Klaczko aus Wilna! War für die Brüder, für die Hartbedrängten, für die Ärmsten nichts zu tun? Kann man ein Anderer werden, wenn man auch hundert Gewissenskompromisse macht? Nein, er ist nicht ein Anderer geworden. Alles ist Schminke, Pose, Kostüm. Im Grunde bleibt man das Produkt vieler Generationen und des alten Milieus. Seiner Mutter oder seinem Onkel ist Klaczko nachgeraten, und je älter er wurde, desto mehr trat der dürre, scharfe, vertiefte litauische Lamdon-Typus, mit dem leidenden Gesichtsausdruck und den Zornesadern auf der Stirn hervor. In einen langen Kaftan gehüllt, könnte er als Rabbiner in einer litauischen Kehilla gelten, und das gelispelte „S" klang so sehr nach Wilna. Aber er trug den „Kontusz" und ließ sich einen Schnurbart wachsen, der nicht recht horizontal wachsen wollte. So blieb es bei dem Bart. Ein Kind „Jeruscholaim D'Lito's" — und auf dem katholischen Kirchhof in der Wawelstadt werden seine Gebeine ruhen. Ja, ein Großer war er: unser Stolz und unser — Schmerz. N. Sokolow 00 ooo POLITISCHE REVUE OOO eformen und Widerruf Wie bekannt, beabsichtigte die russische Regierung — über die mutmaßlichen Gründe haben wir uns ja öfters geäußert — noch vor -in Zusammenkommen der zweiten Reichsduma eine Reihe „milder" eforinen, unter anderem auch in der Gesetzgebung für Juden, -rchzuführen. Es handelte sich im wesentlichen um die Abhaffung von Beschränkungen, die die Regierung selbst als un- ^eckmäßig und veraltet bezeichnet hat. Diese unbedeutenden '••-formen konnten weder die Juden noch die progressiven Elemente der russischen Gesellschaft befriedigen, waren aber hinreichend, um eine kolossale Empörung in den Kreisen der „echt-russischen Leute" hervorzurufen. Man sah darin Konzessionen zugunsten des „vereideten Progresses". Selbstverständlich konnte man von dieser Seite keine andere Stimmung erwarten: der Verband des russischen Volkes betrachtet eine jede Veränderung im System der bureaukiatischen Reaktion als ein revolutionäres Symptom. Eine Regierung, der wirklich daran gelegen wäre, irgend welche, wenn auch minimimale Reformen durchzuführen, müßte natürlich diese

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