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Die Welt · 1906-12-07 · 49 (7.12.1906) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 49 DIE^KELT — 5 CHANUKKAHFEST UND MAKKABÄERFEIER Von Dr. THEODOR ZLOCISTI Es ist noch, nicht so lange her, daß zu dem alten Namen unseres Festes, Chanukkah, auch der deutlichere Hinweis auf die Makkabäer als die Träger der Geschichte unseres großen nationalen Freiheitskampfes hinzugetreten. Wohl finden wir schon in Johann Christoph Georg Bodenschatzens, Hochfürstl. Bayreuth. Pfarrers in Uttenreuth, kirchlicher Verfassung der heutigen Juden, sonderlich derer in Deutschland (vom Jahre 1748) die Bezeichnung: „Fest der Hassamonäer" als einer üblichen — allein wirklich ins Volk gedrungen scheint der Name Makkabäerfeier erst in unsern Tagen. Ist diese terminologische Gleichsetzling nur der Anfang einer völligen Verdrängung der traditionellen Bezeichnung, oder haben wir es hier nur mit einem mehr spielerischen Brauche zu tun? Oder liegen hier tiefere Antriebe vor, die auf eine veränderte Auffassung jener geschichtlichen Begebnisse, die den Festesanlaß geben, deuten lassen? Vielleicht daß dann auch die Wandlung der Auffassung dieser Feier nur die Sichtbarwerdung gewisser Wandlungen sei, die sich ganz allgemein in der Wesenssubstanz der jüdischen Volksseele in langsamer Entwickelung vollzogen haben. Auch die Feste haben ihre Schicksale. Eingefügt in den Kreis menschlichen Seins, sind sie den Prozessen organischen Lebens unterworfen. Anbau und Abbau erfahren auch sie. Sie entstehen und vergehen. Als Ruhetage haben sie ihren Wert, da sie das Joch des Alltags lösen und die im ewigen Einerlei sich sonst abstumpfenden Sinne frisch erhalten. Als Tage der Erinnerung wollen sie den vorwärtsdrängenden Geist an seine Ausgangspunkte zurückweisen, zur Erkenntnis der Wegesrichtung führen und regulierend wirken. Und indem die Feste, die scharfen Einschnitte im Leben unserer Erde, den Wechsel des Mondes, der Sonnentage, die Reifung der Früchte uns ins Bewußtsein heben, wollen sie das Band von neuem knüpfen, das uns Staubgeborene an die Mutter Erde festhält, damit den vom Gottesodem beseelten Menschen nicht die flatternde Gier m den wallenden Flor weit über die Erde verflüchtigen läßt. Es ist eine reizvolle Hypothese, daß auch Chanukkah einstmals .An Fest ans kosmischen Motiven war. Die Endwoche des Monats \isiev fällt in die Zeit der Wintersonnenwende, die das jüdische Ackervolk mit Lichtern und Palmen und grünen Zweigen feierte. Erst später hätte man, meint Wellhausen,*) auf diese Tage das 1 empelweihefest gelegt, um die nötige jüdisch-historische Berechtisrung zu schaffen. „Die verbindende Idee zwischen dem natürlichen und dem geschichtlichen Feste war die Wiederkehr des heiligen;:euers (einerseits des Sonnen-, anderseits des Altarfeuers)." Wir vissen nicht, wann das Chanukkahfest eingesetzt worden ist. Der Verfasser der ersten Makkabäerbücher, der im ersten Drittel des;etzten vorchristlichen Jahrhunderts gelebt hat, zwischen dem Tod •Johann Hyrkans und dem beginnenden Zwist mit Rom, kennt es schon. Ein Jahrhundert etwa war verflossen seit den Ruhmestaten Juda Makkabis. Nur ein Jahrhundert kaum! Aber reich an innern Wandlungen. Hastig hatte sich die alte soziale Struktur des Volkes aufgelöst. Und der neue Sinn, der in"das alte Fest der Wintersonnenwende hineingetragen ward, erzählt er nicht die Geschichte eines Volkes, das nicht mehr fest auf der Scholle saß und den Gang der Gestirne nicht mehr mit den Augen des Landmannes verfolgte? Und mußte in der Folge der kosmische Festtagsursprung nicht ganz verloren gehen, wo das Volk ins Elend ziehen mußte und in die Berufe entwurzelter Vermittler gezwängt ward? Es gewinnt auch von dieser Seite her eine innere Begründung, daß die Juden Alexandrias zunächst die Chanukkahtage nicht festlich begehen wollten. Wohl hatten sie die Verbindung mit dem Heimatland in den Jahrhunderten ihrer frühen Diaspora nicht verloren — und die Wirren der Diadochenzeit hatten immer neuen *) Wellhausen. Jüd. u. israel. Geschichte, III. Aufl., S. 256, Note. Nachschub nach Ägypten gebracht, — allein, was sollten dem Handelsvolk die Feste des Landmanns, zumal diejenigen, die nur im Brauch des Landmanns geheiligt waren, aber nicht in der Thora ihre Festlegung erfahren hatten! Freilich fehlte es ihnen auch sonst nicht an Gründen für die Ablehnung des neuen Feiertages. