Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ebenfalls die Palästinafreunde bis jetzt sehr schwach, ja fast gar nicht vertreten, insbesondere die östlichen, die nach Entdeckung des Herrn Ussischkin und seiner Getreuen, die vollwertigen, die alleinigen Freunde Palästinas sind, während die westlichen von ihm gewissermaßen als die Mohren geduldet werden, die dazu da sind ihre Schuldigkeit zu tun und .... zu gehen! Dieses Hervorkehren eines Gegensatzes von östlichen und westlichen Juden ist, nebenbei bemerkt, ein sehr häßliches Moment in unserer Bewegung; als der Zionismus entstand, gab es für uns keine russischen, deutschen, amerikanischen Juden" sondern nur Juden. Unsere Feinde kennen bekanntlich diesen Unterschied nicht, sondern machen umgekehrt für jede Lumperei, die irgend ein Jude irgendwo begeht, alle Juden verantwortlich. Dem Herrn Ussischkin und seinen Getreuen blieb es vorbehalten diesen Unterschied von östlichen und westlichen Zionist^n immer von neuem zu betonen, der das in unserer Bewegung notwendige freundschaftliche Verhältnis in ganz unnötiger Weise beständig trübt. Nach dem früher Gesagten ist es begreiflich, daß manchem Teilnehmer an der Konferenz ganz schwül zu Mute wurde, als es die vielen neuen Ansprüche an den N. F. zu regnen begann. . . . Herr Dr. Marmorek traf den Nagel auf den Kopf, als er unter anderem die Frage aufwarf, ob wir alle die politische Bewegung im Sinne Herzls fortführen .wollen, oder ob ein Teil der Herren des A. C. den alten Chowewe Zion-Standpunkt vertreten und sich in kleinliche Dinge verlieren wollen? Es folgten hierauf mehrere Antworten; ich will mich hauptsächlich mit der des Herrn Ussischkin beschäftigen, weil sie von prinzipieller Bedeutung ist. Herr Ussischkin warf sich in die Brust, und konnte es nicht unterlassen, auf die am letzten Kongresse für seine Jdeen geschaffene Majorität zu berufen und zu behaupten, daß er eine gleiche Majorität auch auf dem VIII. Kongresse besitzen wird. Ich will jetzt nicht untersuchen, wie die Majorität vom VII. Kongresse beschaffen war und in welcher Art diese Majorität funktioniert hat. Ich will mich vornehmlich mit den Ideen des Herrn Ussischkin befassen. Was will Herr Ussischkin? Und was trennt uns vom Herrn Ussischkin? Herr Ussischkin will Palästinaarbeit. Warum arbeitet er und seine Freunde nicht für Palästina? Ich meine wirklich arbeiten, nicht nur mit Schlagworten! Ich habe nachgewiesen, daß wir derzeit keine N. F.-Gelder mehr bewillligen dürfen, ebensowenig darf die Bank ihren vorgeschriebenen Rahmen verlassen. Auch die Kapitalien unserer Bank müssen wir vor einer Festlegung ebenso behüten, wie die Gelder des N. F. Die Tausende von Aktien, für die das Geld pfennigweise zusammengetragen wurde, wie für die berühmte Aktie des Wasserträgers von Jassy, dürfen ihren Bestimmungen nicht entzogen werden. Es bleibt also die einzige Möglichkeit, nämlich die private Initiative anzuregen und zu unterstützen. Selbst in die Taschen greifen und seine Freunde dazu veranlassen, um lebensfähige Arbeitsbedingungen zu schaffen, vor allem tüchtige fähige Menschen nach Palästina bringen, das ist der Weg und die beste Propaganda, um unsere Zwecke in Palästina zu erreichen! Aber die mühsam zusammengetragenen Kreuzer des Volksvermögens zu verpulvern, das ist eine schlechte Arbeit und es wird uns nicht schwer fallen, das Volk davon zu überzeugen, daß die ewigen Schlagworte Ussischkins keinen praktischen Wert haben. Es hat keinen Sinn, auf den Kongressen und Konferenzen immer Beschlüsse fassen zu lassen, die wegen Mangel an Mitteln nicht durchgeführt werden können. Das heißt nur zum Fenster in die Welt hinausrufen: „Seht, was wir alles für Palästina leisten!" Das ist ein unverantwortliches Tun, schon deshalb, weil es falsche Hoffnungen erweckt. Man hat sich auf der Jahreskonferenz lange mit Vorschlägen des Herrn Ussischkin beschäftigt die keinen praktischen Wert hatten. Man hat den Beschluß gefaßt, Arbeitern 20000 Frcs. zu bewilligen, mit denen ihnen absolut nicht geholfen ist. Auf derselben Jahreskonferenz haben einige Leute, ohne lange Reden zu halten, wirkliche Arbeit für Palästina getan, ohne es an die große Glocke zu hängen. Ich möchte den Herrn Ussischkin bitten, uns ein klares Programm — falls er ein solches