Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 DIEl^ELT N0..47 jährigen Bestandes über Formalitäten nicht hinausgewachsen, daß sie in leerem, ödem Formelkram erstarrt ist. Von ihr muß man leider sagen: Vestigia terrent. Wie ihre herrliche Bibliothek für die Herren vom Vorstande nicht existiert, so sind auch die Beamten dieses Institutes für sie Luft. Wie die Kultusvorsteher ihr intellektuelles Gewissen dadurch zum Schweigen bringen, daß sie für die Ausgestaltung der Bibliothek zweitausend Kronen votieren, von welcher Summe auch die jüdischen Zeitungen 'und Zeitschriften anzuschaffen sind, so finden sie sich auch mit den zwei Beamten der Bibliothek durch geradezu lächerliche Gehalte ab. Die werktätige Gerechtigkeitsliebe des Wiener Kultusvorstandes findet ihren eklatanten Ausdruck darin, daß sie, wie ich in Erfahrung gebracht habe, den im Dienste der Gemeinde ergrauten Leiter der Bibliothek mit 3600, sage dreitausendsechshundert Kronen honoriert und den zweiten Beamten mit zweitausend Kronen abspeist. Ich konnte es nicht fassen, daß eine Großgemeinde wie die Wiener, von redlichem, idealem Eifer getragene Männer der Wissenschaft mit solchen Hungerlöhnen abfertigt; ich glaubte falsch gehört und gelesen zu haben, aber das aller Billigkeit und den in den Bibliotheken aller Welt üblichen Gehältern einen Faustschlag ins Gesicht versetzende Faktum ließ sich durch einen Zweifel nicht umstoßen. So väterlich sorgen die patres der Gemeinde für ihre intelligentesten Beamten, denen sie die Pflege und die Verbreitung der jüdischen Wissenschaft anvertraut haben. Die Schamröte stieg mir ins Gesicht. Ich schämte mich für die Vorsteher, die das Erröten verlernt zu haben scheinen, und die tieftraurigen Verse des Olympiers: „Wer nie sein Brot in Tränen aß usw." schwirrten mir im Kopfe herum. Berlin, du hast es besser! Dort spielen einige tausend Mark, wenn es sich um den Bücherbestand der Gemeindebibliothek handelt, keine Rolle, sie sind allsogleich zur Stelle, wenn es sich um günstige Gelegenheitskäufe handelt, und die Bibliothekare genießen eine sorgenfreie Existenz. Es ist hoch an der Zeit, daß die Wiener Kultusgemeinde ihren Kurs ändert. Lieblosigkeit, Undankbarkeit, Verachtung des Wissens sind entschieden unjüdisch. Am allerwenigsten dürfen diejenigen Männer solche Eigenschaften zur Schau tragen, welche sich auf die Führer der Gemeinde hinausspielen. Hochachtungsvoll Ben Amitai. Berlin, im November 1906. Uhlandstraße 175. Sehr geehrter Herr Redakteur! Im Namen des vorbereitenden Komitees des Palästina-Industriesyndikats G. m. b. H. richte ich an Sie die ergebene Bitte, beifolgende Beitrittseinladung in der „Welt" zu veröffentlichen. Gelegentlich der Veröffentlichung dieser Beitrittseinladung sei besonders darauf aufmerksam gemacht, daß das vorbereitende Komitee bei Gründung des in Rede stehenden Syndikats hauptsächlich von dem Gedanken ausgeht, durch Einführung reingeschäftlicher Unternehmungen im nahen Orient den fast überall boykottierten jüdischen Arbeiterniassen lohnende Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. Es dürfte wohl noch nicht allgemein bekannt sein, daß, trotzdem der nahe Orient von seinem tausendjährigen Schlaf erst jetzt wieder zu erwachen beginnt, sich schon heute daselbst für kapitalkräftige, unternehmungslustige Kaufleute zahlreiche Gelegenheiten zur gewinnbringenden Anlegung ihres Kapitals durch Beteiligung an industriellen und landwirtschaftlichen Unternehmungen darbieten. Eine gute Illustration des wirtschaftlichen Voranschreitens des vorderen Orients bietet die Palästina benachbarte Hafenstadt Beirut, deren Bevölkerung im Jahre 1885 .......100 000 Seelen zählte und „ „ 1896 schon .... 