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Die Welt · 1906-11-30 · 48 (30.11.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 y f ELT No. 48 §G O II □□□□□□ FEUILLETON o □□□□□□!) o O- — JJ O VON WIENER KÜNSTLERN Von OSKAR ROSENFELD, Wien Die Einheit von Stoff und Darstellung zu gewinnen oder Stil zu schaffen, ist den Künstlern jüdischer Rasse bisher nur selten gelungen. Sieht man von den Altmeistern ab, von denen der eine Israels, bis ins Greisenalter von frisch pulsierender Kunst, die Anekdote in seinen Bildern nicht los werden kann, Liebermann mit seiner großen Realität die kühnen Ausschnitte aus der rralen Wirklichkeit ohne Reflexion und Setimentalität bietet, so hat man noch eine große buntgemischte Fülle künstlerischer Eindrücke zu registrieren: eine Welt einfacher Linien und Formen oder eine Welt krauser, ja vager Impressionen. Aus verschiedenen Lagern stellt sich das Gerüst malerischer Tätigkeit zusammen, und der eigene Rest, den ein jeder zu geben vermag, ist gering, bisweilen zu gering. Wir wissen es ja: sie alle streben nach der Tat, in welcher die malerischen Gedanken wie mit bezwingender, sugestiver Gewalt restlos aufgehen; sie suchen in ihrem Scharfen jenen großen Tag zu finden, jenen Tag im Feste des Lebens, an welchem, wie Emerson sagt, sich das innere Auge für die große Einheit in allen Dingen öffnet. Und die große Einheit kann in diesem Falle nur das jüdische Volk sein. Vielfach sind die Wege, die zu ihm führen. Die große Liebe, das große Mitleid, die tiefe Kunst . . . Wie alljährlich treten auch heuer die jüdischen Künstler in der Herbstausstellung des Künstlerhauses auf den Plan. Der Landschafter Kaufmann mit seiner stillen, beschaulichen Art, die wahrlich wohltut, während wir Isidor Kaufmann, bei dem man bisher Stoff mit Form verwechselte, leider vermissen. Eine sonderbare Entwicklung nimmt Schattenstein. Seine Porträts sind mit tadellosem Raffinement gemalt; es steckt sogar schon etwas Kultur in der Farbenharmonie. Aber ich kann mich trotzdem des Gedankens nicht erwehren, daß wir es mit einer kranken Kunst zu tun haben; die absichtlich vermiedenen Kontraste, die Sucht bezw. Sehnsucht nach Vereinfachung zeugen von einem unausgereiften Stilverständnis, das mehr zur Dekadenz als zu einem strengen und wahren Ausdruck hinneigt. Hier wäre auch Jehudo Epstein zu nennen, der durch ein keckes Damenporträt überrascht; ja das geübte Auge wird auch ganz besondere malerische Qualitäten darin entdecken können. Ehrlich kämpft Krestin um die Gabe der letzten Einheit, die allein ein Kunstwerk ausmacht, um die Abgeschlossenheit des dargestellten Sujets. Diesmal hat er das so glücklich behandelte Ghettomilieu verlassen; er bringt weder lokale noch persönliche Typen, sondern Porträts. Seinen Bildnissen ist noch der Krampf des Schaffens anzusehen; vielleicht gelingt es ihm, den schalen Überrest der Stofflichkeit abzustreifen und mehr Seele als Materie zu geben. Dasselbe gilt von David Kohn, dem allbekannten Rötelzeichner. Seine stupende Röteltechnik bändigt die Form eher; aber auf dem Wege, der vom Objekt übers Auge zum Papier führt, bleibt so vieles liegen, daß man die Absichtlichkeit merkt und dem, Künstler raten möchte, nicht gewollt geistreich zu sein. In. der Sezession ist Sam. Hirschenberg mit einem interessanten Bilde vertreten. Koloristisch und zeichnerisch von einer unendlichen Zartheit, weist es auf die besten französischen Muster, wenn auch das nationale