Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Hilfsverein der deutschen Juden Am 25. November fand unter dem Vorsitz von Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" statt, die besonderes Interesse1 dadurch hat, daß über das umfangreiche Hilfswerk für Rußland' Bericht erstattet wurde. i Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat nach diesem Bericht; in dem „Pogromjahr", beginnend mit den furchtbaren Judenmetzeleien in den Oktobertagen 1905, sehr erhebliche Summen für das russische Hilfswerk ausgegeben. Nach London und Petersburg an; die gemeinsame Kasse der großen jüdischen Organisationen wurden zur Verteilung in Rußland abgeführt:..... 1.350 000 Mk. Nach Odessa direkt............. 111 000 „ Nach verschiedenen anderen russischen Städten 106 700 „ An einzelne Institute und Gemeiden wurden gezahlt 21 500 „ Die Fürsorge für Emigranten erforderte .... 486000 „ Zur Versorgung von Witwen, Waisen, Krüppeln und Kranken und ferner zur Unterstützung geschädigter Christen wurden aufgewendet ... 54 800 „ Insgesamt also wurden für das russische Hilfswerk verausgabt................ 2.130 000 Mk. Insbesondere ist hervorzuheben, daß infolge der in Rußland Lveschaffenen Organisation die Verteilung der Gelder an die Betroffenen sich ohne-.jeden Zwischenfall abgespielt und zu begründeten Beschwerden absolut nicht geführt hat. In der Sitzung wurde ferner für eine Reihe von Wohlfahrtsmstitutionen in Minsk; Kowno, Wiina, die durch die Zustände in Rußland in Verfall zu geraten drohen, 5033 Rubel bewilligt. Zur Verteilung an die Opfer einer Brandkatastrophe, die im Oktober in Novo Bychow, Gouvernement Mohilew, stattgefunden und die 48 Familien in Mitleidenschaft gezogen hat, sollen 1000 Rbl. iberwiesen werden. Palästina-Tätigkeit Die Gesellschaft zur Unterstützung der Juden, Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina mit dem Sitz in Odessa, die •s sich zur Aufgabe gemacht hat, die Auswanderung aus Rußland iach dem Orient in rationelle Bahnen zu lenken, zu überwachen ind an den.Plätzen, die für die Auswanderer in Betracht kommen, uforrnationsbureaus einzurichten, unterstützt der Hilfsverein der )eutschen Juden durch Finanzierung des Informationsbureaus in Jaffa. Für dieses Bureau das dadurch in ein engeres Verhältnis u dem Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten ies Hilfsvereins tritt, sind für das Jahr 1907 Frs. 7500 gewährt vorden, so daß dies Bureau, das für die Auswanderung nach Palästina die größte Bedeutung hat, nunmehr erfolgreich zu arbeiten in der Lage ist. Damit ist ein neuer Schritt vorwärts gern, entsprechend dem Programm, das vom Hilfsverein der Deutschen üiden auf der Konferenz von Frankfurt a. M. am 4./5. Dezember ()04 aufgestellt worden ist. Es wurde damals beschlossen, die von icn jüdischen Auswanderern aus dem Osten hauptsächlich benutzten •touten mit Informationsbureaus zu besetzen, so daß die Auswanierer vor Ausbeutung geschützt und mit dem nötigen Tatsachenmaterial für ihre Reise versehen werden könnten. Für Deutschland;t dieses Werk durch den Hilfsverein in allen Teilen durchgeführt vorden. Für den Osten kann nur langsam an die Verwirklichung ies Planes herangetreten werden. Durch das Vorgehen des gekannten Vereins in Odessa rückt die Lösung der Aufgabe nunmehr iir die orientalischen Länder in greifbare Nähe, und durch die Gewährung der finanziellen Unterstützung für das Jaffaer Informationsuireau wird es dem Odessaer Komitee möglich sein, ganz Süd- ■ Rußland mit den erforderlichen Nachrichten über Palästina zu "ersehen, und alle jene jüdischen Auswanderer, die sich alsdann nach Palästina begeben, werden bei ihrer Landung in Jaffa durch ias Bureau selber in entsprechender Weise unentgeltlich zurechtgewiesen werden können. Auf dem Gebiete des Erziehungswesens in Palästina ist ein weiterer Schritt vorwärts gemacht worden. