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Die Welt · 1906-12-07 · 49 (7.12.1906) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Näherführung für die Griechen; in dem gleichen Sinne, wie wir Juden heute auch vom „Tempel", „Geistlichen" sprechen. Gewiß war es ein Spiel mit dem Feuer. Aber in den Händen vorsichtiger und bedachtsamer Männer brauchte es nicht gefährlich zu werden. Daß indes diese Assimilation zu Übersteigerungen verführte, indem oberflächliche Naturen nur die frivole, leichte Außenkultur der Hellenisten übernahmen, wen kann das wundernehmen! Diese Erscheinungen finden wir durch alle Zeiten bei Kulturkreuzungen wieder. Immerhin: Die Anzahl dieser Kulturopfer scheint nicht so groß gewesen zu sein wie das Ärgernis, das sie erregten. Es ist doch sehr bezeichnend, daß die Vertrauensleute, die der gewandte Usurpator der Hohenpriesterwürde, Jason, — der Haupt assimilant m eh raus politischer Überlegung! — zum Kampfspiel nach Tyrus sandte, die dreihundert Drachmen nicht für das Herkulesopfer nach Jasons Weisung hingaben, sondern — in ganz moderner Übung — für Schiffsrüstung. Dabei ist es ganz gleichgiltig, ob die Gesandten — die als Antiochier bezeichnet werden — Juden waren oder Nichtjuden. Wenn sie den Befehl Jasons nicht ausführten, leitete sie eben die Rücksicht auf die allgemeine Stimmung in Judäa. Sie wußten, wie weit sie dem Hellenismus entgegenkommen konnten, ohne die Majorität des Volkes zu verletzen. Der nationale Kultus, der das Spezimen des Volkes war, durfte eben nicht berührt werden. Und als die Makkabäer den Widerstand gegen ' Antiochus organisierten, zeigte es sich bald, wie stark der jüdische Gedanke im Volke, zumal im Landvolk war. (Schluß folgt.) Eine offizielle Darstellung über die Judenmetzelei in Siedice Die „Russische Korrespondenz" veröffentlicht den offiziellen Bericht, den der Rittmeister Pjetuchow von der Gendarmerieverwaltung der Stadt Siedice unterm 27. September an seine vorgesetzte Behörde zu Händen des Warschauer Generalgouverneurs gerichtet hat. Der provisorische Generalgouverneur des Gouvernements Siedice, Generalmajor Engelke, hatte am 10. August den Obersten des 39. Dragonerregiments Tichanowsky zum Chef der Schutzgarnison der Stadt Siedice ernannt. Wie dieser seine Aufgabe auffaßte, darüber berichtet der Rittmeister Pjetuchow folgendermaßen: Den 11. August um 12 Uhr morgens wurde ich in das Geniarmerieamt gerufen, wo sich schon der Oberst Wyrgolitsch, die Rittmeister Petoskiy und Grigorjew, der stellvertretende Polizeichef ler Stadt Siedice, der Stabskapitän Protopopow und der Chef der Schutzgarnison, der Oberst Tichanowsky, befanden. Es wurde beuten, eine zweckmäßigere Blockade der Stadt und die Vornahme hier allgemeinen Haussuchung in Siedice; die letztere Maßregel var durch eine Depesche des Generalgouverneurs vorgeschrieben. Der Oberst Tichanowsky forderte sogleich, man solle ihm einige angesehene Bürger der Stadt Siedice nennen, die, obgleich sie persönlich an der revolutionären Bewegung nicht teilnehmen, doch auf rgendeine Weise dieselbe begünstigen. Der Oberst Tichanowsky .iußerte die Absicht, diese Leute ins Gefängnis zu stecken und sie!s Geisel zu behalten. Er wollte ihnen erklären, daß im Falle ines Attentats auf irgend einen Regierungsbeamten sie alle ermordet verden sollten. Oberst Tichanowsky sagte, daß er die Verantwortung für alles auf sich nehme. Als Oberst Tichanowsky befragt urde, auf welche Weise die Geiseln getötet werden sollten, wandte r sich an den Polizeichef mit der Frage, ob er ihm nicht einen ^olizeidiener zur Verfügung stellen könne, der bereit wäre, Wahninn simulierend, die Geiseln im Gefängnis niederzuschießen oder ihnen in die Speise Arsenik zu mischen. „Dem Terrorismus der Revolution müssen wir einen noch schrecklicheren Terrorismus entgegenstellen," fügte der Oberst Tichanowsky hinzu. Oberst Tichaowsky war nicht zu bewegen und blieb fest auf seinem Standpunkte, immer wiederholend, daß er die volle Verantwortung auf ch nehme. An demselben Tage, um 6 Uhr abends, versammelten sich alle wieder n Gendarmerieamt und berieten den Plan einer Blockade der Stadt nm Zwecke einer allgemeinen Haussuchung. Es stellte sich aber dabei leratis, daß mit Hilfe der in Siedice stationierten zwei Bataillone ^ies Libauer Infanterieregiments und eines Kavallerieregiments eine illgerneine Haussuchung vorzunehmen unmöglich sei; eine solche Haussuchung würde für mehr als 24 Stunden das Leben der Stadt :ahmlegen und hätte doch zu keinen positiven Resultaten geführt. Der Oberst Tichanowsky bestand aber auf einer allgemeinen Haussuchung und forderte unter anderem, daß