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das achttägige Chanukkah nur einen Ersatz für das Laubhüttenfest darstellt. Die Ähnlichkeit liegt klar vor uns. Ünd das zweite Makkabäerbuch spricht mit Trauer davon, daß die Kriegswirrnis die Juden von ihrer Wohnstatt in die Berge und Wüsten trieb und die stille Beschaulichkeit der Sukkothtage zerrissen wurde in der Hast und Unstetigkeit der Kämpfe. Als aber die Ruhe wieder eingekehrt war, holte man die achttägige Festzeit nach. Natürlich konnten die Alexandriner Juden, die ja getreulich, wie das Gesetz es befahl, Sukkoth begangen hatten, die spezifischen Unterlassungsgründe der Palästiner nicht berühren. Zunächst nicht. Erst die religiöse Begründung der Feier als ein Gedächtnis an die Reinigung und Weihe des Tempels, der ja auch ihr Heiligtum war, hat darum ihren Widerstand gebrochen und sie zur Erfüllung der Forderungen veranlaßt, die in den beiden Sendschreiben am Anfang des 2. Makkabäerbuches ausgesprochen waren. Mögen die beiden Sendschreiben auch nur äußerlich und zusammenhanglos angefügt sein, ihre Authentizität scheint nach den Ausführungen Graetzens in seiner Monatschrift 1870 und anderer Forscher kaum angezweifelt werden zu können. * Lange Zeit muß darüber hinweggegangen sein, bis das Fest zum Gemeingut des jüdischen Volkes wurde. Für die Bezeichnung Chanukkah fehlt seltsam genug in der griechischen Literatur jeder Ausdruck. Erst im Evangelium Johannis, das etwa aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert stammt, finden wir einen synonymen Begriff. Und ebenso langsam scheinen sich die spezifischen Festbräuche entwickelt zu haben. Noch Hillel und Schammai stritten, in welcher Reihenfolge man die Lichter entzünden sollte, ob zuerst mit acht Lichtern, wie es Schammai wollte, und dann jeden weiteren Tag eines weniger, oder mit einem Lichte, dem jeden Tag ein zweites zugeführt würde, wie Hillel es lehrte. Chanukkah war in erster Reihe das Fest des Lichtes, und nur als dieses ist es auch dem Josefus bekannt. Hier setzte dann auch die spätere Deutung an. Die Makkabäer als die kraftvolle Ursache der Befreiung des Volkes traten ganz in den Hintergrund. Ihr Werk wurde vergessen, wahrscheinlich weil das Gedächtnis an ihre Taten gewaltsam ausgelöscht wurde. Und aus üppig wuchernden Legenden wurde nun die Erklärung für das Lichterfest herausgepreßt. Der Talmud (Sabbat 21 b) berichtet: Als die Griechen in den Tempel eindrangen, verunreinigten sie alle Öle, die im Tempel waren. Nachdem die Herrscher aus dem Hause der Hasnionäer sich ihrer bemächtigt und sie besiegt hatten, suchte man und fand nur ein einziges mit dem Siegel des Hohenpriesters versehenes Krüglein mit Öl. Für einen Tag würde es gereicht haben. Aber das Wunder begab sich, daß es volle acht Tage brannte. Gewiß, das ist ein Wunder, das sich würdig den Wundern anfügte, die in der Erinnerung des Volkes lebten. Allein ein Wunder anderer Ordnung, ein Geschichtswunder ist es, wie die Makkabäer fast aus allen Vorstellungskreisen des jüdischen Volkes allmählich verschwinden konnten. Nur der christlichen Kirche danken wir die Erhaltung der Makkabäerbücher. Sonst wäre das Werk der Makkabäer für uns vergessen und ein Ruhmestitel in unserer nationalen Geschichte verloren. Die Mischnah, die einen ganzen Traktat dem Purinifest 2

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