Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIE3|g ELT No. 47 I np m- %)4 i i v l*4i §»• hm PfV M'f S$ v:l-b K *u r *r; ^A. * Y >» *V *L *r >. schaft, nicht die von Herrn Kempner vertretene, ihr wahres Gesicht, oder vielmehr ihre Zähne den polnischen Juden, die in das Sanktuarium der Schlachtakultur als Ebenbürtige eindringen wollen und fragen ihn, wie der russische Polizist: Kuda? (Wohin?) Und sie werden verlegen, und können keine Antwort geben. Und wenn sie von Polen, vom Vaterland, von Menschheit usw. reden, da tritt ihnen an der Schwelle des Polentums Sienkiewicz entgegen und fragt sie mit zornvollem Blicke: Quo vadis? Und fügt dann hinzu: Vade retro! Es ist ein Bild der Gegenwart, das aber auch die Umrisse des Bildes der Zukunft enthält, des freien Polens der Zukunft. Rothschild als antisemitischer Wahlagitator Zu den Dumawahlen Die österreichischen Antisemiten haben einen unerwarteten Bundesgenossen gefunden — den Herrn Baron Rothschild, natürlich den Wiener. In Mährisch- Ostrau wurde ein Antisemit, der Alldeutsche Dr. Freißler, in den Landtag gewählt. Und nun verdankt dieser seine Wahl erwiesenermaßen nur p!em Eingreifen der in diesem Bezirke allmächtigen Beamtenschaft der Gewerke Rothschild und Güttin an n. In einem unserer Wiener Briefe wurde erzählt, daß Rothschild im IV. Wiener Bezirke nolens volens durch seine Steuerleistung den Christlichsozialen ein zweites Mandat garantiert. Hier in Mährisch-Ostrau wurden aber bewußt die in dem deutschen Kataster inskribierten Hüttenarbeiter (dazu zumeist Tschechen und Polen) von den Rothschildschen Beamten gezwungen, für den Antisemiten zu stimmen. Die Nordbahnarbeiter, die derselben Einflußsphäre unterliegen, wurden massenhaft zum Dienst kommandiert, so daß sie ihr Wahlrecht zugunsten des sozialdemokratischen Kandidaten nicht ausüben konnten. Ein herrliches Bild: Der Antisemit Dr. Freißler, gewählt durch die Protektion des Wiener Rothschild! Es gibt keine köstlichere Ironie! Die russische Regierung unterläßt nichts, um die Juden den oppositionellen Parteien abwendig zu machen. Sie droht, sie verspricht. In Krementschug z. B. hat der Gouverneur anläßlich der Wahl eines Kronrabbiners den Juden ausdrücklich und offiziell geraten, für die „Partei des 30. Oktobers" zu stimmen. Die Zumutuug ist ja frech genug, da die Partei „des 30. Oktobers" nicht bloß bei Juden kompromittiert ist. Sie ist es ja, die das jetzige Regime gutgeheißen, dem Ministerium der blutigen Gesetzübertretung ihr Vertrauen ausgesprochen hat. Aber was die Regierung mit einer Hand gibt, nimmt sie mit der andern. Dieselbe — offiziell inspirierte — Partei der Oktobristen sprach sich neulich auf einer Konferenz in Jekaterinoslaw für die Abänderung des Programms im reaktionären Sinne und für die prinzipielle Ablehnung der Emanzipation der Juden aus. Glaubt Herr Gurland, der getaufte „echt-russische Mann", dessen nächster Verwandter vor Jahren Rabbiner in Odessa war, glaubt etwa dieser Söldling, der einer der Leiter der „Schwarzen Hundert" und der mit diesen verwandten Oktobristenpartei ist, auf diese Weise Juden zu ködern? Wenn Stolypin das nicht weiß, ist es verständlich — dafür ist er eben ein russischer Bureaukrat, an dessen Gehirn keine großen Ansprüche gestellt werden dürfen. Aber daß ein getaufter Jude so blöde sei, — ist verwunderlich. Nach der Partei der Oktobristen macht die Partei der „friedlichen Erneuerung" Bemühungen, Judenstimmen zu bekommen. Es hieß sogar, in Kiew habe sich eine jüdische Gruppe dieser Partei gebildet. Die Meldung wird wahrscheinlich ebenso wahr sein, wie die seinerzeit von den Zeitungen verzeichnete Nachricht von der Bildung einer reaktonären Partei der „echt-jüdischen Männer" in Warschau. Wiewohl der Anschluß der Juden an diese temperamentlose, altersschwache Partei des „friedlichen Schlafes" eine Unmöglichkeit ist, verdient doch die Äußerung des