Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 47 DIE 5 Verwaltung mit autonomen, für Juden zwingenden Machtbefugnissen. Es ist eine von den Ideen, die eigenticli aus dem Grundübel der jüdischen Seele, dem Hang aim Schabionisieren, stammen. Weil Polen einen Landtag haben will, weil dieser Wunsch einen hauptsächlichen Programmpunkt vieler Nationalitäten, die in Rußland wohnen, bildet — müssen wir Juden auch so jtwas verlangen. Es erinnert lebhaft an die Sehnsucht des deutschen Gemeindebundes, auch ein Konsistorium nit einer kirchlichen Hierarchie nach protestantischem Wuster zu haben. Nur ist es hier aus dem religiösen ns politische übertragen. Es wäre ja recht und billig, wenn die Juden in Rußland ihre eigene Verwaltung mben könnten, aber sie können es nicht. Wie soll jine Verwaltung, ein „Ssejm" — die Möglichkeit und Ausführbarkeit angenommen — die Juden, die in einem föderativ gewordenen Rußland — denn nur bei dieser liventualität wäre überhaupt die Frage diskutierbar — licht mehr eine einheitliche Gruppe bilden würden, sondern in polnische, litauische, groß- und kleinussische zerfallen würden, zusammenhalten, beherrschen;önnen? Ökonomisch würden die Gruppen kaum zuammenhängen, politisch auch nicht. Die kulturelle :ärbung des dominierenden Volkes wäre auch eine andersgeartete. Wo bliebe dann die Tätigkeit des Ssejm"? Etwa bloß in religiöser Hinsicht? Aber dann wäre es ein Konsistorium, das wahrlich den russischen Juden nicht sonderlich abgeht. Achad-Haam hat in seiner Kritik der „Ssejm-Idee" vollständig recht, wenn , r sagt, er würde schließlich in einen nationalen Selbstavang, anstatt in eine Selbstförderung ausarten. An die Versammlung von Helsingfors tritt die viel realere Frage heran, wie die Zionisten sich an den Dumawahlen beteiligen sollen, ob eine Direktive ausgearbeitet, eine Parole ausgegeben werden soll, oder ob die Zionisten in dieser Beziehung frei handeln könnten. Die Chancen der zionistischen Kandidaten sind nicht so starke wie im Vorjahr. Schon deshalb, weil die meisten Kandidaten der K.-D.-Gruppe angehören, die wahrscheinlich von beiden Seiten, von der linken und von der rechten, einem heftigen Feuer ausgesetzt sein wird. Jüdische Kandidaten müssen auf jeden Fall in genügender Zahl in der Duma sein. Man muß also nach Wegen und Mitteln trachten, wie man die Agitation am erfolgreichsten treiben soll. Man muß oft verzichten, wenn man siegen will. Auch die zionistische Partei als solche erwartet vieles von der Konferenz. Man muß ernst zu Rate sitzen, wie die Bewegung in die Höhe gebracht werden soll, wie der Strom seiner natürlichen Bestimmung zuzuführen sei. Seit Jahr und Tag hört man von der Notwendigkeit der Reorganisation. Und nichts ist geschehen. Man spricht von der Notwendigkeit der Palästinaarbeit — und es bleibt in den meisten Fällen dabei. Einem Körper muß Blut zugeführt werden, sonst erstarrt er. Wird die Konferenz in Helsingfors auf all die Fragen, die sich auf dem Wege der Wanderung angesammelt haben, Antwort geben? Minsk war eine „Feuerprobe", Helsingfors wird eine „Eisprobe" sein, ein Beweis, wie stark und wie lebenskräftig unsere Bewegung ist. A. Cor. %^ POLITISCHE REVUE Quo vadis? Der Dichter von „Ogniem i mieczem" (Mit Feuer und Schwert) — Henryk Sienkiewicz ist unter die Kämpfer gegangen. Aber natürlich nicht für die