der Polizeichef während 4er Haussuchungen die Feuerwehr bereit halten solle und alle Arzte sich zu derselben Zeit in den Hospitälern versammeln sollten. Seinerseits versprach Oberst Tichanowsky, die Militär-Lazarettwagen bereit zu halten. Als Oberst Tichanowsky befragt wurde, wozu;dle diese Vorbereitungen nötig seien, antwortete er, daß es vielleicht Tote und Verwundete geben würde, da man schonungslos vorgehen werde und der Gebrauch der Waffen empfohlen werden wird; es können dabei auch Feuersbrünste entstehen. So bereiteten wir uns auf die friedlichen Haussuchungen vor. Die Dragoneroffiziere, wie vs noch an demselben Tage bekannt wurde, rieben sich in Gesellschaft die Hände und sagten offen mit einem vergnügten Lächeln: •Wir werden ihnen schon einen guten Pogrom machen, wir werden schonungslos handeln;" Solche Gespräche führten auch die Soldaten. Am 12. August um 3 Uhr nachmittags fand im Gendarmerieamt eine neue Beratung mit dem Obersten Tichanowsky statt, der erklärte, daß die allgemeine Haussuchung in der Nacht auf den 13. August vorgenommen werde würde. Auf seine Forderung gab ich ihm ein Verzeichnis der Personen, die durch ihre verbrecherische Tätigkeit bekannt waren, samt den Adressen derselben. Als wir die Stimmung des Obersten Tichanowsky wie auch der übrigen Offiziere und Soldaten des Dragonerregiments kennen lernten, entschieden wir uns, gegen die Haussuchungen nach dem Plane des Obersten Tichanowsky zu protestieren, wobei wir uns auf die Unzulänglichkeit der vorhandenen Kräfte beriefen. Oberst Tichanowsky ließ sich aber nicht bestimmen. Oberst Wyrgolitsch fuhr deshalb sofort zum Gouverneur, machte ihn mit der technischen Seite der bevorstehenden Haussuchungen, namentlich mit der dazu erforderlichen Zeit und mit der Stimmung des Militärs bekannt und setzte einen Aufschub der Haussuchungen bis zur Ankunft neuer Truppen durch. Um Hilfstruppen zu bekommen, fuhr der provisorische Generalgouverneur am 13. August nach Warschau. Die Sendung der Truppen wurde ihm aber verweigert, und im Prinzip ließ man von der allgemeinen Haussuchung ab. Am 13. August erkrankte Oberst Wyrgolitsch und mußte das Bett hüten. Während meines Besuches beim Gouverneur machte ich ihn wiederholt auf die Stimmung des Obersten Tichanowsky und des Militärs aufmerksam und gab den Rat, dieselben im Zaum zu halten. Ich erklärte dabei offen, daß eine solche Stimmung zur Plünderung und zu nutzlosem Blutvergießen führen könne, wie es am 6. August nach der Ermordung des Polizeichefs Golzow geschehen war. Der Gouverneur schenkte, wie es schien, meinen Beweggründen Gehör, machte sich einige Notizen und versprach, die nötigen Maßregeln zu treffen. Bis zum 26. August sah ich noch ein paarmal den Obersten Tichanowsky, er war damals mit der Ausarbeitung einer Instruktion für das Militär beschäftigt, den Schutz der Stadt betreffend. Es stand darin unter anderem, daß bei dem Alarm in der Stadt dr.s Telegraphenamt die Entgegennahme von Privattelegrammen einzustellen verpflichtet sei. Ich fragte nach dem Zweck dieser Verordnung. Oberst Tichanowsky antwortete, daß er diese Verordnung gebe, damit die Einwohner der Stadt nicht telegraphisch um Einstellung des Pogroms bitten können. Sehr charakteristisch für die Persönlichkeit des Obersten Tichanowsky sind auch andere Tatsachen. So z. B. sagte er dem Polizeichef, den Plan einer allgemeinen Haussuchung wiederum besprechend: „Möge der Rittmeister Pjetuchow nicht meinen, daß wir jemanden verhaften werden; diejenigen, welche in dem Verzeichnis, das er uns gab, stehen, werden sich unter den Verhafteten nicht befinden." Das dient zugleich zur Erklärung der Tatsache, daß Lazarettwagen und Sanitätspunkte für die Zeit der Haussuchungen vorbereitet wurden. In der ersten Nacht der Beschießung von Siedice, gegen 3 Uhr am 27. August, wollte Oberst Tichanowsky aus den Kasernen des Dragonerregiments das Militärorchester zu sich kommen lassen, was ihm jedoch verweigert wurde. Da versammelte er einen Soldatenchor, und der Gesang erscholl mitten unter dem Schußgeknall, dem Blutvergießen, den Plünderungen und der Feuersbrunst. Oberst Tichanowsky erklärte später, daß er damit den Geist der Soldaten heben wollte. Wie es scheint, stellte er sich dabei auf dem Schlachtfelde vom überlegenen Feinde umzingelt vor. Endlich einige Tage nach den Unruhen, als ein Gerücht im Umlauf war, daß Oberst Tichanowsky ermordet sei, kam er in die Schwadron, deren Kommandierender er früher war, teilte den Soldaten dieses Gerücht mit und bat sie, daß, falls er wirklich getötet sein werde, sie sich seinem 2*

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