Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 23. November 1906 p-)ir6 nWtf )büD ") No. 47. VON MINSK NACH HELSINGFORS Ein weiter, langer Weg führt von der litauischen jüdischen Stadt Minsk nach der felsigen, kalten, sich in den Wellen spiegelnden finnischen Hauptstadt. Minsk und Helsingfors! Es sind zwei Gegensätze, wie man sie wohl schärfer nicht pointieren könnte. Hier ein großes jüdisches Zentrum mit alT den Merkmalen des schweren jüdischen Lebens, der Sehnsucht nach der Freiheit, des Bangens nach einer reuen, noch ungekannten, geahnten Zukunft — dort i :ne freie Stadt eines freigewordenen, trotzigen Volkes, eines Pygmäenvolkes, das allen Stürmen seines ungastlichen Landes, allen Zufällen seiner kampfreichen Geschichte zum Trotz den mächtigen Eroberern — Schweden und Rußland — standhalten konnte, sich durchsetzte, seinen Platz auf der Welt eroberte. Der Zufall, der Geschichte heißt, wollte es, daß Hoisingfors auch in der Geschichte der russischen Juden, iii der Geschichte des russischen Zionismus eine Rolle : iele. Unsere Enthusiasten sagten weiland — die -Xachtasylisten" sagen es sogar noch heute —: „Alle Vege führen nach Zion." Der erste Meilenstein der russischen Zionisten war Minsk, — der zweite wird I ielsingfors, wo eben in einigen Tagen die zweite allnissische Zionistenkonferenz stattfinden wird. Alle Wege . . . Man muß sagen, daß der zweite ialtpunkt gerade kein reizender und lockender ist. Hr ist eine kalte, eisige Stätte, .wo der Schnee turmhoch liegt und der Wind erbarmungslos heult. Wie var es in Minsk? Es war im September 1902. Sonnige Luft und Freude in den Gemütern. Spätsommer — und die schönsten Blumen, auch die der Hoffnung, auch die des Friedens blühten wieder auf. Wie wird's in Helsingfors? Winter — Frost — und weißer Schnee, Und unter dem Schnee sind Träume begraben. Ja, die alte Klio ist eine symbolistische pichterin geworden — eine „Moderne". Sie kleidet ihre Äußerungen in Symbole ein. Und Helsingfors — die zweite allrussische Zionistenkonferenz in Helsingfors — ist ein Symbol der ganzen Bewegung, noch weiter, es ist ein Resümee der letzten Jahre des Kämpfens und Ringens der russischen Judenheit. Fünf Jahre nach dem ersten Baseler Kongreß fand Ü ' in Minsk die erste allrussische Zionistenkonferenz statt. Die Idee des Zionismus eroberte im ersten Sturmlauf Tausende und Abertausende von begeisterten Anhängern, von enthusiastischen Jüngern. Man hat über dem Enthusiasmus, über dem Willen zum Einigsein die ersten Anzeichen der Differenzierung übersehen, unterschätzt. Es gab eigentlich noch keine zionistischen Gruppen, — es gab eine einzige und ungeteilte zionistische Partei. Hie und da vernahm man die Stimme Einzelner, Grollender, die in die Zukunft kritisch schauten, die Probleme sahen, wo andere Lösungen fanden. Es war die „Fraktion", die erste oppositionelle Gruppe innerhalb der Partei. Aber auch die Fraktion hatte unklare Ziele. Und nicht wegen etwaiger Unklarheit des Denkens oder des Programms, sondern aus der noch nicht vollzogenen inneren Differenzierung heraus. Das Gros der Zionisten, die Misrachi-Gruppe, die „Fraktion" hatten eigentlich dasselbe Ziel, dieselben Methoden. Manchmal waren die Kommentare etwas anders gehalten, manchmal war der Unterton ein anderer, nuancierter, aber das waren eben Nuancen. . . Die Minsker Konferenz war die erste große Demonstration der russischen Zionisten, es war „die Feuerprobe des Zionismus in Rußland", wie ein Beobachter der Verhältnisse damals sagte. „Sie zeigte," hieß es weiter, „wie mächtig der nationale Gedanke zur Leitidee unseres Volkes geworden sei." . . . Die Stimmung war eine frohe, siegessichere. Man hat Achad-Haam zugejubelt, als er seinen bekannten Vortrag über die „Auferstehung des jüdischen Geistes" hielt, man hat auch den politischen Gegnern Achad- Haams mit Begeisterung Beifall geklatscht. Im Grunde genommen war damals kein Anlaß zu heftigen Diskussionen, zu scharfer Auseinandersetzung. Es war eine schwere Zeit für die russischen Juden. Die Zeit des schrecklichen, grausamen Plehwe. Eine tote Zeit, wo alles, was frei blicken wollte, was frei atmete, erbarmungslos niedergestampft wurde. Und nicht bloß eine schwere Zeit war es — sondern auch eine vollständig hoffnungslose. Nur wenige haben damals daran geglaubt, daß diese furchtbare Macht des Zarentums, das scheinbar am Kulminationspunkte stand, einem