Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316235--48759-3343702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 die kalte Maschine dem Menschen nicht wegnehmen konnte, diejenigen, zu denen der menschliche Verstand, will sagen des Menschen schaffender Geist, erforderlich ist: Teppiche, Spitzen, Stickereien, Kunstmöbel, Fayencen, Holzschnitzereien, Steinskulptur, Emaillearbeit, Mosaik, Majolika, Gravuren, Silbergetriebe, Filigranarbeiten, Goldarbeit, Lithographie usw. Beinahe all dieses Schaffen dient dem Luxus, — für Luxus aber gibt die Welt mehr Millionen aus als für Brot. Die Arbeiten, von denen ich eben sprach, werden in den verschiedenen Ländern mit der Hand verrichtet, nur sind es dort gelernte Arbeiter, die in Kunstgewerbeschulen und Museen ihren Geschmack bilden, und sie haben Künstler an der Seite, die ihnen die Muster liefern. Für diese Arbeiten sind unsere Juden mindestens so befähigt wie die andern und werden sicher auch solche Leistungen wie jene bieten, wenn man ihnen Kunstgewerbeschulen, Museen und im Musterzeichnen gebildete Künstler zur Verfügung stellen wird. Unser Bezalel wird aber noch Neues einführen. Wie ihr wißt, verliert der Besitzer einer kleinen Werkstätte sowohl beim Einkauf des Rohmaterials, als auch beim Verkauf seiner Arbeiten. Denn entweder verkauft er allein seine Erzeugnisse und muß dazu ein offenes Geschäft haben, oder er verkauft sie an den Großkaufmann, der für seine Mühe sich große Prozente anrechnet. Dagegen ist die Organisation der Arbeit in den Fabriken geregelt, nur daß die Arbeiter hier bei reichen Fabrikanten arbeiten. Hier wird das Material zwar in großen Mengen billig eingekauft und zu einem möglichst hohen Preise verkauft; welchen Profit aber der Arbeiter davon hat, weiß jedermann. Der größte Fehler an dieser Arbeitsorganisation ist dieser, daß man dem Arbeiter das persönliche Interesse, eine Arbeit gut zu verrichten, wegnimmt, weil es ihm durchaus gleichgültig ist, ob er die Sache besser oder schlechter macht, denn nicht e r wird für die künstlerischere Arbeit besser bezahlt, und auch nicht e r wird als Schöpfer dieser Arbeit genannt. Und dabei verliert er, wie gesagt, die Freude seines Heimes, denn die „moderne Sklaverei" verlangt von ihm pünktliche, unermüdliche Tagesarbeit. Im Bezalel soll es folgendermaßen zugehen: Die jüdische Bank, oder später die aus Mitgliedern des Bezalel gebildete kaufmännische Abteilung wird das nötige Material billig in großen Massen einkaufen. Die Arbeiter, die „Poale-Bezalel", erhalten das Material und richten sich nach Belieben die Arbeitsstunden ein. Nur die Muster werden in der Schule ausgearbeitet. Dabei wird so weit als möglich das System der Arbeitsteilung eingeführt werden. Wenn der Arbeiter ein Stück Arbeit fertig hat, bringt er es gleich in die Schule, wo man ihn auf alle vorhandenen Fehler aufmerksam macht, damit er sie in Zukunft unterläßt. Die gut ausgeführte Arbeit wird vom Lehrer der Schule mit der Bezalelplombe versehen, erhält eine Nummer und den Namen des Arbeiters. Vorläufig wird ihm der durchschnittliche Marktpreis ausbezahlt. Zum Schlüsse des Jahres wird dem Arbeiter der Unterschied zwischen der ihm bereits ausbezahlten Summe und dem wirklichen Verkaufspreis ausgeglichen, nach Abzug einer kleinen Provision für die Bank und die Schule. Durch Zahlung dieses kleinen Prozentes wird der Arbeiter durchaus nicht beeinträchtigt, weil ihm die Schule schöne Muster, die kaufmännische Abteilung billiges Material und ein gutes Absatzgebiet liefert. Außerdem können wir nach ein paar Jahren, in denen die Arbeiter Übung in Ausführung, die Geschäftsleiter Übung im Lenken des Geschäftes bekommen haben, an verschiedene genossenschaftliche Gründungen denken. Zu diesen gehören: Gemeinschaftliche Lebensversicherungen, Arbeiterkolonien, wo jeder Arbeiter sein Häuschen nebst Garten besitzt, eigene Schulen, Bäckereien, Wäschereien und Konsumvereine zum gemeinsamen Ankauf von Nahrungsmitteln und anderen Lebensartikeln usw. Selbstverständlich werden wir uns nicht auf Jerusalem