Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 48 DIEMKE LT Aber tägliche Meldungen über die fortgesetzte, ununterbrochene Ausweisungstätigkeit der preußischen Behörden belehren uns eines besseren. Man ist darüber bereits zur Ordnung geschritten, man betrachtet es als eine feste, naturnotwendige Tatsache, gegen die man nicht aufkommen kann. Und nur selten erregt ein besonders krasser Fall die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Von einem solchen Fall berichtet das „Berliner Tageblatt": „In der Kronleuchter¬ und Metallwarenfabrik von Heinrich Hansen, B-erlin S., Bergmannstraße 68, war seit Mai vorigen Jahres der jüdische Schlossergeselle Meier Strelecki, Saarbrückerstraße 7 wohnhaft, ein russischer Untertan, beschäftigt, und zwar zu besonderer Zufriedenheit der Fabrikleitung. Ende Oktober erhielt Strelecki, der zuletzt 40 M. wöchentlich verdiente, den Ausweisungsbefehl, wie immer ohne Begründung. Am 27. Oktober wandte sich sein Arbeitgeber an das Polizeipräsidium. In der Eingabe der Fabrik wurde betont, daß Strelecki ein hervorragender, für die Fabrik geradezu unersetzlich gewordener Arbeiter sei, daß er sich nicht das mindeste habe zuschulden kommen lassen, daß er politisch sich absolut neutral verhalte, ja sogar sich von Werkstattversammlungen fernhalte, daß er sein gutes Auskommen habe, daß er sich auch bereit erklärt habe, sich naturalisieren zu lassen. Es war alles umsonst: Unterm 6. November wurde der Firma durch den Polizeipräsidenten in fünf Zeilen „eröffnet", daß „ihre Ausführungen dem Polizeipräsidenten keine Veranlassung geben könnten, die gegen den Strelecki verfügte Ausweisung aus dem preuf3isehen Staatsgebiete aufzuheben". Das „Berl. Tgb.", das einzige deutsche Blatt, das diesen Fall in die Öffentlichkeit brachte, entrüstet sich über das Vorgehen der preußischen Polizei — und in seiner Entrüstung gesteht es eine Wahrheit, die es sonst am liebsten verschweigt. Es schreibt: .Freilich, der Mann ist zwar ein hervorragender, politisch unverdächtiger, gut bezahlter Arbeiter, er ist kein „Schnorrer und Verschwörer", aber er ist nicht nur Russe, sondern auch Jude. Und —- „der Jude wird verbrannt!" ist offenbar unter den Ausweisungs-,, Grundsätzen" des preußischen Ministers des Inneren der oberste und vornehmste. Wir sind wirklich begierig, wie der Herr Minister gerade diesen Fall vor dem Landtag wird verteidigen wollen". Wir sind gar nicht begierig, die Antwort des Herrn v. Bethmanilollweg zu erfahren. Sie ist ja bekannt. Die Polizei wird immer Recht behalten — und wenn zufällig der Jude im Rechte sein wird, umso schlimmer, dann wird er erst recht abgeschoben. Ja, werte Herren vom „Tageblatt", es liegt nicht an den preußischen Ministern. Das Übel liegt tiefer, als Sie glauben oder zugeben wollen. Und Sie haben die Wurzel des Übels selbst gefunden, indem Sie sagten: „Der Jude wird verbrannt" . . . In RufSland ist das Wort von den „Irrgängen der Seele" geprägt worden. Und mit Recht; wohl nirgends gab es solche Ungeheuerlichkeiten der Denkweise, solche Brutalität, überfirnißt von einer „Heiligkeit" wie in Rußland, öa gibts in Rußland einen Schriftsteller namens Menschikow. Er war in seinen Anfängen ein Tolstoijünger und Radikaler. Dann machte er eine Wendung um 90°, und er war auf der äußersten Rechten — bei der „Nowoje Wremja". Nun versorgen die edlen Drei — der alte Suworin, A. Stolypin, der Bruder des Premierministers, und Menschikow — ganz Rußland mit den niederträchtigsten Pamphleten, die man sich denken kann. Sie sind niederträchtig, weil sie hetzerisch und gemeinschädlich sind, dabei aber unter falscher Flagge segeln und sich mit dem Mänteichen der Kultur zieren. Menschikow schreibt seine sogenannten „Briefe an die Nächsten". Es sind Köcher, voll von Giftpfeilen. Seine Geschosse richtet er zumeist gegen die Liberalen und gegen die Juden. Wenn man glaubt, die „Briefe an die Nächsten" dieses Laienpredigers müßten etwas von der christlichen Nächstenliebe haben, da täuscht man sich. Menschikow