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Die Welt · 1906-11-23 · 47 (23.11.1906) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 47 DIE^E ELT 13 OB-, KORRESPONDENZEN;□»□ TTToDlU (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Zum letzten Abschluß der jüdischen Kolonialbank: Sehr geehrte Redaktion! Es ist sehr zu begrüßen, wenn die Leitung der Kolonialbank l< in kürzeren als jährlichen Zeitabschnitten die Bilanz ihrer Geschäftstätigkeit zieht und deren Ergebnis, wie dies in Nummer 43 der Welt , geschehen, veröffentlicht. Es wird dadurch das Interesse an der ßank wachgehalten und das Verständnis für ihre Tätigkeit erhöht. Diesen Zweck kann aber die Bilanzveröffentlichung nur dann er- : lullen, wenn sie so klar, ausführlich und leicht verständlich ist, \ laß sie auch von dem Nichtkundigen — und solche kommen bei ier Kolonialbank ja weit mehr als bei anderen Banken in Betracht — gelesen werden kann. In dieser Richtung läßt die letzte Veröffentichung noch manches zu wünschen übrig. Um nur einiges heraus : ai greifen: Unter den Aktiven der Bilanz findet sich der Posten: Effekten 65891 Pfund; es fehlt hierüber jede Spezialisierung, und , ioch ist es von höchstem Interesse zu wissen, ob die Effekten nglische Konsols oder Aktien der Anglo-Palestine-Company oder Anteilsscheine der Palästina-Handelsgesellschaft sind. Ahnlich ist s bei den Kreditoren, bei denen es doch sehr wesentlich ist, zu rfahren, mit welchen Beträgen Nationalfonds oder sonstige der Verwaltung der Kolonialbank unterliegende Vermögen beteiligt sind. \!eben einer größeren Ausführlichkeit wäre auch die Zufügung •ines kurzen, erläuternden und ergänzenden Berichts wertvoll, der um Vergleich die Ziffern früherer Bilanzen heranzöge und so die Entwicklung der Geschäftstätigkeit und die Orte ihrer Wirksamem — England, Rußland, Palästina — erkennen ließe. Durch olche unschwer durchzuführende Maßnahmen kann das Verstandes und Interesse für die Kolonialbank wesentlich gefördert werden. Und nun noch einige Bemerkungen zur Bilanz selbst: Der bedeutsamste Posten ist wohl zweifellos derjenige, welcher die löhe des eingezahlten Aktienkapitals erkennen läßt, da sie der esentlichste Faktor ist für Bedeutung und Zweck der Bank. Die ilanz zeigt die Ziffer von 252463 Pfund, gegenüber dem letzten bschlusse — auf 31. Juli 1905 — ein Zuwachs von 637 Pfund, i einer Korrespondenz in Nummer 22 der Welt habe ich gemeinen mit Herrn Dr. Straus schon auf diese bedeutsame Tatsache er stetigen Abnahme des Shareverkaufs hingewiesen. Um hier »chmals kurz zu rekapitulieren. Es betrug der Shareverkauf in en Jahren: 1902 ....... 19000 Sharesl 1903 ....... 6000 1904 annähernd . . 3000 1905 nicht vollständig 2000 1906 (bisI.X.) ... 637 Diese Zahlen sprechen für sich selbst, sie bedürfen keines ommentars. Sie zeigen klar und unerbittlich, daß auf bisherigem Vege ein irgend in Betracht kommender Absatz von Shares trotz hareklubs und Rundschreiben und. Ermahnungen ausgeschlossen t. Wir haben in der genannten Korrespondenz betont daß nie Änderung nur zu erwarten ist, wenn die Bank eine letige mäßige Verzinsung der Shares gewährt und wenn ie Bankleitung durch Taten .den ernstlichen Willen beiludet, eine solche mäßige Verzinsung dauernd zu erhalten. NTur dann wird, wenigstens bei den Zionisten, das Vertrauen entgehen, welches die erste Voraussetzung der Anlagefähigkeit der volonialbankaktien ist. Eine solche mäßige Verzinsung herbeizuühren, ist natürlich in erster Linie Sache der unmittelbar mit uhrung der Geschäfte betrauten Persönlichkeit; eine tüchtige kaufmännische Kraft ist die erste Bedingung für einen Fortschritt. Aber mch die Bilanz zeigt die Möglichkeit, in der angegebenen Weise -i] wirken. Unter den Passiven figuriert ein Posten: Unbehobene Dividenden, der den für die Verhältnisse der Bank nicht unbedeutenden Betrag von 7779 Pfund aufweist. Solange die Dividenden noch nachträglich erhoben werden können, stellt dieser Posten ja eine wirkliche Schuld der Gesellschaft dar; bei Verfall der nicht erhobenen Dividenden — der Verfall tritt nach deutschem Recht binnen 4 Jahren ein — wird er aber freies, verfügbares Vermögen der Bank. Es ist auch schon der Wunsch aufgetaucht, diese ■rei werdenden Beträge für zionistische Zwecke, für die anderweit die erforderlichen Summen nicht aufzubringen sind, zu verwenden. Solche