Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-11-30 · 48 (30.11.1906) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316235--48760-3343703
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

No. 48 DIE^ELT 9 jener Egoismus, der uns in der Diaspora überall verfolgt, selbst da, wo wir uns einreden, für die ganze Menschheit zu arbeiten. Der europäische Jude lebt hier in einer ganz andern Stimmung, er paßt sich auch leicht der neuen Lebensform an. Er wird sich hier leicht mit der Rolle eines „Poal-Bezalel" begnügen können, weil er fühlen wird, daß er damit etwas für sein Volk tut. Nur hier können sich unsere jungen Talente entwickeln und den Bezalel moralisch und materiell heben, denn der Volksgenius kann sich hier natürlich entwickeln, er braucht sich nicht von seinen angeborenen Gefühlen, von eigenen Instinkten loszusagen, sein „Ich" aufzugeben. Hier erzählt ihm jedes Steinchen die längst vergessenen Kindermärchen der Vergangenheit. Jeder Berg zeugt von unserer einstigen Freiheit. Beim Zeichnen der echt jüdischen Typen unter dem blauen Himmel unseres Landes wird in unseren Künstlern die im langen Schlafe versunkene Seele unserer Ahnen erwachen. Sie werden den alten, tiefen Geist mit der neuesten Technik vereinen und werden vielleicht wieder ein neues Wort sprechen. Kann die Renaissance eines Volkes allein durch arme Arbeiter erfolgen? Nein. . Jedoch unser „Bezalel" wird auch viele aus der Intelligenz und viele kapitalkräftige Elemente zur Arbeit heranziehen. Von der Intelligenz werden manche selbst „Poale-Bezalel" werden (wie wir sie bereits jetzt besitzen), andere werden liberale Berufe ergreifen können. Vielen Kapitalisten wird der Bezalel die Möglichkeit für neue günstige Geschäftsunternehmungen bieten. Unsere Landwirtschaft wird aber sicherlich bessere Erfolge erzielen können. Denn nicht das Land Palästina ist tot, sondern die Menschen hier sind in Schlaf versunken! Der Bezalel aber wird viele arbeitskräftige Elemente schaffen, und dann wird das Land mit seinen natürlichen Reichtümern aufleben und viele Tausende von Menschen leben lassen. Aus welchen Menschen werden sich die „Poale-Bezalel" rekrutieren? 1. Aus all den zahlreichen begeisterten Jünglingen in Jerusalem und Erez-Israel, die in der Finsternis des Beth-Hamidrasch ein Dasein ohne Luft und ohne Freude fristen, die die bescheidensten Ansprüche ans Leben stellen, die nur durch ihrer Hände Arbeit sich zu ernähren wünschen, die jetzt in der Wissenschaft und Poesie Erholung suchen — kurz aus all denjenigen, die wie zarte Blumen auf dem dürren Boden der Chalukkah aufgewachsen sind; 2. Aus unseren ausgebildeten Handwerkern in Rußland und Galizien, die dort mit bitterem Schweiß ihr Brot verdienen und mit ihrem Blut menschliche Rechte auf ein natürliches Leben sich erkaufen wollten; 3. Aus den vielen Tausenden unseres Intelligenz-Proletariats, das wir von Tag zu Tag vermehren; 4. Aus den bewußten jüdischen Arbeitern der ganzen Weit, deren Seele durch das großstädtische Fabrikleben noch nicht verdorrt, deren freier Geist von der Fabriksglocke nicht versklavt, deren Blut nicht ganz erstarrt ist, die noch Sehnsucht empfinden nach dem blauen Himmel, nach einem reinen Familienleben und nach einem Heim, das sie ihr eigen nennen könnten. Unser Bezalel soll ein Symbol der jüdischen Renaissance werden, und ein Volk lebt nicht durch eine Partei auf, sondern durch alle Besten, die das ganze Volk besitzt! MOSES HESS von Josef Meisl*) Am 6. April 1905 waren es 30 Jahre, daß in stiller Abgeschiedenheit, von wenigen Freunden umgeben, als 53 jähriger Mann Mos es Heß die Augen im Tode schloß. Von