Führers dieser Partei, des Grafen Heyden, über die Judenfrage, die nach einem glücklichen Ausdruck des Organs der „Konstitionell-Demokraten", der „Rjetsch" ein Probierstein der politischen Gesinnung aller Parteien ist, Beachtung. Er, der in der Duma sich entrüstet stellte, als man ihm jüdischerseits nicht ganz traute, sprach sich jetzt einem Mitarbeiter des Petersburger Blattes, „Birschewyja Wjedomosti", deutlicher aus. Heyden verglich die Judenfrage' mit der polnischen Frage. „Während aber", sagte er, „die Frage der Gleichberechtigung von Polen eine nur rein juridische ist, hängt die Frage der jüdischen Gleichberechtigung in einem viel höheren Grade von dem Verhältnisse zwischen dem russischen Volke und den Juden ab". Bei der polnischen Frage ist die Sache nach der Meinung des Grafen Heyden ganz einfach: „mit der Abschaffung der Rechtsbeschränkungen wird die Frage vollständig erledigt. Das Verhältnis zu den Juden ist aber ganz anders. Die ledigliche Abschaffung der Beschränkungen auf dem Gebiete der Gesetzgebung gibt noch keine Lösung der Judenfrage, welche ja in der gesellschaftlichen Stimmung ihren Grund hat. Dieser Umstand verpflichtet uns zu einer gewissen Vorsicht bei der Lösung der Judenfrage. Eine sofortige und vollständige Gleichberechtigung der Juden könnte eine für sie ungünstige Reaktion in der Gesellschaft hervorrufen." Deswegen muß nach der Meinung des Grafen Heyden die Lösung der Judenfrage nur sehr langsam und schrittweise vorgenommen werden. Was den jüdischen Ansiedelungsrayon betrifft, so bewirkter unter der jüdischen Bevölkerung eine große Erbitterung, obgleich diese Beschränkungen des Wohnrechtes von keinem praktischen Nachteil für die Juden seien. Graf Heyden ist der Ansicht, dal.; auch das Wohnrecht den Juden graduell erteilt werden soll, so z.B. zuerst den Kaufleuten der ersten Gilde, dann denen der zweiten, dann den Handwerkern usw. Zu diesen Äußerungen des Grafen Heyden bemerkt „Rjetsch" „Wenn Graf Heyden die Stimmung seiner Partei richtig wieder gegeben hat, so verstehen wir nicht, was ihn verhinderte, in da: Kabinet Stolypin einzutreten und sich dem ministeriellen Programn anzuschießen. Während dieses Progamm die Lösung der Juden frage dem „Gewissen des russischen Volkes" überläßt, schreibt Gm Heyden die Kompetenz der „öffentlichen Stimmung" zu. Der Unterschied besteht also nur in Worten und das Ministeriun erscheint mehr konstitutionell als Graf Heyden, weil es im Votun der Reichsduma den Beschluß des „Gewissens des russischen Volkes1 sieht, während Graf Heyden die Lösung der Frage nicht vom Gewissen oder von den Prinzipien der Reichsduma, sondern von der öffentlichen Stimmung abhängig macht, in welcher ja, wie bekannt, nicht das Gewissen, sondern die Gewissenlosigkeit die Hauptrolle spielt." Die Lage klärt sich. Die heuchlerischen Versicherungen der rechtsstehenden und „gemäßigten" Parteien sind in ihr wahres und richtiges Licht gerückt worden. Die Juden werden jetzt mehr als je in die Arme der Opposition getrieben, die eigentlich das Gros der russischen Bevölkerung ausmacht. Mögen Stolypin, Heyden, Dubrowin und Konsorten jetzt allgewaltig sein — sie werden docli unterliegen. Von ihnen wird das jüdische Volk nichts wünschen und nichts erwarten. — Wir wollen noch u. a. hervorheben, daß die „Bundisten" — wenigstens in einigen Städten — beschlossen haben, die „bourgeoisen" Zionisten bei den Wahlen zu bekämpfen. Es ist eine merkwürdige Politik, die vielleicht nur dadurch erklärlich ist, daß die Stellungnahme des „Bundes" doch nur eine platonische Bedeutung hat, da ja die meisten „Bundisten" das wahlfähige Alter noch nicht erreicht haben. Wir werden übrigens auf die Frage der Haltung der extremen Parteien noch zurückkommen. „ „ ( „ , ajLm Wir lesen im „Berliner Zum Kapitel: Roter Antisemitismus Tageblatt"* „Die Sozialdemokratie bezeichnet sich selbst bekanntlich stets mit i-f . ■