Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 47 DIE3$&ELT 7 Vorliebeund mit Nachdruck als diejenige Partei,die von konfessionellen Rückständigkeiten und Gegensätzlichkeiten frei sei. Daß trotzdem der Antisemitismus in der Sozialdemokratie nicht nur Boden findet, sondern zuweilen die üppigsten Blüten treibt, haben wir wiederholt nachweisen können. Ein neuer, auch noch in anderer Hinsicht interessanter Beleg dafür wird uns heute aus Dessau gemeldet. Dort sind die Freisinnigen unter der bekannten Führung der Landtagsabgeordneten Artl und Dr. Cohn bei politischen und kommunalpolitischen Wahlen der letzten Jahre wiederholt mit den Sozialdemokraten zusammen gegen die rechts stehenden Parteien vorgegangen. Diesmal haben die Sozialdemokraten den Wahlkampf bei einer Stadtverordnetenwahl damit begonnen, dali^sie die Hälfte aller Mandate für Parteibeamte oder von der Partei wirtschaftlich abhängige Leute forderten und den Freisinnigen öffentlich androhten, es würde nicht einer von ihnen gewählt werden, wenn sie nicht blindlings und aufs Wort parierten. Auf diese Brüskierung schloß sich das Bürgertum gegen die Sozialdemokratie zusammen. Es kam zu einem Wahlkampf, in dem die bürgerliche Partei eine lurchweg liberale Liste präsentierte. Diese Liste konnte mit sachlichen Gründen nicht wohl bekämpft werden, umsomehr aber leisteten sich die „Genossen" an ebenso gehässigen wie unbegründeten persönlichen Angriffen gegen die gegnerischen Führer. Jedes Mittel war ihnen recht. Köstlich ist aber, daß auch hier zuletzt, als alles mdere nicht ziehen wollte, die Sozialdemokraten das Liedlein vom Antisemitismus anstimmten. Mit deutlicher Spitze gegen den gegneisehen Führer Dr. Cohn schrieb das Dessauer sozialdemokratische )rgan in einem ohne jeden Zusatz im redaktionellen Teile abge- Iruckten „Eingesandt": „Der Antisemitismus wird hier sehr bald festen Fuß fassen, und das ist in Anbetracht der Vorgänge auch nur zu natürlich. Ich war niemals ein Judenfreund, weil ich gefunden habe, daß alle, die ich bisher kennen lernte, ohne jede Ausnahme hinsichtlich des moralischen Wertes auf ein und derselben Stufe stehen. Ich würde es also durchaus nicht für ein Unglück halten, wenn alle Semiten schon in den nächsten Tagen durchs Rote Meer zurückgehen und bei dieser Gelegenheit wirklich so viel Wasser schlucken würden, wie angeblich vor Jahrtausenden die Aegypter! Daß wir keinen Schaden hätten, wenn damals das Meer anstatt der Aegypter die „Kinder Israels" samt ihren Eltern verschlang, oder aber wenigstens die Semiter jenseits des Jordans blieben, werden Sie jedenfalls nicht bestreiten wollen." Herr Peus hat es denn auch in seinem Leiborgan nicht bestritten. Der Liebe Mühe war trotzdem vergebens. Bei der Wahl siegte das Bürgertum, die Sozialdemokraten verloren die vier Sitze, mit denen sie bei der Wahl beteiligt waren, auch der Genosse Peus fiel durch. Was aber sagt Herr Singer zu seinem „antisemitischen" Reichstagskollegen Peus? Graf Pückler wird seine helle Freude daran haben, daß er endlich Bundesgenossen im sozialdemokratischen Lager findet." So weit das „Berliner Tageblatt". Uns kann es nicht wundern. Wir haben die Haltung der deutschen Sozialdemokratie in der Judenfrage, die mehr als eine zweideutige