Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 47 DIE] zu haben wie in Wien, nur daß in Triest die durch beeinträchtigte Behandlung vom Staate gewissermaßen erzwungene Taufe seltener auftreten wird, häufiger dagegen die andere Form, die Konsequenz und der Ausdruck der äußersten gesellschaftlichen Assimilation. In beziig auf Alter und Zivilstand waren von den Ausgetretenen im Jahre 14—20 20—40 ledig Jahre alt 1899 2 10 11 1900 1 18 7 1901 3 11 12 1902 2 9 20 Es waren somit unter 69 Konvertiten in 4 Jahren 56 im Alter von 14—40 Jahren und 60 noch ledig. Interessant ist die ver- EELT — —: 9 hältnismäßig sehr hohe Zahl der Konfessionsloserklärungen. Unter 76 vom Judentum Ausgetretenen haben sich 51 (= 67, konfessionslos erklärt, während 21 zur katholischen und vier zur evangelischen Kirche übergetreten sind. Ziehen wir nun das Fazit aus der bisherigen Darstellung für ganz Österreich, so muf3 . zunächst vom übrigen Österreich Galizien gesondert werden. In Galizien dürften außerhalb der Hauptstädte Lemberg und Krakau Austritte nur höchst vereinzelt vorkommen. Auf diese beiden Städte entfallen jährlich etwa 27 jüdische Austritte, mit diesen zusammen dürften alle Taufen in Galizien höchstens auf 70--80 jährlich kommen, was gegenüber der jüdischen Bevölkerung Galiziens von über 800 000 Seelen als verschwindend klein betrachtet werden kann. (Schluß folgt.) ' JUGENDLEKTURE Von Dr. JOSEF MEISL Jedermann hat wohl einmal wenigstens einen flüchtigen Blick n das Meer der sogenannten Jugendliteratur geworfen, das alljährlich Jen Büchermarkt überflutet Welcher Jammer, welche entsetzliche i'reibhausblüten der Unkultur bieten sich hier dem kritischen Blicke dar! Aber wie wenige wagen es heute, gegen dieses Treiben ihre Stimme zu erheben und eine Reform zu verlangen. Und doch nicht 'her, bevor dieser Giftzahn der heutigen Erziehungsmethode ausgebrochen ist, wird es möglich sein, die seelische Gleichgiltigkeit ines großen Teiles der Jugend zu bekämpfen und Enthusiasmus n ihr, Verständnis für ideales Bestreben zu wecken. Anerkennens- .verte Versuche, hier Wandel zu schaffen, sind wohl jüngstens mternommen worden, mit Genugtuung seien sie verzeichnet; aber \vir müssen doch auf das Unzureichende derselben hinweisen. Denn sie sind nicht imstande, die geistige und moralische Lauheit ler Jugend wett zu machen, Natürlich muß vor allem von der allgemeinen Jugendlektüre;jsproche:i werden, die Jugendbücher mit jüdischem Inhalte sollen päter beurteilt werden. So sehr es auch unserem Gefühle widerlichen mag, die Tatsache ist doch unleugbar, daß jüdische Bücher inem weit geringeren Interesse bei unserer Jugend begegnen als twa Indianergeschichten, Schilderungen vonSeeräuberabenteuern etc. '.Voher stammt diese Verrohung des Geschmackes, dieses irregeleitete Empfinden der jungen Seelen? — Wozu gibt man Kindern heutzutage Bücher in die Hand? Nicht um ihre ästhetische, ihre geistige nid seetische Entwickelung zu fördern, nicht um ihr Tätigkeits- 'edürfnis sich ausleben zu lassen* sondern genau so gedankenlos ind ohne tieferes Verständnis wie die kostbarsten, kompliziertesten, dir den kindlichen Geist Unfaf3barsten und dümmsten Spielzeuge wird dem Kinde ein Buch in die Hand gegeben. Und die Mutter nler die Gouvernante sitzen dabei und schwatzen dem armen Köpfchen etwas vor, das nun vor lauter Verwirrung mit den fratzenhaften Bildern nichts anzufangen weiß. Man glaubt im allgemeinen, lern Kinde alles wahllos bieten zu können. Als ob ein solches Dingerchen* das kaum kriechen kann, noch keine Seele hätte! Hier iegt bereits des Übels Beginn. Das Kind hat die Elemente der -esekunst glücklich überwunden, und es beginnt nun ohne Anleitung die Schulbibliothek zu benutzen. Aber das arme Hirn, das;aum die ersten Eindrücke der Außenwelt verdaut, muß gar bald dieso herrliche, sittliche Scheidung der Geschlechter zu fühlen gekommen. Es gibt nämlich nicht nur Kinderbücher, sondern Solcher für Knaben und Bücher für Mädchen, ferner unterscheidet die pädagogische Überweisheit sehr strenge nach dem Alter, Bücher dir Kinder, unter 10 Jahren und Bücher für die reifere Jugend. Die Mute Mama, welche ihrem Söhnlein eine kleine Freude bereiten will, läßt sich im Bücherladen von einem Ladengehilfen, der selbst keine Ahnung von der deutschen Grammatik hat, ein Buch anhängen, auf