Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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dauernden Interesses an der bergbaulichen Erschließung des Orients zu gewinnen. Die Internationale Bohrgesellschaft darf, wie kaum ein anderes Bohrunternehmen, qualifiziert erscheinen, mit Rat und Tat bei der Inaugurierung einer einheitlichen und großzügigen Bergwerksarbeit mitzuwirken, die gleichsam Neuland schaffen soll. Das neilgebildete Syndikat stellt ja zugleich eine Studiengesellschaft dar, die darum nicht allein als Erwerbsunternehmen gelten darf, wenn auch die Art, in der die Zwecke des Syndikats erreicht werden sollen*, die Erwartung rechtfertigen, daß schon allein die Prüfung und Begutachtung von Projekten sich bei der Beteiligung erster Sachverständiger als lukrativ erweisen werde. Dazu gesellt sich aber die vermittelnde Tätigkeit des Syndikats, durch die einem aussichtsvollen Bergwerksbetrieb auch alle finanziellen, technischen und kaufmännischen Möglichkeiten für volle und ungestörte Leistungen erschlossen und offen gehalten werden sollen. Die durch ihre freundschaftlichen Beziehungen u. a. zu der Aktiengesellschaft Tellus und zu dem neuen Montanunternehmen an der Unterweser einflußreiche Metallgesellschaft Beer, Sondheimer & Co. in Frankfurt am Main, sowie die durch ihren reichen Erz- und Grubenbesitz ausgeseichnete Schlesische Aktiengesellschaft für Bergbau und Zinkhüttenbetrieb in Licine gewährleisten die regelmäßige und geeignete Verwertung der montanindustriellen Erzeugnisse des Orients. Die Nationalbank für Deutschland und die rührige Bankfirma Hugo Mainz & Co. in Hamburg stellten ihre mannigfachen Beziehungen zum Orienthandel und Erfahrungen im Orientgeschäft, auch abgesehen von den ihnen zufallenden rein finanziellen Aufgaben, in den Dienst der Sache; ist doch die Nationalbank für Deutschland zusammen mit der Dresdner Bank und dem Schaaffhausenschen Bankverein auch die Begründerin der Deutschen Orient-Bank. Der Bedeutung der Deutschen Levante-Linie, die ihre Dampfer dem Syndikat zur Verfügung stellt und die ebenfalls der Orientbank nahesteht, ist schon gedacht. Es vereinigen sich also Interessen, wie sie zweckmäßiger von den.Freunden eines kräftigen Vorwärtsdringens der deutschen Arbeit im Orient gar nicht gewünscht werden können. Wenn nur die vielbewährte Hamburger Initiative dem Syndikat zustatten kommt, so eröffnen sich ihm und zugleich unseren Ingenieuren und inländischen Hüttenwerken, die nun einmal auf die Zufuhr ausländischer Erze angewiesen sind, überaus weite, erfreuliche Erwerbsaussichten. Gibt die vorstehende Mitteilung einen Beweis dafür, wie von deutscher Seite die Aussichten im Orient eingeschätzt und fruktifiziert werden, so ist sie uns zugleich wieder einmal ein Beispiel für die stets steigende Konkurrenz, der wir gegenüberstehen und der rechtzeitig ein Gegengewicht zu bieten unser lebendigstes Interesse sein muß. Wenn das Palästina-Industrie-Syndikat in die Lage kommen wird, seine Funktionen zu erfüllen, so wird es — abgesehen von dem direkten Nutzen, den es unserer Sache zuführt, indirekt einen vielleicht noch weit höher anzuschlagenden Erfolg zeitigen können: Grund und Boden werden in gesteigertem Maße in jüdische Hände kommen, das ist das eine. Und das zweite: Daß auf Plantagen, in Fabriken und Werkstätten allmählich eine nach vielen Tausenden zählende Masse von jüdischen Arbeiterkräften zur Verwendung gelangen kann. Wie sehr gerade durch die Verwertung gesunder Arbeitselemente unsere Stärke im Lande, die Macht unserer zionistischen Bewegung außerhalb Palästinas gesteigert würde, wird jeder einzuschätzen wissen. Die Palästinakommission hat mit der Begründung des neuen Syndikats große Möglichkeiten eröffnet. Es ist vielleicht seltsam, daß es Gelehrte sind, die sich hier mühen, ein durchaus kaufmännisches Unternehmen zustande zu bringen. Es ist eben ein Zeichen dafür, daß die jüdische Privatinitiative noch nicht stark, genug ist, sonst wären es sicher Kaufleute gewesen, die mit dem Syndikatsvorschlag auf den Plan getreten wären. Umso dankbarer wollen wir es anerkennen, daß die Palästinakommission den Rahmen geschaffen hat, den auszufüllen nun die Sache all derer ist, die mit der Liebe für Palästina auch den Willen verbinden, dem Lande und dem Volke, das auf das Land wartet, zu nützen nach ihrer Kraft, nach ihrem Vermögen. Schon hat sich eine beträchtliche Zahl solcher gefunden, die der Sache Vertrauen und Mittel zuwenden — das ferne Irkutsk steht dabei in erster Reihe —, mögen die, die sich bisher noch nicht gemeldet haben, nun nichi mehr zögern. Alle unter uns, die sich auf Wohlhabenheit stützen können, mögen sich vor Augen halten, daß, wenn Vermögen Pflichten auferlegt, jüdisches Vermögen doppelt verpflichtet. Und sie mögen sich dann noch erinnern, wieviel — schweigend und geduldig — die Proletarier im Dienste unserer Sache geleistet haben, um das Maß ihrer Verpflichtung ganz zu kennen. s^g^ o o o POLITISCHE REVUE Die Ausweisungen Die Kraft der Juden, sich an alles zu gewöhnen, jede Unbill schließlich als eine Naturnotwendigkeit hinzunehmen, ist wirklich staunenswert. Die größte Ungerechtigkeit, die ihnen zugefügt wird, ruft bei ihnen keine Empörung mehr hervor. Sie wundern sich nicht mehr, sie haben im vorhinein alle möglichen Leiden durchgekostet Gab es eine größere moralische Schmach für das jüdische Volk, als die „Russenausweisungen" in Deutschland, die in diesem Jahre zum System gegenüber den russisch-jüdischen Ankömmlingen erhoben worden sind? Man wußte ja ganz genau, worum es sich handelte. Hier war wirklich nicht die Befürchtung maßgebend, die russische Revolution könnte nach Deutschland hinübergreifen. Die armen Juden, die nach Deutschland kamen, haben andere Sorgen, als Revolution zu machen. Sie müssen sich ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts erarbeiten. Die Behörden wußten auch ganz genau, daß die Einwanderer friedliche und ruhige Menschen seien, und daß auch das bischen revolutionärer Geist, von dem sie in Rußland um haucht waren, über den Sorgen ums tägliche Leben sich verflüchtigte. Was war nun der Grund der Ausweisungen? Lediglich die Angst, zuviel Juden in Preußen zu haben. Es gebe ja schon deren auch ohnehin genug. Aber die deutschen Juden wollten die rein antijüdische Tendenz dieser Maßnahme nicht herausfühlen, sie wollten alle Welt im Glauben verharren lassen, es handelte sich bloß um Ausweisungen von „Russen". . . Und man wahrte so ziemlich tiefes Schweigen über die ganze Angelegenheit. Es wurde still um die Sache. Und mancher konnte glauben, die preußischen Behörden hätten ihre Politik gegen die russischen Juden geändert.