Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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wiederum soviel Nüancen, als im Leben handelnde und leidende Menschen existieren. Im Interesse der Religion kann es nichts Sinnwidrigeres geben, als religiöse Moral aufdringlich zu predigen. Die Religion ist eine Angelegenheit der Seele, die Sache einer bestimmten Schichte von Menschen — das soll man nicht übersehen. Im höchsten Sinne ist sie etwas Internes, Zartes, Unsagbares, eine mystische Stimmung, die doch nicht wie nach Sokrates' schöner Schablone gleich der Tugend gelehrt werden kann. Wie lange soll man noch ruhig zusehen, wie alle diese sinnlosen Sammlungen von Religionsgeschichten, Phrasen, Versen, Traktätchen, Sinnsprüchen etc. unserer Jugend geboten werden, die, wenn sie kritiklos aufgenommen werden, die Phantasie töten müssen? Und alle die schwungvollen Tngendlehren erscheinen sicherlich dem gesunden Kinderverstande langweilig, Müde wirft es diese kaum gelesenen Schriften beiseite. Nicht minder ekelhaft und untauglich sind die Bücher mit dozierendem Inhalte. Die Verfasser derselben gebärden sich allwissend, überweise und gestalten den Stoff zumeist unverdaulich, eine wahre Tortur für die armen, gequälten, jugendlichen Gehirne. In diese Kategorie gehören namentlich die zahlreichen biographischen Skizzen aus dem Leben biblischer und talmudischer Persönlichkeiten, Da erschien z. B. vor kurzem ein Buch über die Jugendgeschichte des Erzvaters Abraham nach der talmudischen Sage. Im ganzen ein gutes, verständnisvolles Werkchen. Die Kritik schrieb u. a. darüber: „Wird das Kind nicht Zweifel hegen an der Zuverlässigkeit biblischer Erzählungen, wenn wir diese durch sagenhafte Zutaten, die von vornherein den Stempel der Unwahrheit (?), des Unmöglichen an sich tragen, vervollständigen?" Von solchem Geiste sind offizielle Jugendbildner besessen. Der durch Phrasen und Dogmatismus abgegrenzten Domäne dieser Pfahlbürger soll ja nicht durch eine befeuernde, künstlerische Auffassung an den Leib gerückt werden! Die bände weise verzapfte Moral muß der Ästhetik zum Opfer fallen. — Oder man streitet heute noch in dem von der Großloge für Deutschland herausgegebenen „Wegweiser für die Jugendliteratur" über die durch die Literaturentwicklung längst überholte Frage, ob es jüdische Märchen geben „dürfe". So lächerlich dieser Streit erscheinen mag, er ist ein glänzender Gegenbeweis gegen alle Versuche, die Jugendliteratur vom vorurteilsvollen Gesichtspunkte aus diktieren zu wollen. Dies nur ein kleines Beispiel für viele Tatsachen. Eine detaillierte Analysierimg der einzelnen Werke kann man sich wohl ersparen. Was ist nun zu tun? Vor allem muß mit dem Begriffe einer speziellen, amtlich geaichten Jugendlektüre aufgeräumt werden. Die sittliche Scheidung nach Geschlechtern, die Altersstufen müssen schwinden, die Bücher müssen der Individualität des Lesers angepaßt sein. Alle moralisierenden, dogmatisierenden, in falschem Patriotismus machenden Unsinnigkeiten müssen verschwinden und an ihre Stelle eine Auswahl der besten Werke unserer jüdischen Autoren treten. Welch dankbare Aufgabe wäre es, einige Übersetzungen der he bräischen und i argonischen Literatur für die Jugend herauszugeben Aber nur wirklichen Künstlerfedern dürfen die Bücher ihr Lebei verdanken. Eine solche Jugendbibliothek, die gleichzeitig muster haft ausgestattet sein müßte, wäre wohl imstande, einen Ersatz fü die jetzt so schädlich wirkenden Machwerke zu bieten1). Man langweile die Jugend nicht mehr mit Predigten, sondern biete ih Genuß und Entvvicklungsmöglichkeiten. Wir wollen keine klassi fixierten Moralphilister, sondern schöne, weitherzige, freie Menschen. - Ober die Berechtigung einer Jugendzeitschrift mag man streiten Für uns muß die Frage a priori bejaht werden. Natürlich kann e sich in solcher Zeitschrift nicht darum handeln, Zionismus zu predigen Aber man darf wohl das Recht für sich behaupten, die Jugend z\ einer modernen Auffassung des jüdischen Problems anzuleiten. De erste Versuch, den die in Wien erscheinende Jugendzeitschrift „Unsen Hoffnung" damit machte, kann trotz der mangelhaften Unterstützum als ziemlich gelungen bezeichnet werden. Jedenfalls konnte