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat von Beginn seiner Tätigkeit in Palästina an das Prinzip bestätigt, mit der Begründung von Kindergärten den Anfang zu machen. Die praktischen Erfahrungen, die der Hilfsverein in Jerusalem, Jaffa und Saffed gemacht hat, bestätigen, daß die Errichtung von Kindergärten die Grundlage für eine ersprießliche Jugcndbildung im Orient sein muß, und es ist besonders erfreulich, daß infolge der in den Zentralen des jüdischen Lebens Palästinas erzielten Erfolge die Notwendigkeit und der Segen dieser Institute in immer weiteren Kreisen erkannt wird. Es lagen Anträge aus Beirut und Haifa betreffs Bewilligungen zur Begründung eines Kindergartens vor. Das Komitee, das sich zur Einrichtung eines Kindergartens in Haifa gebildet hat, schrieb in seinem Gesuch u. a.: „Der Ruf der segensreichen Erziehungstätigkeit des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Palästina ist auch nach unserer Stadt gedrungen. Speziell haben wir teils direkt, teils indirekt die schönen Resultate Ihrer Kindergärten in Jerusalem^, Jaffa und Saffed kennen gelernt und sehen in dieser Institution die richtige Basis einer gesunden, einheitlichen Jugenderziehung in unserem Lande. Ais Einwohner dieser Stadt, der eine große Zukunft bevorsteht und deren jüdische Gemeinde durch Zuzug, sowohl aus andern Gegenden Palästinas, als auch aus Ost-Europa, stark zu wachsen beginnt, streben wir dahin, dem guten Beispiele der größten jüdischen Gemeinde Palästinas zu folgen und auch einen Kindergarten ins Leben zu rufen." Auf Grund der weiteren Berichte, die eine sachverständige, in Palästina ansässige Persönlichkeit erstattet hat, sind zur Eröffnung eines Kindergartens in Beirut und Haifa je fr. 2000.- für das Jahr 1907 zur Verfügung gestellt worden. Um möglichst gute Lehrkräfte für das Lehrerseminar des Hilfsvereins der Deutschen Juden zu erhalten und um die tüchtigen Lehrkräfte, die bereits am Seminar wirken, an das Institut zu fesseln, setzte der Hilfsverein der Deutschen Juden eine Gehaltsskala fest unter Zugrundelegung der Etatsätze für die gleich qualifizierten Lehrer in Deutschland. Die Pensionsverhältnisse, sowie Witwen- und Waisenversorgung etc. wurden nach den gleichen Grundsätzen geregelt. In das Kuratorium des Frankfurter Vereinszur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina, dessen Institut in Jerusalem, die Lämelschule, der Hilfsverein mit Mk. 5000.— subventioniert, sind vom geschäftsführenden Ausschuß, auf liebenswürdige Aufforderung der Frankfurter Herren, die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan delegiert worden. Es wurden alsdann noch Bewilligungen für Schulen in der Türkei, Bulgarien und Rumänien vorgenommen. . Die Subvention der Or-Thera-Schule in Konstantinopel, die nach dem Vorbilde einer deutschen Volksschule ausgestaltet werden soll, wurde erneuert. Der Schule des deutsch-israelitischen Schulvereins in Rustschuk, die im Oktober eine erfreuliche Ausgestaltung erfahren hat, ist ein höherer Zuschuß als bisher, Mk. 1000.—, und ferner ein Betrag von Mk. 500.-— zur Deckung eines Defizits bewilligt worden. Die Schule Reschith Daath in Bukarest, die den Bedürfnissen der dortigen Bevölkerung betreffs Erteilung deutschen Sprachunterrichts gerecht wird, erhält für dringende Schulbedürfnisse eine Summe von fr. 1000.—. Nach wie vor stellt das Hilfswerk für Rußland große Anforderungen an den Hilfsverein der Deutschen Juden, und neben dieser ihn1 in erster Reihe in Anspruch nehmenden Pflicht darf er seine Bemühungen zur kulturellen und wirtschaftlichen Hebung der Glaubensgenossen im Orient, in Galizien und den Balkanländern, nicht ruhen lassen. =i: * Nur durch die intensive Mitwirkung und die stets sich erneut betätigende Opferwilligkeit weitester Kreise ist dem Hilfsverein der Deutschen Juden die Durchführung seiner Aufgaben möglich. Um die notwendige Propaganda zielbewußt wie bisher weiter fortzuführen, wurde das Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses, Herr Siegmund Bergel, zum Vorsitzenden der Propagandakommission im Ehrenamt gewählt. Der geschäftsführende Ausschuß nahm Veranlassung, Herrn Bergel seinen besonderen Dank auszusprechen für seine unermüdliche selbstlose Propagandatätigkeit, durch die es ihm gelungen ist, die Zahl der Mitglieder des Hilfsvereins erheblich zu vermehren.