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Die Welt · 1906-11-16 · 46 (16.11.1906) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
46 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 14)
Language
German
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zwar zurzeit Arbeit finden, aber der Lohn (ca. 45 -60 Kopeken per Arbeitstag 'i reicht allenfalls für den einzelnen Arbeiter, keinesfalls aber für Familien. Es kommen hierfür also nur einzelne junge Leute in Betracht — Einwanderer aller übrigen Kategorien werden gut tun, sich vor etwaiger Übersiedelung um Auskunft an das Informationsbureau zu wenden, denn es kann bei dem beschränkten und verhältnismäßig noch wenig entwickelten Gebiet leicht vorkommen, daß der Bedarf an Einwanderern einer bestimmten * i Im Winter ist mit ca. 55 Regentagen zu rechnen, an denen es keine Arbeil uibt. Es sei auch bemerkt, daß für Unterstützung Mittelloser keine Fonds in Palästina verfügbar sind. Kategorie durch Ankunft weniger Leute soeben gedeckt worder ist. — Mit diesem Vorbehalt erwähnen wir einen momentaner Bedarf an guten Schlossern, Schmieden, Mechanikern. (Nur wirklich gute Handwerker sollten kommen.) Wir wiederholen: Die gegenwärtige Lage erfordert mehr dk Einwanderung bemittelter als unbemittelter Elemente und biete: Kapitalisten in vielfachen Hinsichten Gelegenheit zu sicherer um! vorteilhafter Kapitalanlage. Jaffa, im Oktober 1906. Allgemeines Informationsbureau für Palästina O if □□□□□□ o o V:- -~>o FEUILLETON □ □□□□□ ^\ o n BILDER AUS EINER JÜDISCHEN KLEINSTADT Von INA SCHIMMER (Schluß.) Nun heg ich in die Strafe ein, die zur „Schul" führte. Verwundert blieb ich einen Moment stehen. Was war das, was bedeuteten die vielen eilenden Juden, was bedeutete der Menschenstrom, der sich dort unten an der „Schul" angestaut hatte? — War etwa eine Hochzeit, sollte wieder in stiller Nacht die Chupe gestellt werden, wie damals, als die schöne siebzehnjährige Tochter des Rabbiners den sechzehnjährigen, weit weniger schönen Sohn des Neusandezer Rabbiners geheiratet hatte? Ich hatte ihr den Namen Rahel gegeben, weil ihre schlichte, innige Schönheit mich an das Bild erinnerte, das ich mir in meiner Jugend von unserer Stammutter Rahel gemacht. O Rahel, wie schön warst Du damals, wie leuchteten Deine tiefschwarzen Augen, als ob dahinter eine Märchenwelt verborgen wäre! Rahel, wie trauerte ich, als ich Dich vorigen Samstag während Deines allwöchentlichen Spazierganges sah, wie trauerte ich um Deine verlorene Schönheit, Deine weiche, graziöse Gestalt, Deinen schlanken Hals, Deine feinen Züge! Was hast Du aus meinem Bilde gemacht! Raschen . Schrittes, von Neugierde getrieben, eilte ich der „Schul" zu. Der Hof war dichtgefüllt mit Juden, mitten drin standen Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr! Was war das, was stand mir heute bevor? Rasch trat ich auf einen Juden zu, bat ihn mir zu sagen, was dies alles zu bedeuten habe. Er sah mich mißtrauisch an, musterte meine Reformkleidung, und diese Frauentracht schien nicht gerade sein Wohlgefallen zu erregen; er zuckte die Achseln, drehte mir den Rücken und ich hörte ihn murmeln: „Wüsche will se von mir?" Ich wandte mich seinem Nachbar zu, wiederholte meine Bitte, diesmal aber in jüdischer Sprache, was ich vorhin in der Hast unterlassen hatte. Beim Klange der jüdischen Sprache drehte mir der erste wieder sein Gesicht zu: „Ihr seid a jüdisch Kind? Far wus hobt Ihr dos nischt gleich gesogt?" Ich hatte ihn gewonnen. Nachdem ich noch den beiden Juden die Fragen „Wer seid ihr Und von wannen kimmt Ihr" zufriedenstellend beantwortet hatte, zufriedenstellend insoferne, als ich ihnen die Namen meiner Großeltern und Mutter nannte, die aus dieser Stadt stammen, da befriedigten sie endlich meine Wißbegierde, und ich erfuhr die Vorgeschichte des Kampfes, der heute ausgetragen werden sollte. Was sich da drinnen in der „Schul" abspielte, war ein Wahlkampf. Die orthodoxe Gemeinde sollte einen neuen Chasen haben. Zwei Kandidaten standen einander gegenüber: ein polnischer — ein russischer. Vom polnischen Chasen wußte man mir nicht mehr zu sagen, als