ma, bei einem Teile der österreichischen Jugend den Willen zur Tv. feststellen. Welch ungeheure Bedeutung eine solche Zeitschri; gewinnen kann, dafür ein Beispiel. In Nr. 11 der „Sozialistische Monatshefte" vom Jahre 1903 schreibt der Verfasser eines Artikel über „die sozialistische Bewegung in der polnischen Jugend": „Niel; alle Anhänger des „Promien" (einer sozialistischen Jugendzeitschrn in polnischer Sprache) werden zu Sozialdemokraten, aber sie werde doch sämtlich frei von den vielen auf ihren Standesgenossen lasten den Vorurteilen und fühlen mindestens keinen Haß gegen dei Sozialismus." In der Tat ist der agitatorischsn, insbesondere abe der kritischen Arbeit dieser und mehrerer anderer Zeitschriften e gelungen, eine Anzahl begeisterter Menschen zu züchten, aus der dl tüchtigen Parteiführer hervorgehen werden. Gerade aber in unsen Lager, wo Haus und Schule mehr oder weniger systematisch gege die zionistische Bewegung arbeiten, ist es Aufgabe einer jüdische Jugendzeitschrift, alle Hindernisse wegzuräumen, di der Erfassung unserer Gedanken entgegenstehen. In besondere muß sie den Trieb zur Selbstbildung speziell auf jüdische! Gebiete wecken, ohne die die Schüler der heutigen Mittelschule Ignoranten bleiben. Natürlich könnten unsere Anregungen noch weiter ausgefüli werden. Aber muß man heute noch auf die Wichtigkeit einer 1; ziehung in nationalem Sinne hinweisen? Ein Appell an alle Part; genossen, insbesondere an unsere Schriftsteller, sollte genügen, n sie zur Förderung aller Bestrebungen für eine von nationalem Geb erfüllte, moderne, jüdische Jugendlektüre zu bestimmen. Oder woll sie ruhig zusehen, wie auch die nächste Generation im banausisch Eigendünkel ihrer traditionellen Phraseologie versumpft?,; ') In russischer Sprache existiert bereits eine solche Jtigendbibliotliek.; Jüdische Palästina-Ausstellungen im Jahre 1907 Von BEN DAVID Die von Herrn- Heinrich Rosenbaum in Nr. 39 der „Welt" veröffentlichte Anregung von Ausstellungen palästinensischer Produkte halte ich für eine so zeitgemäße, daß ich im folgenden diesen Gedanken ein wenig näher behandeln und in manchen Hinsichten erweitern möchte. Es will mir scheinen, daß die Sache, wenn richtig angefaßt, überall genügend Sympathie finden dürfte, um ohne Risiko und mit großer propagandistischer Wirkung durchgeführt werden zu können. Was die Jubiläums-Idee betrifft, so hat sie freilich einige Nachteile. Abgesehen davon, daß nicht mit der Gründung von Rischonle-Zion im Jahre 1882, sondern mit der vier Jahre vorher erfolgten von Petach-Tikwah die neue Ära der jüdischen Kolonisation begann, haben wir weder über die bisherigen Kolonisationserfolge noch über die politisch-zionistische Tätigkeit in Palästina schon zu „jubilieren," — dazustehen beide Entwickelungen noch viel zu sehr in einem Anfangsstadium. Aber dem gegenüber ist nicht zu übersehen, daß die Jubiläums-Veranlassung einen guten äußeren Grund abgibt, um die Veranstaltung gerade jetzt und ohne Zögern ins Leben zu rufen. Ais Mittel zu dem sehr ernsten Zweck, unsere Palästina-Arbeit zu einem immer wachsenden wirtschaftlichen Faktor im Leben der Juden zu entwickel können wir über die Bedenken, die einer „Jubiläums"-Ausstellu entgegenstehen mögen, wohl hinweg sehen, — und schließli braucht sich niemand von dem Wort Jubiläum ernstlich bedrück, zu lassen: die Berechtigung einer jüdischen Palästina-Ausstellui wenn sie sonst gut gemacht ist, hängt nicht von Jahreszahlen; -- sie ist in sich selbst berechtigt. Die Frage ist eben, ob sie gut „gemacht" werden kann. Ich hätte meine Zweifel darüber, wenn es sich nur darum handc sollte, die Produkte der jüdischen Kolonien auszustellen, aber ki Zweifel kann bestehen, wenn wir, wie es ja in dem Erwähn! einigermaßen angedeutet ist, eine Ausstellung bieten wollen, ti nicht nur der Welt zeigen will, was wir in Palästina geleis-t haben, sondern auch uns selbst, was noch in Palästina leisten ist. Und dann legt uns die Idee eines zehnjährig Jubiläums der zionistischen Organisation den Gedanken nahe, üb sichtlich zu zeigen, was die zionistische Bewegung in diesen zc Jahren — auch abgesehen von Palästina — zuwege gebracht h; und wir wissen ja alle, wie unendlich viel größer die zionistisch-.