140000 „ betrug, deren Export sich im Jahre 1901 auf..... 540 915 £ belief und „ „ 1905 die Höhe von 924 600 „ erreichte. Dies ist im wesentlichen eine Folge der Verbesserung der Verkehrsmittel durch den Bau von Eisenbahnen und Fahrstraßen, welche Entwicklung im Libanongebiet schon vor zwanzig Jahren begann und die jetzt auch in Palästina kräftig fortzuschreiten anfängt. Auch muß man gerechterweise hervorheben, daß, während die gewerbetreibenden Juden in den großen Ghettoländern, wie Rußland (selbst im Ansiedlungsrayon) und Rumänien, noch immer mit verschiedenen hemmenden gesetzlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, in dem sonst noch mancher Reform bedürftigen Orient die jüdischen Kaufleute, Fabrikanten, Handwerker, Arbeiter etc., selbst wenn sie keine türkischen Untertanen sind, ihrem Berufe ruhig nachgehen können, ohne irgendwelchen gesetzlichen Verfolgungen oder Ausnahmegesetzen ausgesetzt zu sein. Wir glauben daher mit Recht behaupten zu dürfen, daß unter den gegebenen Umständen es die Pflicht der kapitalkräftigen Juden aller Länder ist, sich am Palästinaindustriesyndikat sowie seinen Gründungen mit ihrem Kapital zu beteiligen. Mit vorzüglicher Hochachtung! Im Auftrage des vorbereitenden Komitees des Palästina-Industriesyndikats G. m. b. H.: gez. Prof. Dr. O. War bürg, Vorsitzender der Palästinakommission. :|: :j: BEITRITTS-EINLADUNG Berlin, im November 1906. W. 15, Uhlandstraße 175. Ew. Hochwohlgeboren erlauben wir uns hierdurch die Mitteilung zu machen, daß das unterzeichnete Komitee die Gründung eines Industriesyndikats für Palä stina und die Nachbarländer vorbereitet unter der Firma: Palästina-Industriesyndikat G. m. b. H. Zweck. Das Syndikat bezweckt die Vorbereitung, Einführuno und Finanzierung von industriellen und anderen wirtschaftlichen Unternehmungen in Palästina und den Nachbarländern. Arbeitsplan. Es wird sowohl aus eigner Initiative versuchen, jüdische Kapitalisten zu chancenreich erscheinenden Unternehmungen heranzuziehen, als auch im Auftrage und für Rechnung dritter die nötigen Vorarbeiten zur Gründung von Unternehmungen leisten Seine Tätigkeit wird demnach bestehen in: 1. Feststellung der wirtschaftlichen Verhältnisse und geschäftlichen Chancen durch Einholen von fachmännischen Gutachten 2. Erwerbung von Konzessionen und Terrains sowie Abschlin von Optionsverträgen. 3. Ausarbeitung von Projekten, Kosten- und Rentabilitätsar Schlägen. 4. Finanzierung der zu gründenden Unternehmungen. Das Syndikat wird sich seine Auslagen und Spesen unter Au schlag eines entsprechenden Gewinnes teils in bar, teils in Anteile der neuen Unternehmungen zurückerstatten lassen. Eine weiten finanzielle Unterstützung der neu gegründeten Unternehmungen so nur ausnahmsweise und dann nur gegen genügende Sicherheite gewährt werden. Projekte. Das Syndikat wird zunächst nur solche Projek bearbeiten, deren schnelle Verwirklichung wahrscheinlich ist. 1 liegen uns schon Angebote verschiedener Fachleute vor, die in d< betreffenden Unternehmungen mitarbeiten und sich an ihnen am mit eigenem Kapital beteiligen wollen. Kapital. Das Grundkapital des Syndikats ist vorläufig a Mark 100 000 (hunderttausend) in Stammanteilen von mindestens Mark 1000 (tausend) festgesetzt. Zirka fünfzigtausend Mark sind bisher schon gezeichnet*), auhat die Anglo Palestine Co. durch ihre Filialen in Palästina un Syrien uns ihre bereitwillige Unterstützung zugesagt. Der Sitz d Gesellschaft wird Berlin sein; als ehrenamtliche Geschäftsführer sind zwei erfahrene Kaufler in angesehener sozialer Stellung in Aussicht genommen, währe als Vertreter des Syndikats in Palästina ein mit langjähriger kat männischer Praxis ausgerüsteter Nationalökonom, der gleichzei* Jurist ist, ausersehen ist. Als Bankstellen notieren wir die Jüdische Kolonialbank, London,, sowie die Bankfirma A. H. Heymann & Co., Berlin NW. 7, Unter den Linden 59. Beitrittsanmeldungen wolle man an den Endesunterzeichnet senden. Wir haben wiederholt Gelegenheit gehabt, das Reüssieren d \- artiger Syndikate in überseeischen Ländern zu verfolgen. Im Ork' haben besonders belgische und französische Syndikate sehr deutende Unternehmungen fHafenbauten, Eisenbahnen, Versorgung von Städten mit Licht und Wasser, Fabriken etc.) auf diese Wc; - *) In der Stadt Irkutsk in Sibirien sind zirka 10 Anteile gezeichnet wordo:'