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Die Welt · 1906-11-30 · 48 (30.11.1906) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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erste Offenbarungsgeschichte des alten Judentunis und Heidentums als Parallele. Die Geschichte des mittelalterlichen Judentums, Christentums und Islamisrnus erfüllt das zweite Stadium des sozialen Lebens und entspricht in der organischen und kosmischen Sphäre dem Zeitpunkte der Entstehung aller jetzt lebenden Organismen und leuchtenden Weltkörper. Endlich „das gegenwärtige Weltalter der sozialen Lebenssphäre entspricht der Epoche der vollendeten Organismen in der organischen Lebenssphäre sowie dem Weltalter der ausgebildeten Planetensysteme in der kosmischen." Diese Gedanken darf man als die Quintessenz von Heß' Weltanschauung aussprechen. Nach solchen spekulativen Fährlichkeiten sucht Heß eine Verbindung dieser Ideen mit der Judenfrage herzustellen, und seiner Vorliebe für transzendentale Erklärungen ist es wohl zuzuschreiben, daß ihm hier die Messiasidee als Ausgangspunkt diente. Aber Heß' Messiasglaube unterschied sich doch von der landläufigen Missionsideologie der Reformrabbiner dadurch, daß er eine nationale Wiedergeburt nur auf natürlichem Wege, d. h. durch Kolonisierung des heiligen Landes, erwartete. Wie allen revolutionär gesinnten Geistern, die dennoch auf gemeinsamem Boden mit den von ihnen bekämpften offiziellen und unoffiziellen Schriftdeutern stehen wollten, passierte es Heß, daß er einen Weg betrat, der ihn weit ab von dem führte, was ex cathedra von Kanzel und Lehrstuhl mit dem ganzen Pathos apologetischer Exegesen verkündet wurde. Wenn man bloß Heß' Ansichten über die Messiasidee kennt, so merkt man ganz klar, wie seine Theorie zunächst in nahezu unmeßbar kleinem Winkel .von der Entwicklungslinie der offiziellen Repräsentanten des Judentums entfernt war. Aber dennoch sind mehrere greifbare Unterschiede vorhanden, welche die .unverkennbare Divergenz seiner späteren Anschauungen noch deutlicher hervortreten lassen. Heß war ein geschworener Feind aller sogenannten „Reform", in der er mit vollem Rechte die Sanktionierung eines bereits vollzogenen, inneren Abfalles von der Religion sah. Jene Offiziellen, welche die Kosten für ihre religiöse Indolenz, für ihre politische Feigheit und Kurzsichtigkeit von einem unfähigen jüdischen Bürgertume aufbringen ließen, machte Heß zur Zielscheibe seiner heftigsten Angriffe. Aber gerade die religiöse, spekulative Motivierung, die Heß seinem jüdisch-nationalen Bekenntnisse gab, war wohl eine der Ursachen, daß seine Gedanken nicht in die Bahn praktischer Organisation gelangten. Die Messiasidee trat immer mehr in den Vordergrund, und in den nach dem Erscheinen von „Rom und Jerusalem" veröffentlichten Aufsätzen, die eben das hier besprochene Büchlein enthält, kann man ganz deutlich eine starke Abschwächung von Heß' radikalem Demokratentum und nationalem Zielstreben bemerken. Der Judenstaatsgedanke hat teilweise einem utopistischen und unfruchtbaren Quietismus Platz gemacht. — Nichtsdestoweniger kehren die bereits in „Rom und Jerusalem" geäußerten Ansichten über Ziel und Mittel der nationalen Bewegung auch hier wieder. Die Rassen- und Nationalitätenkämpfe, diese typischen Äußerungsformen des sozialen Lebens, sind mit der französischen Revolution, dem Beginne des „Völkerfrühlings", in ihr letztes Stadium getreten. Das Anschwellen des nationalen Gedankens bei allen unterdrückten Völkern ist die Vorbedeutung des definitiven Abschlusses einer Epoche, die alle Rassenkämpfe aus der Welt schafft. Das jüdische Volk, dessen traditionelles Erbteil stets eine weitgehende soziale Erkenntnis gewesen, dessen Religion ein „Geschichtskultus" war, soll heute gleichzeitig mit dem „Verjüngungsprozesse" der weltgeschichtlichen Kulturvölker seine eigene Renaissance feiern. Zu diesem Ziele muß den Juden vor allem Frankreich verhelfen, von dem stets aller Fortschritt ausging, und dessen ökonomische sowie politische