daß er schön singen könne, was ich aber über den russischen hörte, wandte ihm sofort meine Teilnahme zu und erweckte in mir den Wunsch, daü ihm der Sieg zufallen möge. Er gehörte zu den Heimatlosen, die ich im letzten Jahr zu Tausenden nach Berlin habe kommen sehen, die mit knapper Not dem Tode durch die „Schwarzen Hundert" entgangen waren. In Kiew war er Chasen gewesen: dort hatte er die Schrecken der Oktoberpogrome erlebt und war dann mit Frau und 5 kleinen Kindern nach Brody geflüchtet, wo er seither in größter Entbehrung gelebt hatte. Die Chasenstelle hier sollte nun für ihn die Rettung zu einem sicheren ruhigen Leben werden. Einen mächtigen Gegner hatte er aber in der Gemeinde - den Rabbiner. Man war zu ihm gekommen, er möge seine Einwilligung zur Wahl des russischen Chasen geben, er hatte sie verweigert, weil dessen Frau kein „Scheitel" oder nur ein halbes „Scheitel" trug. Er und seine Getreuen stimmten für de; polnischen Chasen. Die Anhänger des russischen suchten den; Einwände des Rabbiners zu begegnen, indem sie dessen Frau verar lassten,ein ganzes vollwertiges „Scheitel" anzulegen, ihr Haupt so zu bvdecken, daß auch nicht ein Härchen sichtbar wurde. Also geschah es Nun kämpfte man mit gleichen Waffen. — Der Kampf Var heftig. Der Menschenstrom wuchs, immerzu kamen Juden eilig dalu gingen in die „Schul", um ihre Stimme abzugeben. Von drinne kamen viele in den Hof, um draußen das Resultat abzuwarten. In großer Aufregung standen die Menschen da, mit glühenden Gesichtern, laut sprechend, lebhaft gestikulierend, jeder für „seiner; Chasen Partei nehmend. Hie Russischer — hie Polnischer! k : hatte mich zur Russenpartei geschlagen und hörte nun die Vorzthv „meines" Chasen preisen: wie viel Jüdischkeit er in sich hab . von welchem Wohlklang seine Stimme sei. Die Aufregung wucl s von Minute zu Minute; sie wurde verstärkt, wenn von Zeit zu Zi it ein Jude aus der „Schul" herauskam, der, wild bestürmt von de i Wartenden, die bisher für jeden Chasen abgegebene Stimmenz: ' verkündete. — Nach dreistündigem Warten wurde endlich das Resultat bekanntgegeben: „mein" Chasen hatte gesiegt! Ein Jubelruf, sich stets aufs neue wiederholend, erhob sich i; die Lüfte, laut klingend, weithin schallend durch die stille Nacl: Mit einem „Es soll sein zum Guten" gab man einander die Häiui mit vor Freude leuchtenden Gesichtern sagte man sich „gute Nach'. Die Menge zerstreute sich, ohne daß das Militär Veranlassung hat einzuschreiten. Die nächste Zeit stand noch unter dem Zeichen der Chase! wähl. Die „Polen" konnten sich nicht beruhigen über ihre Niede; läge. Ich hatte inzwischen den russischen Chasen, der natürlich iei;: mein höchstes Interesse besaß, aufgesucht, und hatte in ihm eine ehrlichen, guten russischen Juden gefunden, der sein Volk verstau und es über alles liebte. Mit keinem Worte gedachte er sein eigenen traurigen Lage, daß er alles verloren, gehetzt wie ein Wi! hatte flüchten müssen — nur was sein jüdisches Volk verlorer daß Tausende von Brüdern und Schwestern ihr Leben hatten hin geben mußten, darüber klagte er voll Empörung und bitterer Qua Lange saßen wir beisammen und sprachen über das Schicksal unsere Volkes, beide erfüllt von großer Trauer, die uns zusammenführte Wir schieden als Freunde. Jörn Kippur war herangekommen, der „heilige Tag", der Ta. der Tage. Am Vorabend war ich in der „Schul". Ich wollte vor meinem Chasen „Kolnidre" hören. Ich war zu früh gekommen nur wenige Fromme waren schon da. Allmählich kamen sie heran Männer und Frauen, alte zitternde Mütterchen, die das Leben hinter sich hatten, mit welken Gesichtern und müden Augen, gestützt ar.: Enkeltöchter, die jung und blühend dem Leben erst entgegengingen. -- Langsam zogen unten die Männer ihre weißen Sterbekittel an langsam vertauschten sie die Schuhe gegen Pantoffeln. Es lag heul etwas in der Luft, das jede rasche Bewegung bannte. Auf alle Gesichtern lag ein Ausdruck stiller, inniger Frömmigkeit, gemischt mit leiser Furcht. Denn gekommen war der Tag, von dem geschrieben steht, daß da durch Fasten und Gebet die Sünden, die

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