dem der geistreiche Untertitel für die reifere Jugend stehen niuß. Man blättere einmal einige dieser famosesten Geistesprodukte durch! Mit welch theatralischem Aplomp werden diese erbärmlichen Flickwerke „geziert"! Wie verderblich müssen diese Darstellungen auf den Geschmack der Jugend wirken! Man lese einige Sätze, Reiche Stilungeheuerlichkeiten, welche unbändige Spekulation auf die Sensationslust der Jugend zeigen die Verfasser dieser Schriften! Erstaunlich, wie man hier mit dem Ausdruck r'ngt, welche entsetzliche Öde, welch phantasieloses, unkünstlerisches Gestammel einem da begegnet. Und wer trägt die Schuld an diesem Übel? Vor allem die Eltern, die noch lange nicht den Wert guter Jugendbücher zu würdigen verstehen, denen jede Ausgabe für ein gutes Buch zu hoch dünkt, die Eltern, welche im Drange der Tagesgeschäfte oder in der Beschäftigung mit Putz und Eitelkeiten keine Zeit finden, um auch für die seelische Entwickelung ihrer Kinder etwas zu erübrigen. In zweiter Linie trifft die Schuld die Lehrer, die noch immer meinen, mit Moraltraktätchen und Religionsunterricht auf die kindliche Seele Eindruck zu machen. Gerade die Lehrer, insbesondere die Religionslehrer, können auch zumeist nicht wirken, gar wenn sie selbst vertrocknete Bücherseelen oder staubige Amtsleute sind, die, bei Gott, aus den vorgezeichneten Gleisen zu"geraten fürchten müssen. Und drittens trifft die Schuld die Verfasser jener Jugendbücher, die es verabsäumten, im Leben etwas Tüchtiges zu werden. Und da sie ihren Boden zur Unfruchtbarkeit verdammt sehen, werfen sie sich auf jede gangbare Ware. Diese Industrieritter von der Feder, wie etwa jener herrliche Abgott der Jugend, Karl May, gehören zu den seichtesten Schwätzern, sie sind phantasielose Sensationsmenschen,die nur Schaden anrichten. Unsere jüdischen Jugendbücher sind wohl frei von jener korrumpierenden Sensationswut. Kriegs- und Trommellärm, wütendes Indianergeheul ertönen hier selten, die Autoren dieser Bücher gebärden sich weniger historisch, um die krankhafte Soldatenbegeisterung zu steigern. Aber es ist natürlich unvermeidlich, daß diese niedrigen Machwerke auch von der jüdischen Jugend in Unmassen verschlungen werden. Einen Ersatz für die Sensationsliteratur bieten bei uns die Bücher mit moralisierendem und dozierendem Inhalte. Wie einer dies so trefflich kennzeichnete, leiden die Autoren dieser Werke an einem furor moralicus. Die schwärzesten, stockreaktionärsten, verworfensten Seelen werden den edelsten, gottergebensten, lammfrommsten Phantasiegestalten gegenübergestellt. Und natürlich triumphiert stets der Böse, der junge gute Held geht zugrunde. O, diese Spintisierer der papierenen Tugend! Was haben sie aus dem Menschen gemacht! Wie lange wird man sich noch unterfangen, der Jugend die Karikaturen solcher „moralinsaurer" Vertrottelungen zu bieten? Welch eine veraltete, vertrocknete, schweiß- und staubbedeckte Moral wird da gelehrt! Gewiß muß man zugeben, daß die sozialen Anschauungen unserer Religion viel weniger als etwa die des Christentums dem Zeitgeiste zuwiderlaufen. Aber es ist heller Unsinn, durch phantasieüberwuchernde Morallehren der Jugend jedes Verständnis für unsere Gesellschaft nehmen zu wollen. In einer Zeit, die der Schablone entsagt und die man versteht, wenn man alles nach dem gewaltigen Prinzip der Entwickelung begreift, sind diese starren Traditionsphrasen nur unheilstiftend. Aber des Übels Wurzel liegt bereits in der Schule. Dadurch, daß die Mache des dogmenhaften Unterrichtes so elend totgeritten wird, müssen alle Feineren, Nachdenksameren,; kritisch ^Begabteren in schwere Konflikte geraten, sie müssen den schmerzlichen Kontrast zwischen dem, was sie in der Schule hören, und dem ganz anders gefärbten sozialen Kampfe aufs tiefste empfinden. Gewiß sind viele der Autoren Menschen von modernerem Geiste, d, h. irgend einer monistischen Weltanschauung und Moral zugewandt, in ihren Büchern predigen sie das Gegenteil und züchten so die Heuchelei groß. Die Bindung an Dogmenautorität ist der modernen Sittenlehre, die der soziale Kampf erzeugte, fremd, aber wir lesen dies alles in unseren Kinderbüchern. Gibt es doch heute lange nicht mehr eine einheitliche Sittlichkeit, sondern die stuft sich nach verschiedenen sozialen Schichten und Klassen ab, und von dieser gibt es