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Die Welt · 1906-12-07 · 49 (7.12.1906) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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8 _ =[)|Egj Andenken zu Ehren ordentlich bis an die Ohren im Blute baden sollten. Das erzählten mir später bei einem Frühstücke die Dragorieroffiziere und stellten solches Betragen der Bravheit des Obersten Tichanowsky zum Vorbild hin. Am 26. August um Slh Uhr des Abends erschollen in der Stadt, wie ich schon berichtete, einige Revolverschüsse, und darauf antworteten die Truppen sofort mit einer Beschießung der Stadt, wobei sie durchaus nicht in Betracht zogen, ob aus dem betreffenden Hause geschossen wurde oder nicht. So zum Beispiel sind bereits in der ersten Nacht in dem Pensionat der Töchterschule, aus der schon sicherlich nicht geschossen wurde, für 30 Rubel Fensterscheiben von den Kugeln zertrümmert worden. Die Fensterscheiben sind zertrümmert auch im Gendarmerieamt. Die Truppen handelten schonungslos gegen die friedliche Bevölkerung. Ich selbst war zugegen, als in das Polizeiamt einige Menschen, hauptsächlich alte Juden, hingeschleppt wurden, und sah, wie eifrig die Soldaten in Gegenwart des Obersten Tichanowsky dieselben mit Kolben mißhandelten. Ich sah auch, wie ein Dragoner in der Nähe des Polizeiamts in die Wohnung des Kreisrichters Herrn Mudrow Schüsse abfeuerte. Ich war auch Zeuge, wie ein Dragoner zum Obersten Tichanowsky kam, um Patronen zu bitten, und wie dieser bemerkte: „Es sind zu wenig Tote." Als ich dies alles sah, bat ich den Obersten Tichanowsky, das unsinnige Schießen und Schlagen einzustellen und lieber sich mit planmäßiger Auffindung der Revolutionäre zu beschäftigen, welche wirklich die eben erwähnten Revolverschüsse abfeuerten. Dabei lenkte ich seine Aufmerksamkeit darauf, daß die Truppen besonders ohne Nahrung bald ermüdet sein werden und daß gegen Abend die Revolutionäre etwas Ernsteres möglicherweise vornehmen können. Ich bekam zur Antwort, daß die Schlacht bei Ljaojan 12 Tage dauerte und daß, wenn es nötig, sein wird, er zwei Wochen auf dem Stuhle vor dem Polizeiamt zu £E LT - No. 49 sitzen bereit sei, und weiter, daß es in der Stadt genug Läden mit Nahrungsmitteln gäbe, so daß es für alle ausreichen würde. Das alles wurde in Gegenwart der Soldaten gesprochen. Der Rittmeister Pjetuchow führt sodann eine ganze Anzahl Fälle an, aus denen hervorgeht, daß die Soldaten gar keine Haussuchungen vornahmen, sondern plünderten und ohne jeglichen Grund Menschen totschlugen, daß die Dragoner von Gendarmerie-Unteroffizieren Petroleum verlangten, um die Häuser in Brand zu setzen, daß die Soldaten sich bei der Plünderung von Branntweinläden betranken und daß von ihnen nur ein einziger am Finger verwundet worden ist. „Die Einwohner bemerkten ganz richtig, daß, wenn die Revolutionäre wirklich irgendeinen Schaden den Schutzwachen und den Patrouillen zufügen wollten, so würde es im ersten Moment der Unruhen jedenfalls irgendwelche Verluste gegeben haben." Der Berichterstatter meint, daß es kaum möglich sei, eine Provokation seitens der Truppen zu beweisen, eher könnte diese von den Revolutionären ausgegangen sein, um die Regierung und die Truppen zu diskreditieren. Die „ganze Schuld" für die Ereignisse in Siedice falle aber nur auf den Obersten Tichanowsky, der nicht einmal rechtlich befugt war, in der Stadt wie ein Oberbefehlshaber zu wirtschaften. Die Schuld falle auch auf den provisorischen Generalgouverneur, Generalmajor Engelke, der tatsächlich die ganze Gewalt dem Obersten Tichanowsky übertrug, und auch auf den Gouverneur, der als ständiger Chef des Gouvernements Siedice die Gewalt in so einem wichtigen Moment aus seinen Händen ließ und sie nicht wieder in seine Hände nahm, als die Umstände es dringend erforderten. In diesem Sinne hat auch der aus Petersburg nach Siedice geschickte „Beamte für besondere Aufträge", Herr Gubonin seinen Bericht an den Ministerpräsidenten gerichtet; allein man hat bisher nichts davon gehört, daß Herr Stolypin die Schuldigen zur Verantwortung gezogen hat. JEHUDA LOB KLACZKO (ESSAY) Ein riesenhafter Maulwurfshaufen, zwischen der Niemieckastraße und der Blauen Brücke in Witolds alter, litauischer Burg. Ein