Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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16 DIE^ELT No. 48 In Jerusalem ist ein hebäisches Sammelbuch „Haomer" in Druck gegeben worden, das 30 Druckbogen enthält. Der literarische. Teil ist fast gänzlich von palästinensischen Verfassern geliefert worden, was eine große Genugtuung für die Herausgeber bedeutet. Das Buch wird auch illustratives Material über die Arbeiten des Bezalel enthalten. Es ist sehr erfreulich zu konstatieren, daß in einzelnen Kolonien, z. B. wie in Rechoboth, eine große Annäherung zwischen der Jugend der Kolonien und der neu angekommenen Arbeiterjugend erfolgt ist. Am Feiertage Sukoth machten die Arbeiter und die Jugend von Qedera und Rechoboth einen gemeinsamen Ausflug nach „Modim", dem „Orte der Makkabäer", der einen außerordentlich erhebenden Verlauf nahm. ooooooooooooooo NOTIZEN Die soziale Lage der Wiener Juden Von D. L. Sofer Soeben ist der Bericht des Präsidiums der Wiener Kultusgemeinde für 1904 und 1905 erschienen. Er verdient wohl eine eingehendere Würdigung schon aus dem Grunde, weil Wien zu den größten jüdischen Gemeinden gehört, die überhaupt bestehen; es wird wohl nur von New-York, Warschau und London übertroffen. Auf Grund des Zuwachskoeffizienten in den Jahren 1890 bis 1900 berechnet, ergibt sich für 1905 eine Seelenzahl von 163 326; .ich glaube aber, daß die wirkliche Einwohnerzahl hinter diesen Ziffern etwas zurückbleibt, da die biologischen Verhältnisse der Wiener Juden sich entschieden in der letzten Zeit verschlechterten. Man vergleiche nur die Zahl der Lebendgeburten in den Jahren 1904 und 1905. Lebendgeburten 1904 1905 männlich ehelich.......... 1316 1223 weiblich ehelich.......... 1172 1167 männlich unehelich ........ 194 156 werblich unehelich......... 191 171 Zusammen . . . 2873 2717 Es ergibt sich also ein Defizit von 156 Geburten, wobei noch erschwerend in Betracht fällt, daß die Kopfzahl von 1904 bis 1905 natürlich zugenommen hat; für 1904 wird eine Seelenzahl von 159 926 nach derselben Berechnung wie oben angenommen. Dieses schlechte Zeugnis für den Standard der Wiener Juden wird auch dadurch bestätigt, daß, während die Zahl der Lebendgeburten abnimmt, _^ie_ZaMderTc^__ Todesfälle 1904 1905 männlich 1065 1131 weiblich 917 971 Zusammen . . . 1982 2102 Hierher gehört auch, daß die Zahl der Eheschließungen abgenommen hat, die Zahl der Ehescheidungen dagegen zugenommen hat. Ehen 1904 1905 883 863 Ehescheidungen von Tisch und Bett....... 13 32 Ehetrennungen (das ist gänzliche Lösung) .... 43 46 Ehekonvalidierungen (gaTizischer Ehen)* . . . 72 55 107 103 Legitimierungen unehelicher Kinder durch 1 C\f\A nachfolgende Eheschließung 19U4 1905 56 49 59 49 Zusammen . . . 115 98 ■ Wir sehen also auf allen in Betracht kommenden Gebieten einen Rückgang; nur die Steuereingänge wachsen. Der niedrigste Zensus der Kultussteuer beträgt 20 K., eine unverhältnismäßig hohe ^Grenze, weshalb die oppositionellen Parteien schon seit Jahren auf eine Herabsetzung des Steuerminimums drängen; bei der Verbohrtheit unseres Präsidiums natürlich umsonst. *) Bloß rituell geschlossene Ehen werden nach dem öffentlichen Rechte neu geschlossen. 3> oooo ooooooooooo O — 3 Anzahl der Steuerträger Steuerei ngang 1904 19 095 1 170 589.17 K. 1905 20 255 1 176 069.96 K. Mit einem Erträgnis von über einer Million Kronen Kultussteuer ließe sich schon manches gegen den Niedergang des Wiener Judentums ausrichten; dazu gehörte aber ein sozialpolitischer Geist, den man vergebens in der Seitenstettengasse sucht. Der einzige Lichtblick des Berichtes ist der wenn auch fasi unmerkliche Rückgang der Taufen, obgleich die absolut hohe Ziffer das Präsidium und Rabbinat zum Nachdenken veranlassen sollte. Austritte aus dem Judentume! 1904! 1905 - 351! 272 333 274 noch zusammen:! 623 607 Widerrufe der Austritte, Über- und Rücktritt zum Judentume |! 1904 1905 •27 36 | 84 71 zusammen: 111 107 Der fortschreitenden Proletarisierung der Wiener Juden entsprich es auch, daß von 2193 Beerdigungen im Jahre 1905 mehr als 65" unentgeltlich stattfinden mußten, da die Leidtragenden unbemittel waren. Unter den bezahlten Leichenbegängnissen fanden von 75i> 450 nach der IV. (billigsten) Klasse statt. Die Anzahl der „Gratis leichen" stieg von 1342 im Jahre 1904 auf 1443 im Jahre 190jedenfalls auch ein ungünstiges Symptom. Ebenso wurden v: Rothschildspital (es heißt Rothschildspital, obgleich die Gemeinde im Jahre 1905 z. K 206 192 K. aus den Steuern decke mußte) von 1838 Kranken unentgeltlich 1505 Kranke, d. i. 81.9% nach der I. Klasse 52 „ „ 2.8 > „ II. „ 138 „ „ 7.5 ü/o „ III. „ 143 „ „ 7.8 °/o verpflegt. Die Versorgung saust alt, bestehend aus dem Altersve; sorgungshaus und der Siechenabteilung, genügt den Bedürfnisse nicht. Der Bericht sagt darüber: „Angesichts der übergroßen Avzahl berücksichtigungswürdiger Aufnahmebewerber erweist sich der Belegraum der Versorgungsanstalt als unzulänglich. Hunderte vor. Aufnahmegesuchen um Schutz für einen kurzen Lebensabend liegen vor und müssen wegen Platzmangel lange Zeit unerledigt bleiben Nicht selten ereignet es sich, daß solche, die für die Aufnahme be reits vorgemerkt sind, den Zeitpunkt der Einberufung nicht mehr erleben." Die Armen an st alt verausgabte, sagt der Bericht, für Unter Stützungen einschließlich der von der Kultusgemeinde überwiesenen Dotationen im Jahre 1905 K. 110 418, welche Beträge angesichts des andauernd um sich greifenden Notstandes der unter dem Drucke der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse besonders schwer leidenden armen jüdischen Bevölkerung als lange nicht hinreichend bezeichnet werden müssen. Es ist dringend erforderlich, daß der Wohltätigkeitssinn der besser situierten Gemeindemitglieder sich