ist, wiederholt angenagelt. .Der arme Singer! Die Geister, die er beschworen, kann er selbst nicht beherrschen. Am Ende werfen die Dessauer Genossen auch ihrem alten Führer den „Semiten" an den Kopf! TAUFBEWEGUNG UND MISCHEHEN IN ÖSTERREICH UND DEUTSCHLAND Von Dr. JAKOB THON, BERLIN (Fortsetzung.) In bezug auf Alter und Zivilstand weisen die christlichen Kon- .ititen ungefähr gleiche Verhältnisse auf, wie die jüdischen, lab. VII). Von allen 1172 Konvertiten standen 705 im Alter von > bis 30 Jahren (~ 60,1 %, also 11,1 °/o mehr als von den jüdischen) Wihrend nur 108 (= 9,2 %, d. i. 2,8 °/o weniger als von den jüdichen) das 40. Lebensjahr überschritten haben. Auch die Zahl der edigen ist etwas höher, 78,5°/o (920) gegen 74 0,o bei den Juden. Ob unter den zum Judentum Obertretenden getaufte Juden, iso „rückkehrende Söhne" sich befinden, was wohl anzunehmen i und in welcher Zahl, kann nicht angegeben werden. Inwiefern die Verluste, des Judentums durch die Taufen einen -ilweisen Ersatz an den Übertritten finden, zeigt nachfolgende Zuunmenstellung. Es entfielen auf je 100 ausgetretene Juden übersende Christen: m Jahre im Jahre im Jahre 1886 1 15,4 1892 22,3 1898 11,3 1887! 16,4 1893 25,2 1899 11,2 1888 | 23,3 1894 23,7 1900 9,8 1889! 21,1 1895 18,5 1901 14,9 1890 | 19,9 1896 16,5 1902 8,2 1891! 22,6 1897 10,2 1903 12,2 Ober die Konfessionsänderungen in einigen anderen öster- ■ eichischen Städten sind nur vereinzelte Angaben und nirgends 'ür^so lange Zeitabschnitte, wie für Wien, vorhanden. Wichtig ist s immerhin, daß für die beiden galizischen Hauptstädte, Lemberg nd Krakau, Zahlen veröffentlicht sind. Nach den statistischen Mitteilungen der Stadt Lemberg sind in Lemberg aus dem Judentum ausgetreten: im Jahre Männer Frauen zusammen 1897 10 18 28 1898 12 10 22 1899 11 16 27 1900 17 13 30 1901 15 16 31 1902 12 7 19 Zusammen haben also in diesen sechs Jahren 157 Personen das Judentum verlassen, also jährlich 26, fast eben so viele Männer wie Frauen (77 M. u. 80 Fr.). Was die Kirche betrifft, die die Ausgetretenen gewählt haben, so sind übergetreten zur im Jahre röm.-kath. griech.-kath. evangel. Kirche 1897 19 3 6 1898 12 6 2 1899 17 3 5 1900 25 3 2 1901 19 4 6 1902 15 1 3 Ferner haben sich 5 konfessionslos erklärt. Die meisten also, (107 - 68,1 °;o) sind der römisch-katholischen Kirche zugefallen, der griechisch-katholischen nur 20 (= 12,7°,'o). Dagegen ist auch hier die im Verhältnis zur geringen Zahl der Evangelischen in Lemberg (2833 gegenüber 82 597 Römisch-Katholischen und 29 327 Griechisch-Katholischen) sehr hohe Ziffer der zur evangelischen Kirche übergetretenen Juden: 24 15,3bemerkenswert. In bezug auf Alter und Zivilstand waren von den Ausgetretenen im Jahre 1897 1898 1899 1900 1901 1902 14—40! über 40 i Jahre alt 27 19 25 24 25 17 ledig I verheiratet 17 14 23 21 20 17 4 8 11 2 Die meisten Ausgetretenen (137 87,3 °/o) befinden sich also im Alter von 14—40 Jahren, ferner waren 4 Kinder unter 4 Jahren, d. h. sie wurden mit den Eltern oder durch die Eltern der Taufe unterzogen. Auch sind bedeutend mehr Ledige als Verheiratete (112 gegen 42), ferner 3 Verwitwete. Vier Personen sind in dieser Zeit in Lemberg zum Judentum übergetreten, und zwar 3 aus der evangelischen Kirche (2 Männer 2*