ist ein Moderner, und er meint mit Nietzsche, den „Nächsten soll man hassen" ... Er tut es in vollem Maße. Seine Auslassungen finden in Rußland große Be- ,Ein Genieblick4 achtung, weil er das Mundwerk der Reaktion und der jeweilig am Ruder stehenden Personen ist. Und deshalb ist seine letzte Enunziaüon über die Judenfrage nicht uninteressant, als Kommentar zu den offiziellen Versprechungen des Stolypinschen Kabinetts, die Judenlage zu erleichtern. Menschikow knüpft an einen Ausspruch des Grafen Witte an: „Herr Graf Witte besitzt ein geheimnisvolles Mittel für die Lösung der Judenfrage, das er jedem mitteilt, der mit ihm über dieses Problem spricht. Zar Alexander III. hat ihn einmal gefragt, was man mit den Juden tun soll. „Man soll sie alle zum Schwarzen Meere jagen und dort ertränken", — antwortete der Minister. Auf die Erwiderung des Zaren, daß das doch kein Spaß wäre, antwortete Witte: „Wenn man das ganze jüdische Volk nicht vernichten kann, so müßte man ihm die Gleichberechtigung verleihen." Ich glaube, daß unser talentvoller Graf Witte in dieser Anekdote einen Genieblick zeigte. Es war eine geniale Idee und wenn man diese verwirklicht hätte, so wäre die Judenfrage gelöst." Die Idee ist wirklich genial, aber Herr Menschikow muß zu seinem größten Bedauern bemerken, daß „wenn man Leute nicht ertränken kann, man den Juden helfen muß, über das Meer zu wandern. Dazu haben sie selbst große Lust. Wenn man die Beschränkungen in aller Schärfe anwenden wird, so wird die jüdische Emigration die Dimensionen des Exodus aus Ägypten annehmen." Ein „Genieblick!" Welche Vorstellung Herr Menschikow wohl vom „Genialen" haben mag! Da war Plehwe schon viel „genialer". Der hat seine Stellung zur Judenfrage deutlicher formuliert. Er sagte, es gebe nur einen Ausweg zur Lösung der verdammten Frage und zwar: „Ein Drittel der Juden soll krepieren, ein Drittel auswandern und das übrige Drittel zur Taufe gezwungen werden". Das waren wenigstens klare Worte! Herr Menschikow — oder vielmehr das Kabinett Stolypins ist derselben Ansicht wie Plehwe. Sie verfolgen ganz genau seine Vorschrift. Sie veranstalten Pogrome, sie treiben Juden zur Auswanderung. Und dabei heucheln sie. Ein offener Feind ist einem feigen und meuchlerischen vorzuziehen. Aber es wird den Theoretikern der zuckersüßen Friedensergüsse und Praktikern der blutigen Pogrome wohl kaum noch jemand auf den Leim gehen. Die Zeitungen brachten eine Meldung aus Eine Absurdität 0dessaj die den Qipfel der Absurdität darstellt. Es heißt unter dem Datum vom 25. d.M.: „Die Vorstände der hiesigen Synagogen und jüdischen Bethäuser beschlossen, sich der Partei der friedlichen Erneuerung anzuschließen und das Programm dieser Partei unter den Juden zu verbreiten; sie erklären, die Juden wollten eine friedliche Arbeit der Duma und seien größtenteils nicht revolutionär gesinnt; sie hielten der Konstitution feindliche Kundgebungen wie das Wiborger Manifest für schädlich, da sie den Bestand der Duma gefährdeten; die Juden hätten das Wiborger Manifest nicht beachtet und schenkten der Kadettenpartei kein Vertrauen." Die Nachricht ist zu absurd, um wahr zu sein. Wir können uns nicht denken, daß es Juden gebe, — außer daß sie gedungene Regierungsagente sind — die im jetzigen Augenblicke mit der Rechten paktieren, d. h. mit einer Partei, die ihnen die Rechte abspricht und die ein antisemitisches Programm hat. Es mag ja wohl unter den Juden Rußlands, besonders in einer gewissen Schicht der Bourgeoisie, auch reaktionäre Elemente geben. Aber nur ganz gottverlassene Menschen werden sich selbst einen Strick drehen. Die Juden laufen nämlich Gefahr, im Fall eines Sieges der Regierungsparteien bei den Dumawahlen auf gesetzgeberischem Wege als rechtlos erklärt zu werden. Das Beispiel Rumäniens steht warnend vor uns. Wir wissen, was wir von einem Grafen Heyden, was wir von den Oktobristen zu erwarten haben. Und diesen Leuten sollen Juden ihre Stimme geben wollen? Credat — Judaeus Apella. Wir glauben nicht daran. ' r \ )