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Die Welt · 1906-11-23 · 47 (23.11.1906) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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jähen Abhänge sich nähere. Am gedrücktesten und geknechtetsten waren die Juden. Aber ganz Rußland war es auch. Aber Finnland wurde auch mit Blut und Eisen ossifiziert. Und „wenn alles fällt, fällt nichts4' — sagt ein französisches Sprichwort. In einer Zeit der allgemeinen Depression spürten die Juden ihr Unglück weniger. Die Schwere der sie umgebenden Atmosphäre lastete in einer weniger empfindlichen Weise auf den Schultern der Juden, - da sie auf dem ganzen russischen Reiche lastete. . . Als es keine politischen Fragen geben konnte, weil es nicht geben durfte, war für die Juden ihre politische Richtung klar — wenigstens für die egoistisch denkenden. Wenn wir in Rußland nichts zu erhoffen haben, dann müssen wir unser Heil anderwärts suchen. Und die nationalen Elemente im Judentum schlössen sich dem Zionismus an, fraglos, hingebungsvoll. . Plehwe hat die Stimmung der Juden begriffen und die Konferenz gestattet ----- ein Ereignis, das damals ganz Rußland in Erstaunen setzte — und mit Neid erfüllte. Vorüber Minsk. Und auch die Stimmung sollte bald eine andere werden. Die russische Reaktion hat das Nahen des Kampfes auf Leben und Tod auf einmal erblickt. Die russische Revolution näherte sich mit dröhnenden Schritten. Plehwe nahm den Kampf auf, gab das Signal, — und der erste Ausfall gegen die Freiheit war Kischinew. Der Mörder im Ministerfauteuil wußte, wo die schwächste Seite der Russen und der Juden sei. Er wußte, daß sie beide sich nicht wehren können, — die einen gegen den Reiz der brutalen Kraft des Rasens und Mordens, die anderen ge^en diese physische rohe Kraft. Und wie in einem Wirbel von Ereignissen, in dem man nicht recht sehen kann, wo der Anfang und wo das Ende ist, folgten aufeinander die Stöße, die das ganze Leben in Rußland umstürzten, gänzlich neue Verhältnisse schufen. Der Krieg, die Revolution, die Pogrome, die Duma, die Ära der Feldgerichte, die Ära Stolypin. Was einst klar war, — die Hoffnungslosigkeit in Rußland ist jetzt eine Märe uralter Zeiten geworden. Was früher auch die kühnsten Optimisten nicht glaubten, — die Konstitution quand meme — ist jetzt zu einer banalen Tatsache geworden. Was früher auch die düstersten Schwarzseher nicht befürchteten, — die Wiederholung der furchtbaren, organisierten Pogrome — ist jetzt beinahe ein Ingredienz der konstitutionellen russischen Politik geworden. Und nicht nur politisch waren diese fünf Jahre für die russische Judenschaft von umwälzender Bedeutung, sondern auch wirtschaftlich. Was die Theoretiker des „Bundes4' und der anderen sozialdemokratischen Parteien nicht erreichen konnten — die Proletarisierung der jüdischen Massen, das haben diese fünf Jahre gemacht. Zahllose Juden sind an den Bettelstab gebracht worden, die meisten sind deklassiert, aus* ihrer ererbten, altangesessenen Klassenordnung herausgedrängt worden. Eine neue ökonomische Situation bringt neue sozialpolitsche Ideologien mit sich. Und im Schöße des Judentums entstanden in der Tat neue Strömungen, neue Theorien: die „Poale-Zion", die Wosroschdjenzi", die S. S., die Territorialisten. Die letzteren sind auf Rechnung des Zionismus zu setzen. Also auch für den Zionismus sind die fünf Jahre von einer einschneidenden Wirkung gewesen. Eben „einschneidend44, weil sie die früher einige und ungeteilte Bewegung in