beschränken. In 2—3 Jahren werden aus unseren Schülern Lehrer, die in die Städte ui\d No. 46 Kolonien, in alle Volksschulen die Kenntnis der schönen Künste hinaustragen und Bezalelabteilungen eröffnen werden. Und weil der Arbeiter sein Absatzgebiet nicht selbst suchen muß, so kann er ganz gut in der Kolonie arbeiten, so daß auf diese Weise die Industrie die Landwirtschaft unterstützen wird. Das Zuströmen von guten Arbeitern in die Kolonien wird den Kolonisten neues, frisches und gesundes Leben zuführen. Diese neuen Arbeiter werden als Menschen ihre Menschenwürde und Menschenfreiheit nicht verlieren. Aber den vollen Segen wird man erst an der zweiten Generation, den Kindern dieser Arbeiter wahrnehmen. Frei geboren, von freien Eltern erzogen, in der freien Natur lebend, werden sie ihre Arbeit mit Liebe verrichten, ihren Nachbar nicht als Konkurrenten im Kampfe ums Dasein ansehen, ihr Ideal wird Arbeit, Kunst und Wissenschaft sein. Ihre Gemüter werden nicht durch Hader, Parteilichkeit und Uneinigkeit verdüstert sein, aus ihnen wird ein neues, gesundes Ges chlecht erblühen. Dieses neue Geschlecht wird die eigentliche Renaissance unseres Volkes herbeiführen. Und wer weiß, vielleicht werden sie, wie unsere Vorfahren, ein neues Wort für die andern Völker finden. Ist es möglich, ein ganzes Volk zu Arbeitern heranzuziehen?, werdet ihr fragen. Em ganzes Volk gewiß nicht, aber Hunderttausende wohl. Jedes europäische Volk hat Massen solcher Arbeiter, und Japan hat ihrer sogar viele Millionen. Wird die türkische Regierung unsere Arbeit erlauben? Ja. Die türkische Regierung stört keinen in seinen geschäftlichen Unternehmungen. Sie wird uns sicher nicht stören, weil sie bald einsehen wird, welchen Nutzen sie von uns hat. Wird denn damit sogleich dem ganzen Volke geholfen? Darauf muß ich als echter Jude mit einer Frage antworten: Wo sind die andern Mittel, die sogleich helfen können? Und wo sind andere Pläne, die die ganze Hilfe herbeiführen? Die Pioniere, die der sogenannten europäischen Zivilisation mit ihren gekauften Freuden entsagen können, die sich besser und glücklicher im Angesichte der freien Natur fühlen, diese starken Menschen, werden sogleich im Bezalel ihr Glück finden. Dem ganzen Volke aber wird der Bezalel Trost gewähren. Und die Tatsache, daß wir Juden in Palästina eine bessere Welt schaffen konnten, wird uns Hoffnung einflößen, daß wir ein natürliches Volk werden können, wenn wir den Mut besitzen werden, weiter in Palästina zu arbeiten. Müssen alle unsere jüdischen Parteien anerkennen, daß der „Bezalel" nur in Palästina bestehen kann? Ja, tausendmal ja! Nur in Palästina kann ein Institut wie das unsrige existieren und unserm Volke eine große Zukunft vorbereiten: Weil hier keine Arbeitstradition da ist, läßt sich jede Arbeitsform einführen. Nur hier ist es dem Arbeiter möglich, die Erdarbeit mit der Handarbeit zu vereinigen und sich auf diese Weise billige Lebensmittel zu verschaffen, so daß er mit den europäischen Arbeitern konkurrieren kann, ferner werden Erzeugnisse, die aus dem heiligen Lande stammen, einer steten Kreis von Liebhabern finden. Endlich gibt es hier viel billiges Rohmaterial, und der Export nach Europa und Amerika ist infolgt des Meerweges sehr erleichtert und verbilligt. Diese Erwägungen beziehen sich auf das Geschäftliche der Sache, es spielen aber noch Momente psychologischer Natur mit. Jeder Jude, der nach Palästina kommt, er mag Bundist, Sozialist oder Anarchist sein (von dieser Sorte, kommen nämlich auch manche), von einfachen Juden und Zionisten abgesehen, ist noch nicht ganz von dem Nationalkörper abgeschnitten, er fühlt unsern „Volksschmerz". Erez Jisroel wirkt nicht nur deswegen, weil ihn jeder Schritt an unsere große Vergangenheit erinnert, auch der Zustand der wenigen Eingewanderten wirkt auf ihn. Wir haben mehr und bessere Schulen als die andern Einwohner. Unsere Kolonien sind schöner und zivilisierter, unsere Häuser europäischer gebaut. Unsere Juden sind menschlicher. Kurz, in Palästina verwandelt sich Egoismus zur Liebe für das Volk, DIE^ELT