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Die Welt · 1906-12-07 · 49 (7.12.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6 _ DIE3J widmet, erwähnt Chanukkah nur an einer Stelle. Und wenn in einer wahrscheinlich späteren Halacha die Frage aufgeworfen wird: MahChanukkah? Warum begehen wir Chanukkah? Dann antwortet keiner mit dem Bericht der Makkabäertaten. Nur mit einigen Worten wird ihrer Erwähnung getan, und dann folgt eine komplizierte Untersuchung, wohin man die Chanukkahlampe stellen soll. Wie weit von der Tiir entfernt. Rabba sagte: „Innerhalb einer Handbreite von der Tür." Rab Acha bar Raba: „Rechts." Schemuel aus Diphte sagte: „Links." Die Halacha ist für links, damit sich die Chanukkahlampe links und die Mesusah rechts befinden. Und dann wird einige Folien lang über das Anzünden, das Öl und ähnliche Minutien mit großem Scharfsinn debattiert. Und Chanukkah ist auch ein Fest der Frau. Rabbi Jehoschua ben Levi sagte: „Frauen sind zum Chanukkahlichtanzünden verpflichtet, da sie an jener Wundertat beteiligt waren." So wird also auch die Judithsage in die Vorgeschichte hineingewebt. Nur eines fehlt: Die richtige Stellung der Makkabäer im Gefüge des Festes. Sollte diese seltsame Ignorierung nur Zufall sein? Oder wäre sie nur ein Beweis des unhistorischen Sinnes, der die Juden allzeit gekennzeichnet? Die Helden treten zurück. Ihr Werk bleibt bestehen. Die Autoren verschwinden, und nur der Inhalt ihrer Schriften dringt durch. Für den Kultus der Persönlichkeit, der starken Individualität ist in diesem durchweg demokratischen Volke keine Stätte. Jndes: Daß die Makkabäer so ganz vergessen werden konnten, dafür müssen denn doch noch tiefere Momente entscheidend gewesen sein, die letzten Grundes auf die innere Politik, auf die Parteibildungen, auf die ganze weitere Entwicklung des jüdischen Volkes in dem letzten vorchristlichen Jahrhundert hinführen. Die Zeit vor der makkabäischen Erhebung liegt im grauen Nebel hinter uns, durch den wir nur Schritt für Schritt vordringen können, ohne auch dann noch zu wissen, ob wir nicht in die Irre gehen und uns nur im Kreise drehen. Die gewaltigen Kämpfe, die nach dem Tode des großen Alexanders Westasien erschütterten, haben auch die Juden in ihren Strudel gerissen. Um Cölesyrien wurde gerungen mit jäh wechselndem Erfolge. Für die Leiter des benachbarten Palästina hieß es da, zwischen ägyptischen und syrischen Machtinteressen zu balancieren. Damit waren politische Parteiungen und Zwist im Innern gegeben. Nicht nur der Kriegslärm fand sein Echo in den Bergen Palästinas. Der blutige Charakter dieser wilden Zeit wird auch in Judäa sichtbar. Meuchelmord, Bestechung, Bruderkrieg. Die Würde des Hohenpriesters ist Siegespreis. In dieser inneren Zerrissenheit findet Antiochus Epiphanes Veranlassung zum Eingriff. Er will die Tobiaden in die priesterliche Herrschaft einsetzen. Anfangs sind es nur parteipolitische Interessen, die ihn leiten. Erst seine weitausschauenden Pläne führen ihn zu-. dem Versuch einer gewaltsamen Unterdrückung des Judentums. Die Ansicht hat sicher keine Berechtigung, daß lediglich frivoler Übermut und Siegerlaune ihn leitete. War er selbst jener reizbare Hysteriker, als den ihn die Römer hinstellen möchten, so scheint es sicher, daß die Einführung hellenistischer Kultur im ganzen Gebiet seines Reiches die politische Maßregel eines weitblickenden, seiner Zeit vorauseilenden Herrschers war. Er wollte sein Besitztum sichern, nicht sowohl durch starke Heere, sondern durch eine innere kulturelle Einheitlichkeit, die den locker aneinandergefügten Satrapien eine erhöhte Festigkeit geben könnte. Die heidnischen Völker setzten ihm keinen äußeren Widerstand entgegen. Und da er die kulturelle Höhe der Juden unterschätzte, weil er in ihnen auch nur irgendeine Sekte mit besonderen Zeremonien und spezifischen Sitten sah, hoffte er mit ihnen ein ebenso leichtes Spiel zu haben. Das war der Irrtum. An diesem prinzipiellen Irrtum zerschellte sein] Werk. Nicht der Hellenismus — eine andere Macht, die aus dem Judentum herauswuchs, sollte den Kitt der Volkschaften geben! In diesem Sinne war der