Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-11-30 · 48 (30.11.1906) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316235--48758-3343701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No. 48 DIEÄELT und den der Tabelle X beruht teils darauf, daß manche Austritte, insbesondere in Orten, in denen keine jüdische Gemeinde besteht, dem! statistischen Bureau nicht bekannt geworden sind, teils darauf, daß* für manche zu den Dissidenten austretende Juden dieser Schritt nur eine Vorstufe für den späteren Obertritt zum Protestantismus! bildet. Hauptsächlich aber wird sie dadurch zu erklären sein, daß in den Mitteilungen der evangelischen Landeskirchen auch die Taufen der Neugeborenen aus jüdischen Ehen oder jüdisch-christlichen Mischehen mitgezählt sind, die von den Gemeindevorständen nicht als Austritte betrachtet worden sind. Von den .259 Austritten entfallen auf Berlin allein 126*). Dann folgen von anderen großen Städten"*) Breslau und Frankfurt a. M. mit je 9, Dresden mit 6, München mit 5, Stuttgart und Kassel mit je 4, Stettin, Dortmund und Wiesbaden mit je 3 Austritten. Wie aus diesen Zahlen hervorgeht und aus der Tabelle XII im einzelnen zu ersehen ist, liefern die großen Gemeinden weitaus das stärkste Kontingent zu den Austritten. Von den 66 Orten, in denen überhaupt Austritte im Jahre 1903 vorkamen, waren 27 solche mit mehr als 1000 jüdischen Einwohnern, 5 solche von 501—1000 jüdischen Tabelle XII. . Zahl der Austrittsfälle in Gemeinden mit unt. 100 101-300 301-500 501lOOojüb. 1000 jüdischen Einwohnern „3 „ ........ „4 „ ........ „ mehr als 4 Personen . . . 6 4 1 1 10 4 1 1 4 2 4 1 11 5 3 2 6 12 16 6 5 27 *) Berechnet als Durchschnitt für die Zeit vom 1. IV. 1901 bis zum 31. III. 1904. **) Für Hamburg und Posen fehlen Angaben, für Leipzig sind keine genauen Angaben vorhanden. Einwohnern. Doch gibt es immerhin auch 12 Orte mit weniger als 100 jüdischen Einwohnern, in denen Austritte stattfanden. Die Tatsache, daß in einem solchen Orte 3 und in einem andern sogar mehr als 4 Personen austraten, erklärt sich dadurch, daß hier eine ganze Familie ausgetreten ist. Von den gesamten 259 Austritten fanden statt in Berlin........................126 „ sonstigen Orten mit mehr als 1000 Juden........ 73 501—1000 „ ........ 8 301— 500 .......• 9 101— 300 ........ 20 „ weniger als 100 „ ........ 23 Bezüglich der Konfession, die die austretenden Juden wählen, läßt sich sagen, daß die wenigsten der katholischen Kirche zufallen und daß die anderen in ungefähr gleicher Zahl zum Protestantismus und zu den Dissidenten übertreten. In 96 Fällen, in denen die spätere Konfession der Austretenden angegeben war, traten 44 zu den Dissidenten, 42 zum Protestantismus, m10 zum Katholizismus über. $p§Über die Obertritte fehlen leider die betreffenden Zahlen für Berlin. Hier dürften sie 25—30 betragen haben. Im übrigen Deutschland kamen 20 Übertritte zum Judentum vor. In Preußen (ohne Berlin) stehen 92 Austrittsfällen 7 Übertritte „gegenüber, in den außerpreußischen Staaten 41 Austritten 13 Übertritte. In Elsaß-Lothringen findet sich merkwürdigerweise nur 1 Austritt aus dem Judentum, dagegen 2 Übertritte zum Judentum verzeichnet. In 3 Fällen waren die Übertretenden früher Juden gewesen, sind also jetzt zum Judentum zurückgekehrt. Im allgemeinen sind, wie wir sehen, die Taufziffern für Deutschland ganz bedeutend niedriger als für Österreich. Ganz Deutschland mit seinen 6000 00 Juden dürfte nur soviele Austritte aufweisen, wie Wien mit 150000. Es ist jedoch zu bemerken, daß die österreichischen Austritte auch die jüdischen Mischehen einschließen, während sie in Deutschland ein besonderes