zwei Teile zerschnitt, die einander befehden. Aber auch ohnedies sind dem .Zionisten so viel Probleme erwachsen, wie sie ein normaler Mensch kaum verdauen kann. Was jetzi # unter Zionismus verstanden wird, ist nicht bloß das Baseler Programm. Es ist auch nationale Politik. .national-soziale und national-kulturelle. Früher ha!;man ja auch von „Kultur" und von „Gegenwartsarbeilgesprochen, aber es waren ja bloß Titel für später zu definierende Programme, es waren Aufschriften für .einstweilen noch leere Rubriken. Und jetzt ist dii Zeit gekommen, da die Leere nach Ausfüllung schreii. da die Worte in Taten umgesetzt werden müssen. Und das Schwierigste naht. Wie soll man die Gegensätze ■zwischen Wollen und Können, zwischen Sollen und Sein versöhnen? Wie soll man den Zionismus so ausdehnen, daß er alle und jede nationale Arbeit in sich . aufnehmen könnte, ohne daß seine Fassungsfähigkeil überschritten wäre und er an den Nähten zu reißen begänne? Wie soll man sich die Nationalarbeit denken, wo sind die Grenzen, wo hört der Zionismus auf0 Und noch mehr, ist der Zionismus zu eng, müßte man nicht eine Revision vornehmen, müßte man nicht die Frage aufs neue aufrollen, wie die Wiederaufrichtun^ des jüdischen Volkes vor sich gehen soll? Der Zionismus hat eine generelle Zukunftsformel gefunden. Als sie ..aufgestellt war, ruhten noch die Fragen, die jetzt hauptsächlich die Gemüter beschäftigen, im Dunkel der kommenden Zeiten. Aber die Zeiten sind gekommen. . die Fragen drangen ans Tageslicht, drängten sich am. Reicht die Formel aus? Früher hieß offizieller Zionismus soviel wie Ausschluß der allgemeinen oder besser gesagt internen Politik. „Wir sind kein internationaler Diskussionsverein" — lautete die Antwort auf die Velleitätm mancher Zionisten, die im Zionismus alle Lösungen suchen wollten. Heutzutage wäre eine solche Antwort nicht mehr ausreichend. Und es könnte sich wohl manch einer finden, der kühn aussprechen würde: „Ja, wir sind ein internationaler Diskussionsverein! Wir sind es, weil wir die Existenz der jüdischen Nation zum Ausgangspunkte unserer Bewegung gemacht haben, weil wir uns bestrebten, aus unserem Kongreß ein jüdisches Parlament zu schaffen, weil eine Bewegung, d e ein Renaissanceziel hat, ins Volle hineingreifen mu;;. nicht verrunzeln, nicht verschrumpfen darf." Und wenn die Theorie nichts beweisen würde, die Tatsachen beweisen es. Rußland ist ein Beispiel. Man frage die zionistischen Agitatoren, was sie getan haben, als d, verzweifelten Kämpfe in Rußland vor sich gingen, WuS sie getan haben, als die Wahlen zur ersten Duma vo; - bereitet wurden. Haben sie das Baseler Programm gepredigt? Nein — sie haben die Erweiterung des Programms gelehrt, sie haben ein Autonomie-Programm entwickelt, sie haben im vollsten Sinne des Wortes nationale Politik getrieben. Es läßt sich auch anders nicht machen. Sonst wären sie vom Sturme des Kampfes weggefegt. Wo Tatsachen und Ideen zusammenstoßen — um so schlimmer für die Tatsachen — sagte eins* Hegel, aber er täuschte sich. Eine neue Struktur der Partei an sich, eine Verschiebung der Verhältnisse im Inneren wie im Äußeren, eine neue Ordnung der Dinge in Rußland, eine Zerrüttung des nationalen Gleichgewichts — das ist die Lage, die die zweite allrussische Konferenz in Heising fors vorfindet, und der sie gerecht werden muß. Und neue Schlagworte werden auftauchen. Eines von diesen ist das bekannte „Ssejm-Projekt". Eine jüdische Selbst-

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