Sache der Freiheit. Sienkiewicz ist schon längst unter die Ikonodulen, die Kirchengänger, die Verherrlicher „temporis acti" gegangen. Nicht umsonst hat er die polnische Schlachta glorifiziert — und nicht umsonst hat ihn der polnische stolze, auf alles Irdische von der Höhe meiner Abstammung herabschauende Adel in sein Herz geschlossen. £s gehört zwar kein besonderer Mut dazu, mit der Strömung zu schwimmen. Es gehört aber ein gewisser Mut dazu, sich unter die Marktschreier schlimmster Sorte zu stellen — wenn man einen Namen hat, wie ihn einmal Henryk Sienkiewicz besitzt. Wir sprechen von dem bekannten „offenen Schreiben," das der polnische Schriftsteller in den polnischen Blättern veröffentlichte, und das eine große Erregung im Lager der Polen und der Juden in Polen hervorrief. In diesem Briefe stellte sich Sienkiewicz auf den Standpunkt der äußersten polnischen Nationalisten, der Nationaldemokraten, der Klerikalen und Chauvinisten. Er erklärte unter anderem, daß die gebildeten Juden (oswieceni zydzi) das polnische Vaterland bekämpfen und es durch den jüdischen Chauvinismus ersetzen. Er gibt sozusagen den Juden schuld an den verschiedenen Kalamitäten Polens, an dem heftigen Kampfe, der unter den verschiedenen Parteien und Richtungen Polens tobt. Das ist natürlich Wasser auf die Mühle der polnischen Antisemiten, die sich Nationaidemokraten nennen, Lind die schon bei den vorigen Wahlen ganz unverhüllt mit einem Judenpogrom drohten. Es ist sehr begreiflich, daß ein Schriftsteller, wie Sienkiewicz, der in der Vergangenheit des polnischen Volkes seine Dichtung schöpfte, sich auch für den extremen polnischen Nationalismus einsetze. Er setzt Volk über Klasse, Tradition über Zeit, das Erworbene über das Nochzuerwerbende. Und mag man über Sienkiewicz den Verherrlicher des Klerikalismus und der Schlachta denken wie man will, die Anhänglichkeit an seine Nation kann ihm nicht verübelt werden. Aber es ist charakteristisch, daß der polnische Nationalismus immer mit Antisemitismus verquickt, mit Judenhaß durchtränkt ist. Nicht nur den einfachen Juden, den Juden sans facon wollen die Polen von sich fernhalten, sondern auch — und vielleicht die erst recht — die „Aufgeklärten", die jüdische Intelligenz. Man kann sich wohl keinen stärkeren Chauvinismus denken, wie den der polnisch-jüdischen assimilatorischen Intelligenz. Mit Haut und Haar haben die sich der polnischen Sache verschrieben. Und doch sagt der Pole: Ich fürchte die Danaer . . . Und Sienkiewicz hat nur die Stimmung der echten Polen wiedergegeben, als er sich schroff gegen die Juden wandte. Der Pole will einmal nichts von den Juden. Er hält sich himmelhoch erhaben über das „Jüdchen", und mag es auch noch so gut polnisch sein. Er schaut mit Verachtung auf die Aschkenasis, Feldmanns, Dicksteins, Nussbaums, Klaczkos und wie sie alle heißen, die auch polnische Kultur mitschaffen wollen. Und er erinnert diese Eindringlinge oft sehr unsanft daran. Die jüdischen Assimilanten in Polen haben sich natürlich durch den Vorwurf des Dichters des „Qus vadis" verletzt gefühlt und haben sich verteidigt. Sie wären keine polnischen Patrioten! Gott bewahre! Oder gar jüdische Chauvinisten! Welche Beleidigung! Der arme „Izraelita" weint beinahe vor Wut und Ärger. Alle seine Liebeswerbungen umsonst! So zeigt die wahre polnische Gesell- 2