Kunterbunt von Baustücken, Wohnhäuschen, Buden, Läden, die dicht und ineinandergewirrt stehen, festgekrallt aneinander, verzwickt und verschlungen, als ob sie sich nur in diesem chaotischen Gefüge halten könnten. Und im innersten Geäder — der „Schulhof", der einzige Platz, wo man so viel vom Himmel sieht, daß man die drei Sterne zum Abendgebet und den Neumond zu „Kidusch Lewono" sehen kann. Es ist die „piazza", aber es stehen keine Kathedralen, keine Dogenpaläste und keine Prokuratorien ringsum —, lauter nebelumhüllte, altersgraue, armselige „Bote-midroschim". Man zeigt darunter des Chossids, d. h. des Gaons, „Bet-hamidrasch". Hier forschte und träumte der große Askete, Rabbenu Eliahu. Es durchrieselt einen ein heiliger Schauer. Man sieht hier hagere, gelblicheGesichter. Arme, litauische Juden. Der Typus —etwas hart, knorrig, scharf und spitz; die psychische Veranlagung — kühl, klug, moquant, mit dem gedämpften Sarkasmus. Man sieht weder die bequem-schlaraffigen Chassidim Polens, noch die feisten Rücken lebenslustiger Bessarabier. Das Ideal dieser Juden war ein haarscharfer, strenger, tiefsinniger Askete. Auch der Chassidismus jubelte hier nicht in freier Gemütsmystik, wie in den gesangswogenden Steppen Podoliens, sondern wurde durch seinen größten Vertreter in diesem Lande in die Tanjatheorien akademisch eingezwängt. Denn das Leben ist ein Leben der Not; es wird inmitten qualvoller Entbehrungen bis zur äußersten Erschöpfung gekämpft, und in dem zerquälten Hirn bohren Gedanken und Gedanken. Es ist die erste Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Das polnische Leben Litauens steht noch im nachschwingenden Bannkreise der „Filarety", der Epigonen Mickewiczs und Sniadeckis, die in einem towianischen Mystizismus zum letztenmal entglommen, bevor sie endgiltig erloschen sind, und das jüdische Geistesleben wird noch vom Gaon beherrscht. Doch regt sich etwas Neues: die Haskalah, ein Schnappen nach Bildung, ein Naschen des Neuen, Fremden und Schönen, ein Ringen nach der Modernisierung des Althebräischen, ein rastloses Streben und ein ernstes Arbeiten, durchmischt mii einem naiven Pathos, das Welten zu erschaffen glaubt, wenn es der, Pfauenstil der „Melitzah" korrekter gestaltet oder ein fremdsprachigem Gedicht in die heilige Sprache zu übertragen vermag. Es fiebert in der grauen Gasse der Not. Die Funken, die Reb Menasche M'Ylio, in seiner wahren, inneren, geistigen und moralischen Größe, im Talmudismus hinterlassen hat, die Funken freier Forschung werden durch den tiefgelehrten Plungian und durch den ernstfrommen. aber toleranten Katzenelnbogen aufgeblasen und vermehrt. Bei aus Mischailischok, (Odom Ha-Kohen Lebensohn) wird ein großer Dichter — klassisch, dürr, aber von einem souveränen Können. Sein Sohn Michel, von einem wirklichen Talent durchleuchtet, erscheint meteorartig und verschwindet durch einen frühzeitigen Ted. Straschun, Vater und Sohn, machen große Ansätze zu einer talmudiscliwissenschaftlichen Kritik. Jehuda-Idel Schereschewski führt den Rationalismus in die Erklärung der talmudischen Hagada ein, Samuei Josef Finn bildet sich zu einem Polyhistor heran, Kaiman Schulmann poetisiert und beginnt zu übersetzen. Bald soll die Rabbinerschuk. die moderne Rabbinerschule, begründet werden, und man rüstet sie!'. In den Dachstübchen, in den kleinen Gäßchen, rings um den Schuihof, man lernt „Dykduk" und russische Grammatik; man begeistert sich an Schiller und auch an . . . Eugen Sue. Man schnappt eben: man schwirrt, wie die Bienen, honiglüstern umher. Und der Uhrmacher Klaczko hat ein Jüngelchen. Es heißt Löbe; Der Uhrmacher Klaczko ist selbst ein Maskil. Uhrmacher sine Maskilim. Löbel hat „a woile Kop". In Wilna sagt man auch: „a teiere Kopu. Kennt ihr den Iluj-Typus? Das Wunderkind de? Ghetto. Man trägt es auf Händen, es wird verwöhnt, begeistert« Verehrer umringen es. Der Iluj ist knabenhaft staunend, schüchtern, graziös, altklug —, manchmal auch schelmisch und übermütig, Im Cheder geht es mit ihm nicht; er ist zu sprunghaft und bringt die Melamdim in Verlegenheit. Auch späterhin, im Bet-hamidrasch. klappt es nicht. Ein Maskil-Iluj war Löbel, denn die Klaczkos waren Maskilim.

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