Kapitel der regelmäßig zunehmenden Verluste des Judentums darstellen. „POALE BEZALEL" (Ein Brief des Prof. Boris Schatz an die Redaktion des poale-zion. Organes: „Der Jiddische Kämpfer" in New-York) Ihren Brief, in dem Sie mir „moralische und finanzielle Hilfe" \ersprechen, habe ich mit großer Freude gelesen. Sie schreiben: „Wiewohl wir arme Proletarier sind, können Sie doch auf uns rechnen." Ja, unser Bezalel verläßt sich überhaupt aufdie Proletarier. Nicht, weil er speziell für sie geschaffen ist, sondern weil die Proletarier den Nutzen und die Notwendigkeit des Bezalel am richtigsten abzuschätzen verstehen werden. Ihr Arbeiter wißt, daß nur die Arbeit dem Menschen das Recht zum Leben gibt, und nur Ihr empfindet die traurige Lage der heutigen Arbeitsform. Der freiwirkende Verstand des Menschen hat die kluge Maschine ersonnen, und die Maschine in der Fabrik macht den Menschen zu ihrem gedankenlosen Sklaven. Die Maschine hat ihn entfernt von -der schönen freien Natur, sie hat ihm die Familie genommen, — sein Haus. Sie verlangt vom Arbeiter nicht seinen Verstand oder seinen Geist, sondern seinen Fleiß. Sie hat ihm auch den letzten Trost, die „Freude am Schaffen", geraubt, weil er in der Fabrik keine ganze Sache schafft. Es bleibt ihm nur die einzige Arbeit, mit teuflischer Schnelligkeit der Maschine zu dienen, sie zu stützen und aufzupassen, daß sie ihm nicht etwa die Finger abreißt. Die Fabrik vergiftet den Arbeiter mit ihrer Stickluft, die Maschine versteinert sein Herz mit ihrer Pünktlichkeit und verkürzt ihm das Leben durch ihre böse Schnelligkeit. Der alte, gesunde Typus des Handwerkers, der der Menschheit, der Wissenschaft und Kunst soviel gegeben hat, ist schon verschwunden. Nur noch auf den holländischen Bildern sehen wir den Meister mit einer großen Brille auf dem ruhigen Gesichte, selbstbewußt, mit einer Denkermiene, die einem heutigen Philosophen gut stehen würde, sein Weib und Kinder sind so wohl genährt, wie die Hühner, die ruhig daneben picken. Im ganzen schwebt über ihrem intimen, biblischen Leben Ruhe und Posie. Das Werk jenes Arbeiters findet ihr im Museum, auch das, was er für die Küche seines Nachbars gezimmert hat. Seine Werke verraten Individualität und Geschmack, der Arbeiter von damals hat sie wirklich besessen. Jetzt ist das alles weg. Der eiserne Teufel klopft und hämmert mit einer schrecklichen Geschwindigkeit, und der Arbeiter erwartet nur den Schlag der Glocke, um aus der Fabrikshölle sich befreien zu können. Und zu Hause findet er, — doch ich habe es nicht nötig, euch vom Familienglück unseres Arbeiters zu erzählen. Ihr habt es gefühlt und seid davon durchdrungen, daß es so nicht länger bleiben kann, sonst müßte der gesundeste und größte Teil der Menschheit körperlich und geistig zugrunde gehen. Das jüdische Volk, dessen große Masse zu 90 Prozent aus Arbeitern und Handwerkern besteht, muß ganz besonders über die Arbeiterlage nachdenken. Deswegen ist es natürlich, daß wir einen so großen Prozentsatz von Sozialisten verschiedenster Nuancen stellen. Doch diese erteilen unserm Volke nur gute Ratschläge, geben uns Hoffnungen für die Zukunft, für. jene goldene Zeit, wo alle Menschen zu Menschen werden; bis dahin aber können wir nicht nur als Volk, sondern auch als Menschen zugrunde gehen. Der „Bezalel" ist vielleicht auch eine neue Schattierung von Sozialismus, mit dem Vorzug aber, daß er nicht nur der weiten goldenen Zukunft, sondern auch der Gegenwart gibt, Er bedeutet eine Rettung nicht nur für den Einzelnen, sondern für das ganze Volk. Der Plan ist in Kürze folgender: Es gibt viele Arbeiten, die 2*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.