Vorschläge sind unbedingt abzulehnen; sie lassen erkennen, daß das Verständnis für den Charakter der Bank noch keineswegs in zionistischen Kreisen durchgedrungen ist. Ich möchte demgegenüber den Vorschlag machen, aus den verfallenen Beträgen, die voraussichtlich bei der Zersplitterung des Aktienbesitzes ziemlich regelmäßig werden verfügbar werden, einen Dividenden-Ergänzungsfonds zu bilden, der es ermöglicht, auch in Jahren mit schlechterem Geschäftsergebnis eine, wenn auch mäßige Dividende zu geben. Der unmittelbare Nutzen eines solchen Fonds, der gewissermaßen die Garantie übernimmt für eine stetige gleichmäßige Verzinsung der Shares, ist wohl ohne weiteres einleuchtend und bedarf keiner weiteren Begründung. Aber auch mittelbar kann der Fond Wertvolles leisten, da schon die Tatsache seiner Begründung mehr als alle Zusicherungen das Vertrauen in den ernstlichen Willen der Bankleitung, für eine stetige Verzinsung der Shares bedacht zu sein, schaffen oder doch stärken wird. Mit Zionsgruß! Ernst Goitein, Heidelberg. Wien und Berlin Sehr geehrter Herr Redakteur! Samstag den 3. November fand die feierliche Einweihung des neueröffneten Bet-ha-Midrasch statt. Zu dieser Feier hatten sich der Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Landesschulrat Dr. Gustav Kohn mit mehreren Kultusvorstehern und eine Anzahl Notabilitäten der Kultusgemeinde eingefunden. Rabbiner Dr. Adolf Schmiedl hielt eine zündende Festrede. Wenige Tage vorher wurden die neuen Räumlichkeiten unserer Gern ei n de - bibliothek eröffnet, aber ohne Sang und Klang, in aller Stille. Die Gemeindebibliothek speist Professoren, Privatgelehrte, Rabbiner, Publizisten und Studierende, sie gibt ihnen reichliche geistige Nahrung und Anregung, sie kann von keinem, der sich mit einer jüdisch-wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt, ignoriert werden, sie ist ein Bet-ha-Midrasch im wahrsten und vollsten Sinne des Wortes, gleichwohl ist sie ein Stiefkind des Kultusvorstandes, der ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt. Er ist in den schweren Zeitläufen, in denen das Wiener Judentum sich auf einer sehr abschüssigen Bahn bewegt, der Welt das traurige Schauspiel einer immer weiter um sich greifenden Zersetzung bietet, Taufe und Fahnenflucht zu den alltäglichsten Erscheinungen gehören, darauf bedacht, das Judentum zu retten, geht aber an seiner Bibliothek achtlos vorbei. Wahrlich, die Wege der Herren, die die größte Gemeinde des Kontinents leiten, sind unerforschlich. Daß Wissenschaft Macht ist, scheint ihnen ein spanisches Dorf zu sein. Sie haben ihre Fürsorge für die Bibliothek lediglich dadurch bekundet, daß sie eine Bibliothekkommission ins Leben gerufen haben. Eine treffliche Maßnahme, wenn sie mit Geschick und Takt ausgeführt wird! Allein der Vorstand hat, um ein auf den vielbesprochenen Wiener Gemeinderabbiner Dr. David gemünztes Wort des Kultusvorstehers Baurat Oskar Marmorek zu variieren, „leider wieder einmal bewiesen, daß er ein eigenes Talent hat, am ungehörigsten Orte und zur ungehörigsten Zeit das Ungehörigste zu sagen". Der Vorstand hat die Ungehörigkeit begangen, neben dem erprobten, leider aber leidenden Altmeister Abraham Epstein, dem strebsamen Gelehrten Seminarprofessor Adolf-Büchler, dem vielseitigen, großzügigen und einen Bienenfleiß an den Tag legenden Rabbiner Dr. GrunwaM und dem bekannten Literaten Dr. Kaminka Männer wie den obengenannten schülerhaften Stümper Dr. David und den kürzlich aus der Redaktion der „monurnenta Judaica" amovierten Moriz Altschüler in die Kommission zu wählen. Ist die Wiener Gemeinde denn so arm an Männern der jüdischen Wissenschaft, ist diese, soweit sie in Wien betrieben wird, wirklich so siech, so todkrank, daß der Vorstand nur vier Vertreter derselben ausfindig machen konnte? So arg ist es denn doch nicht um die Phäakenstadt bestellt, allein der Vorstand ist blind, farbenblind. Und warum bot er nicht alles auf, etwa den Oberrabbiner Dr. Güdemann, der nach Maßgabe seiner Stellung und Gelehrsamkeit doch vor allem dazu berufen ist, zum Eintritte in dieselbe zu bewegen? Es ist geradezu eine Ironie, eine blutige Ironie, daß ein Laie an der Spitze jenes Beirates als Obmann waltet. Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, daß die Kommission trotz ihres zwei-

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