Kampf gegen die Juden ein welthistorisches Ereignis. Nur jgELT - — No. 49 war es nicht, wie man es hinzustellen pflegt, der Kampf zwischen Hellas und Judäa. Kein Entweder — Oder! Wer in den historischen Begebnissen Erfüllungen providentieller Präformationen sieht oder nur Gesetzmäßigkeiten nach Leitideen abstrahieren will, auch für sie darf sich das Zeitproblem nur so darstellen, daß für den Kulturinhalt der Zukunft auch der Geist des Judentums seinen Anteil einbringen konnte. In starkem Maße! Der Despot Antiochus konnte als Kinc seiner Zeit in seinem Autokratenwahn nicht erkennen, daß kulturelle Mischungen zu höherer Einheit sich nur in langsamer Anlagerung vollziehen, und daß äußere Gewalt diese empfindlichen Prozesse nur stört. Für diesen Gedanken war die Zeit nicht reif, und alle psychologischen Voraussetzungen waren noch nicht geboren. Denn waren sie gegeben, so hätten wenigstens die feineren Köpfe schon erkannt, daß der kulturelle Assimilationsprozeß bereits in vollem Gange war. Der Handel und die wirtschaftlichen Prozesse höherer Ordnung hatten die Völker einander näher gebracht. Und nicht zuletzt hatten die großen Weltkriege zwischen den Nationen bereits hochentwickelter Kulturen notwendigerweise einen geistigen Austausch gebracht. So war auch der Hellenismus nich; mehr das alte Hellenentum. Er war vollgesogen mit dem geistigen Reichtum des Orients. Und Juda hatte seinen Anteil gegeben unci gab ununterbrochen von seinem Geiste! Schon lag die grie chische Übersetzung der Hauptschriften des alten Bundes, die Septuaginta, vor, und für die Lehn Mosis war auch den Griechen der Zugang eröffne! Und es sprechen gewichtige Gründe dafür, daß diese griechisch; Übersetzung der heiligen Bücher — wie sie für die Alexandrine eine religiös-nationale Notwendigkeit war — auch im Heimatlande nicht ungern gesehen wurde, denn erst nach Jahrhunderten nehmer unsere Weisen den Kampf gegen die Septuaginta auf. Aber aucl die Juden waren nicht mehr in ihrer exklusiven Kulturreinheit geblieben. Ein Kranz griechischer Städte umgab Judäa. Der Hand ei. — gab er nicht Berührungsflächen in Fülle ganz ohne Kampf/ Und mit der Sprache mußte auch griechische Bildung und Gesittung unter den Juden Eingang finden. Die hebräische Sprach: war doch schon durch die aramäische, ein Schwesteridiom, ha;; bedrängt, vielleicht gar unterdrückt worden. Nun drang da Griechische durch tausend Poren ein. Von starker Bedeutung finden kulturellen Ausgleich war die ägyptische Diaspora, zu der doc::i von Judäa viele Fäden führten. Nicht nur die regelmäßige Steuer, das Didrachmon, das die Alexandriner nach Jerusalem zahlten-, auch verwandtschaftliche Beziehungen führten sie zusammen und weckten Interesse an den geistigen Besitztümern von Hellas au i in Palästina. Wellhausen macht darauf aufmerksam, wie vie e Anzeichen dafür sprechen, daß der durch die Ränke der Tobiade; vertriebene Hohepriester Onias, nachdem er in Leontopolis;i Ägypten einen Tempel gegründet hatte, einen starken Literatore: anhang im Heimatlande besaß. Diese Assimilation zwischen d< :i beiden Kulturen, die beide zugleich die Gebenden und d e Nehmenden waren, brauchte also nicht erst dekretiert zu werde.1. Gerade die vornehmen jüdischen Kreise, die Priesterschaft, i:ie Reichen, die oberen Schichten in der städtischen Bevölkerung mußten Geschmack an den feineren Lebensformen, an der Ästhet k eines feineren Menschentums, wie der Hellenismus sie bot, findet Daß die Hellenisierung der Namen großen Anstoß erregte, wiru kaum angenommen werden können. Finden wir doch auch in clor Folge, obwohl der Haß gegen die griechische Kultur sozusagen dogmatisiert worden war, auch bei den Talmudlehrern griechisch' Namen. Ursprünglich war die griechische Formgebung der Namen vielleicht eine notwendige Maßregel, weil der griechischen Zunge die hebräischen Wörter unmöglich waren. Ebenso dürfte die Bezeichnung unseres Heiligtums als Zeustempel zunächst nicht en: Bruch mit der alten Religion gewesen sein, sondern nur eine garn äußerliche Übertfaguhg, eine Verständlichmachung, eine begriffliebt

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