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Die Welt · 1906-11-30 · 48 (30.11.1906) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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TAUFBEWEGUNG UND MISCHEHEN IN ÖSTERREICH UND DEUTSCHLAND Von Dr. JAKOB THON, BERLIN (Schluß.) Ein ungefähr gleicher Prozentsatz (1 Austrittsfall auf ca. 10 000 Juden) kann auch für die Bukowina angenommen werden. Somit wären 900 000, d. i. s,4 aller österreichischen Juden, von der Taufe nur ganz wenig berührt. Von den übrigen 300 000 Juden entfällt fast genau die Hälfte auf Wien, wo die Taufseuche am meisten wütet. Dort kamen in den Jahren 1868/79 ungefähr 50 Taufen jährlich vor oder 1 Tauffall auf etwa 1200 Juden,*) in den Jahren 1880/89 steigt die Taufziffer auf 220 jährlich, d. h. es entfällt eine Taufe schon auf 420—430 Juden; noch höher wird sie in den Jahren 1890 1903, nämlich 455 jährlich, d. h. 1 Tauffall kommt auf je 260—270 Juden. Auf diese'Weise vermehren sich die Taufen verhältnismäßig weit rascher als die jüdische Bevölkerung in Wien. In den übrigen Städten und österreichischen Kronländern nehmen die Taufen sicherlich auch rasch zu, scheinen jedoch nicht so anzuwachsen wie in Wien. Das Verhältnis wird sich namentlich so gestalten, daß der Prozentsatz der Taufen in größeren Judengemeinden hinter dem Wiener zurückbleiben, in Städten aber mit geringer jüdischer Bevölkerung (wie Innsbruck, Salzburg u. a. mit 100—150 Juden) die Wiener Ziffern noch übersteigen wird. Letztere fallen jedoch bei der Darstellung des Gesamtbildes nur weniger ins Gewicht. So entfällt in der über 13 000 Juden zählenden böhmischen Stadt Reichenberg 1 Konvertit auf etwa 6500 Juden. In Brünn entfiel in den Jahren 1868,79 eine Taufe auf etwa 1330—1340 Juden, in den weiteren Jahren aber schon auf 510—515. In Triest kommt unter je 300 Juden ungefähr ein Austretender vor. Im allgemeinen läßt sich für die 150 000 österreichischen Juden außer Galizien, Bukowina und Wien eine fast zweimal geringere Taufziffer annehmen als in Wien, so daß hier rund auf etwa 500 Juden ein Austritt fällt. Im ganzen wäre nach diesen Ausführungen die Zahl der durch Austritt vom Judentum abfallenden Juden in allen österreichischen Kronländern zusammen auf 840—900 jährlich zu veranschlagen; es entfiele sodann 1 Austritt auf 1360—1480 Juden. Von Deutschland sind nur über die Austritte von Juden zu der evangelischen Landeskirche und Übertritte von Evangelischen zum Judentum in den statistischen Mitteilungen aus deutschen evangelischen Landeskirchen Daten veröffentlicht. Sie wird für die Jahre 1901—1904 in der nachstehenden Tabelle X aufgeführt. Danach sind in 4 Jahren 2027 Juden in ganz Deutschland zur evangelischen Kirche ausgetreten, davon entfallen s/4 (1547) auf Preußen und davon wieder 8's (604) auf Berlin allein. Auch sonst zeigt sich, daß den Hauptanteil von den Austritten die Großstädte haben, so: Hamburg, Kgr. Sachsen mit Leipzig, Dresden, Chemnitz, Hessen-Nassau mit Frankfurt a. M. (fast 2 .< aller Austritte in dieser Provinz entfallen auf Frankfurt), Schlesien mit Breslau, auch die Rheinprovinz mit Köln. Den Austritten stehen in diesen vier Jahren 174 Übertritte zum Judentum gegenüber, d. h. sie wiegen 8,6 Prozent der Austritte auf. Sie kommen ebenfalls hauptsächlich in den Großstädten vor. Diesen Zahlen sollen nun andere, durch eine Originalerhebung des Berliner Bureaus für Statistik der Juden gewonnenen entgegengestellt worden. Der Fragebogen nämlich, den dieses Bureau an die Vorstände der jüdischen Gemeinden in Deutschland gelegentlich der Bearbeitung des Statistischen Jahrbuchs deutscher Juden im