Element stark in den Vordergrund tritt. Seitdem uns Hirschenberg in seinem großangelegten Werke „Golus'* die erschütternde Tragödie des jüdischen Volkes in Rußland entrollt hat, ist er ein wenig schweigsam geworden. Große Hoffnungen haben sich an jenen gewaltigen Wurf geknüpft. Er war der einzige große Künstler, dessen bewußt nationales Schaffen uns die reifen Werke eines Pasternak und Pilichooski, die kennen zu lernen uns Wienern nur aus illustrierten Zeitschriften vergönnt ist, ergänzen konnte. Auch Abraham Neumann, der junge Palästinaschilderer. ist in die Ferne gerückt. Von plastischen Werken jüdischer Künstler ist in Wien so gut wie gar nichts zu sehen. Und doch dürfte gerade die Plastik, nachdem Künstler wie Autokolski und nach ihm Glicenstein und der jüngst erst rühmlichst genannte Aronsohn die Losung gegeben haben, den Erlösungsschrei tun, der das Zeichen der erwachenden jüdischen Kunst ist. Auf dem Wege der Freiheit zur Gleichheit und Brüderlichkeit Eine histor.=jüd. Betrachtung von Dr. Alfred Goldschmidt, Breslau Von Dr. med. CARL KASSEL, Posen Aus der Feder des in der jüdischen Bewegung nicht unbekannten Verfassers der Broschüre wäre mir eine historisch-jüdisch-kritische Arbeit, in welcher das Kritische das Wesentliche hätte sein können, erwünschter gewesen. Er bringt uns vorwiegend eine Entwicklungsgeschichte der Judenrechte, die in dem engen Rahmen von 34 Seiten eine recht geschickte Darstellung des Werdeganges unseres Volkes ist. Sie wird manchen Leser anregen, sich in die Geschichte der Juden mehr zu vertiefen, als dies im allgemeinen bisher der Fall war. In diesem Sinne ist das Erscheinen der Arbeit als eine erfreuliche Bereicherung des Büchermarktes zu begrüßen. Die Forderung der etwas eingehenderen kritischen Betrachtung ist sachlich durch den Schluß der Broschüre begründet. Wir lesen da: „Sind wir aber im Innersten unserer Seele überzeugt, daß wir alle Eignung zu völlig gleichen politischen und gesellschaftlichen Rechten besitzen, und daß nur Ungerechtigkeit und Rückständigkeit unseren Ausschluß bedingen, dann ist unsere erste Pflicht, immer wieder nach dem guten politischen Grundsatz zu handeln: „zu sagen was ist", ungehindert dadurch, ob es da oder dort unbequem ist und nicht gern gehört wird. Es ist die allererste Vorbedingung der Besserung. Will uns aber die Regierung und die Gesellschaft nicht hören mit dem, was wir zu sagen haben, so, wollen wir es für unsere Kinder aussprechen, daß sie, einer gedrückten Gemeinschaft angehörend, für Vergangenheit und Gegen wart keinen anderen Anlaß haben, sieh gedrückt zu fühlen als den einer dauernden Ungerechtigkeit ausgesetzt zu sein. Mögen su dann mit mehr Erfolg als die Väter den Kampf, den jene um du gesetzliche Gleichberechtigung geführt haben, aufnehmen um di wahre Gleichheit und Brüderlichkeit. Sie brauchen sie nicht zu erbitten, sie haben das Recht sie zu fordern."---- Wenn das die Lehre aus den mehrtausendjährigen Kämpfe!i sein soll, dann wird es in künftigen Generationen um die Trent' zum Judentum sehr schlecht bestellt sein; denn das bloße Bewußtsein der Ungerechtigkeit und der Rückständigkeit der anderen die dabei aber schon durch ihre Zugehörigkeit zu ihnen in gan:-' passabler gesellschaftlicher Position uns Juden gegenüber sich befinden, wird unsere Kinder und Kindeskinder nicht zu Märtyrern machen. Die Arbeit klingt wie ein Testament aus. Es ist von jemand

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