Interessen mit dem Wiederaufbau eines jüdischen Reiches in Palästina verknüpft sind. Das ist im wesentlichen das Resultat von Heß' weit ausschweifenden Erörterungen, die hier nicht Leiter untersucht werden sollen. Man darf Heß nicht so sehr als schaffenden Genius betrachten, vielmehr war er ein Prophet, der ahnend die da und dort emporspringenden Quellen, die später in den Strom der jüdischen Renaissance münden sollten, erschaute. Heß war kein schöpferischer Künstler, dessen Wille Berge versetzte, aber ein hingebungsvoller Jude, voll glühender Liebe für sein Volk, ein blendend reiner Charakter, den der protzige Dünkel all der apathischen offiziellen jüdischen Repräsentanten anekelte, und der den schmerzlichen Kontrast zwischen äußerer Macht und innerer Impotenz in tiefster Seele fühlte. Das Charakteristische an Heß ist seine Neigung zum Abstrakten, die Hingabe an das Unmögliche, Phantastische, nur in den luftigen Sphären philosophischer Spekulation Existierende. Dieser Grundzug der jüdischen Seele ist wohl das Ansprechendste in Heß' Schriften, dasjenige, von dem ein selten anziehender Zauber ausgeht. Die Resultate, zu denen Heß gelangt, haben den Widerspruch aller nationalistischen Reformer aufgewühlt, und wenn es nach dem Wunsche dieser Ketzerrichter gegangen wäre, hätte Heß' Buch mit dem offiziellen Juden turne zu seinem Autodafe geführt. Heß Bedeutung für die Fortentwicklung des nationalen Gedankens ist meiner Überzeugung nach heute noch nicht erschöpft, denn viele seiner Gedanken bedürfen noch eines theoretischen Ausbaues. Zweifellos ist die Synthese zwischen Nationalismus und Sozialem noch lange nicht zu Ende gedacht, und wenn auch zugestanden werden kann, daß etwa das Programm der Poale-Zionisten diesem Problem in bisher noch konkurrenzloser Weise nähertrat, so darf doch diese Formulierung kaum höher als ein Versuch eingeschätzt werden. Auch für Heß war das Ostjudentum der eigentliche zukünftige Kern der nationalen Bewegung, und diese Überzeugung ist mit geringen Korrekturen auch die unsere. Und noch ein Gedanke war es, den Heß bereits längst formuliert hatte, während wir erst seiner allmählichen Ausgestaltung entgegensehen. Die religiöse Basis, die Heß seinem Judenstaatsgedanken gab, führte ihn natürlich zu der Erkenntnis, daß nur im seelischenMotive und nicht in äußeren Anlässen (Antisemitismus!) die jüdische Renaissance ihre Begründung finden könnte, ein Gedanke, den Achad Haam später noch viel schärfer formulierte, wenn er von der Chibat-Zion sprach. Heß' Weltanschauung trug längst in sich die Keime jener besten Frucht, die uns die Wissenschaft schenkte, den Evolutionsgedanken. Und so kann Heß nicht bloß als „Vorläufer", sondern auch als einer jener Männer betrachtet werden, die mit dazu beitrugen, für die jüdische Renaissance jene Formen vorzubereiten, die sie durch Herzl erst definitiv erhielt. Noch einige Worte über das Buch! Es sei nicht unterlassen, Zlocistis Verdienst um diese sehr fleißige und gründliche Arbeil hevorzuheben. Bei dem Mangel an Heßbiographien muß man für das reichlich — für den Durchschnittsleser vielleicht zu reichlich ~ Gebotene doppelt dankbar sein. Jeder vermag in Heß* Schriften etwas Anregendes zu finden. Am wenigsten kommt der Ästhetische auf seine Rechnung, obwohl Heß ein feiner, farbenreicher Stilist war. Vor uns steht ein scharfer Beobachter, eine stark empfindende Seele, voll Selbstbewußtsein, ein großer Charakter, dessen glühender Wahrheitssinn sich gegen den Zeitgeist zu empören wagte, eine visionäre Prophetennatur, die für alle Schattierungen vom heißen Liebesglühen bis zur schlichten Naivität den Ausdruck findet, ein strenger Kritiker, der ein vernehmliches „j'aecuse" den Verderbern des Judentums entgegenschleuderte, eine groteske Philosophengestalt, die ganz in der Sphäre ihrer Ideologien aufging. Heß'Schriften sind eine Bereicherung unserer nationalen Literatur, ein Schlüssel für die Erfassung der Entwicklung der modernen jüdischen Bewegung.

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