den wenigsten erkannt, von vielen mißverstanden, war er dahingegangen, er, dessen Denken weit über den Horizont seiner jüdischen Zeitgenossen hinausi^egriffen hatte. So sehr.aber Heß' Schriften heute unsere Jugend begeistern mögen, wenn sie in ihnen manchen Gedanken „antizipiert" findet, das Freiheitssehnen, das uns bewegt, ist doch nicht die Begeisterung für Heß' Freiheitsgedanken. Darum besitzen seine Schriften zu einem großen Teile nur ein literarisch-historisches Interesse, ohne daß mit dieser Bezeichnung ihre ganze Bedeutung erschöpft ist. Von Heß' äußerem Leben sei hier nicht viel berichtet, darüber ist schon genug geschrieben worden. Wollen wir aber Heß in seiner wahren Bedeutung erfassen, dann müssen wir ihn vor allem im Zusammenhange mit seiner Zeit und ihren Problemen verstehen. Indes sei hier gleich einschränkend bemerkt, daß Heß durchaus nicht als Repräsentant seiner Zeit angesehen werden kann. Er war ein Einsamer, der abseits seinen Weg zu gehen suchte, dessen Überzeugungen, die reifen Früchte einer feinfühlenden und feinhörigen Seele, in grellstem Widerspiele zu dem verkümmerten oder verfälschten Umfange der Zeitprobleme standen. Heß war nicht weiter als bis zur Unbefriedigung an dem Können der damaligen Generation gekommen, die an ihm nahezu achtlos vorbeiging. Aber er hatte einer neuen Zeit vorgearbeitet, deren Begriffswelt viele seiner Gedanken enthalten sollte. So war es denn unserer Generation, vorbehalten, Heß' Schriften der Vergessenheit zu entreißen und ihm jene Stellung in der Entwicklung des nationalen Gedankens zuzuweisen, die ihm als einem der besten Förderer der nationalen *) Moses Heß, Jüdische Schriften, herausgegeben und eingeleitet von Theodor Zlocisti, Verlag Louis Lamm, Berlin 1905, Wiedergeburt unseres Volkes jeder objektive Geschichtskenner einräumen muß. Das vorliegende von Dr. Theodor Zlocisti besorgte Sammelwerk enthält die wichstigsten Aufsätze von Moses Heß, die zumeist eine Ergänzung zu seinem Hauptwerke bilden, und die im wesentlichen auf eine Detaillierung der in „Rom und Jerusalem" niedergelegten Anschauungen hinauslaufen. Uns geht hier nur das an, was in Heß' Schriften die Exemplifizierung gewisser jüdisch-nationaler Gedanken ist, und wir lassen es gänzlich dahin gestellt, ob sein Schaffen damit, qualitativ oder quantitativ, vollständig umgrenzt wird oder nicht. — Heß war vom Sozialismus zum jüdischen Nationalismus gekommen. Er war einer der Begründer des sogenannten philosophischen Sozialismus, jener sozialistischen Richtung, die die Erscheinung des Kapitalismus nicht so sehr aus dem Tatsachenbereiche ökonomischer Motive, sondern in der Manier des 18. Jahrhunderts mittels rein abstrakter, spekulativer Konstruktionen zu deuten suchte. Diese "bis Hegel und noch weiter zurückreichende „Geschichtsschematik" mutet uns, die wir seither an exaktere, materialistische Erklärungsmethoden gewohnt-sind, gar fremdartig an. Heß' Weltanschauung basierte auf Spinoza, dessen Pantheismus ihm die Synthese des Christentums und des Judentums bedeutet. Und als das höchste Gesetz der Vervollkommnung erklärt Heß den „Fortschritt im organischen, kosmischen und sozialen Leben". Die Entwickelung dieser 3 Sphären durchläuft immer die gleichen Stadien. „Die soziale Lebenssphäre entwickelt sich wie die kosmische und organische in drei Epochen, welche in den drei Lebensphären ganz analog sind." Die „Embryologie der Organismen in der Geschichte der Erde" hat im kosmischen Leben „die Embryologie der Welten, das Zeitalter der Kometen und Nebulosen", in der sozialen Sphäre die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.