November 1904 versandte, enthielt unter anderen auch die Frage, ob und wie viel Austritte aus dem Judentum im Jahre 1903 in der Gemeinde stattgefunden haben. Diese Frage ist in den meisten Fällen beantwortet worden, die Richtigkeit der Antworten kann aber kaum einem Bedenken unterliegen, da es wenig Austritte und *) Die oben über die Tauien in Wien auf Grund amtlicher Quellen angegebenen Zahlen stimmen nicht vollständig mit den von Saniter in der kürzlich erschienenen Schrift über Judentaufen nach von dem Oberrabbiner von Wien, Dr. Gudeinann, mitgeteilten überein. Seine Ziffern sind zumeist höher, jedoch nicht bedeutend. Der Unterschied wird darauf zurückzuführen sein, daß die Gudemannschen Zahlen auch getaufte, unter 7 Jahre alte Kinder umfassen. Die kleine Differenz jedoch beweist, daß die Kindertaufen nicht so häufig vorkommen, wie es manchmal angenommen wird. Letztere Annahme stützt sich darauf, daß viele die schwere Last, Jude zu sein, selbst noch zu tragen geneigt sind, von ihren Kindern aber die Last abwehren wollen. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, daß noch häufiger Eltern nicht in der Weise eine Kluft zwischen sich und deii Kindern willkürlich schaffen und sich selbst als die „minderwertigen Juden" in der Achtung der Kinder herabsetzen werden. Es ist daher anzunehmen, daß in der Regel die Taufe der Kinder und die der Eltern zugleich erfolgt. Die Familientaufen aber bilden eher die Ausnahme als die Regel. Übertritte geben wird, die nicht auf amtlichem oder privatem Wege; zur Kenntnis des Gemeindevorstandes gelangen. Nur für die ganz 1 großen Gemeinden mußte in dieser Hinsicht eine Einschränkung gemacht werden.! Tä-berle X. Provinz, Staat Austritte vom Judentum zur evang. Landeskirche im Jahre 1901 1902 1903 1.904 1901 1902 1903 1904 18 26 12 9 _ — 2 Westpreußen........ 4 5 3 11 — 2 _ 1 154 132 165 153 15 29 22 34 17 28 18 32 — 4 5 2 15 6 7 15 — 2 — — 9 2 — 1 — — — 1 59 89 54 66 6 3 3 2 Sachsen.......______ . . 10 13 11 .17 — 1 — — 11 12 6 9 — — — — 27 30 24 36 — i 2 — Schleswig-Holstein..... 4 8 8 5 — _ — — 13 19 14 14 — — — — 36; 43 31 36 1 11 6 Kgr. Preußen 377 413 353 404 22 - 42 43 48 Kgr. Bayern ........ 12 17 25 9 _ __ 3 „ Sachsen........ 26 31 28 26 1 — 3 1 3; 4 5 4 — — 1 Großherzogtum Baden . . 12 19 18 10 — — — 1 Lübeck ........... 1 5 1 — — — — _. 4 6 5 4 — — _ __ 34 33 45 29 — — — — Elsaß-Lothringen...... 6 4 7 2 — — — Sonstige Bundesstaaten . . 10 13 11 9 1 4 2 2 Deutsches Reich...... 487 545 498 497 24 46 52 52 Übertritte von Evangelichen zum Judentum im Jahre Die Resultate dieser Erhebung sind in der folgenden Tabelle X •angegeben. Tabelle XI. Zahl der im Jahre 1903 erfolgte in Austritte aus dem Judentum Übertritte zum Judentum Ostpreußen...............• 2 1 Westpreußen..............■ 1 — Berlin . .................• 126 2 Brandenburg..............• 5 Pommern................. 5 — Posen..................• 4 — Schlesien................. 20 1 Sachsen.................• 2 — Schleswig-Holstein..........• 1 — Hannover..........., . . . 2 — Westfalen...........• . . . . 8 1 Hessen-Nassau . . :.........• 26 1 Rheinprovinz.............• 17 3 Königreich Preuf3en.......... 218 ' 7 .... Königreich Bayern........... 10 4 Sachsen........... 9 1 Württemberg........ 6 3 Großherzogtum Baden......... 7 1 Hessen........ 4 — Übrige Bundesstaaten......... 4 2 Elsaß-Lothringen............ 1 2 259 20 Darnach hat es in ganz Deutschland 259 Austritte vom Judentum gegeben, von diesen wiederum dürften etwa 120 Übertritte zum Protestantismus sein. Die große Differenz zwischen diesen Zahlen

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