hat -~ aufzustellen und uns zu sagen, was er eigentlich machen will? Das Programm, mit dem er vor ca. 2 Jahren auftrat, war unpraktisch, also herzlich schlecht! Hat er Vorschläge, die wir durchführen können, so werden wir uns gerne über diese Vorschläge zu verständigen suchen; hat er aber wieder nur Vorschläge, die undurchführbar und nur dazu geeignet sind, die Einigkeit unserer Partei zu stören, dann müssen wir das Volk in dieser Beziehung aufklären, damit es weiß, was wir zu tun und was wir zu lassen haben. Das wird uns nicht schwer fallen. Die Trümpfe, „hie Westjuden, hie Ostjuden, hie Palästinaarbeit, hie geheimer Widerstand!" etc. — diese hat Herr Ussischkin gerade lange genug gegen uns ausgespielt. Wir wollen jetzt endlich klar hören, mit welchem Programm Herr Ussischkin auf dem VIII. Kongresse eine Majorität gegen uns schaffen will. Ich wiederhole: Wir sind nicht gegen eine systematische und fruchtbringende Palästinaarbeit, wir wollen nur die Volkspfennige vor der Verpulverung behüten; dagegen wollen wir für Palästina hergeben, soviel jeder von uns kann. Es wird sich zeigen, dal.) viele, die Herr Ussischkin als Palästinafeinde behandelt, für Palästina viel mehr Opfer bringen, als er selbst. Von den vielen Reden der intimsten Freunde des Herrn Ussischkin hat mich eine am unangenehmsten berührt: es war die des Herrn Dr. Weizmann, der für unbedingte sofortige Palästinaarbeh ist. Herr Dr. Weizmann, der in der Praxis steht und weiß, dal.; man mit Redensarten nichts schaffen kann, beklagt sich, daß er keine Argumente habe, um eine wirksame Propaganda für Palästina zu betreiben. So viel ich weiß, ist Herr Dr. Weizmann ein tüchtiger Chemiker. Die beste Rede, die Herr Dr. Weizmann für den Zionismus halten könnte, wäre, er gehe nach Palästina und schaffe eine kleine chemische Industrie, erzeuge Artikel, die man im Lande braucht, eventuell auch in der übrigen Welt absetzen kann. In einer solchen Fabrik könnte er mit verhältnismäßig kleinen Mitteln einer viel größern Zahl von Arbeitern eine sichere Existenz schaffen, als durch alle Vorschläge des Herrn Ussischkin. Ich will dem Herrn Dr. Weizmann nicht nur mit Ratschläge; dienen, die er vielleicht gar nicht braucht, sondern ich erkläre mich gerne bereit, ihm einen Teil des erforderlichen Betrages zur Schaff um eines lebensfähigen, tüchtig geleiteten Unternehmens aufbringer zu helfen. Das ist einer der Wege, auf welchem wir einer größeren Anzahl von Arbeitern in Palästina eine sichere Existenz verschaffen können, und solche Beispiele finden wir ja, Gott sei Dank, jetzt schon in Palästina. Nach dieser Richtung hin hat ja unser ausgezeichneter Präsident der Palästinakommission, Herr Prof. Warburg, ein groß angelegtes Programm entwickelt und einen Boden geschaffen, auf den man mit Privatmitteln in Palästina Großeschaffen könnte. Ich möchte zum Schluß Herrn Ussischkin raten, den alte; Kampf mit den alten Mitteln nicht fortzuführen. Wenn er die Zeicheder Zeit richtig zu deuten versteht, so wird er einsehen müsse; daß dieselben gänzlich verbraucht sind. Übrigens werden wir dafür sorgen, zu beweisen, wie unrech Herr Ussischkin hat, uns einen „geheimen Widerstand" gegen d'. Palästinaarbeit vorzuwerfen. Wenn ich speziell Herrn Ussischkin apostrophiere, so geschieh-, dies deswegen, weil Herr Ussischkin seit der Entstehung unsere Bewegung sich in der Pose eines prädestinierten Erbpächters der zionistischen Bewegung gefällt. Herr Ussischkin war es, der unsere; Jugend das häßliche Beispiel der Disziplinlosigkeit gegeben hat Herr Ussischkin war es, der die verdienstvollsten Gesinnung? genossen mit rauher Hand auf die Seite geschoben hat. Der Brief aus den „Bergen Jsraels" war der erwünschti Moinent,sich aufs hohe Roß zu werfen. Der Bruderzwist, der diganze Partei erschüttert hat, war ein mutwilliger, und die Spaltunhätte bei ruhiger, objektiver Behandlung der ostafrikanischen Frag« nie eintreten müssen. Herr Ussischkin hätte wissen müssen, daß wer Wind säet, Sturm erntet, und daß es das allerverderblichste ist, die ohnehin heftige Leidenschaftlichkeit unserer Jugend noch mehr zu schüren. Man darf sich nicht wundern, wenn jetzt manch, Koryphäen sich vordrängen, bei denen die Anmaßung in einen schreienden Mißverhältnisse zu ihren Fähigkeiten und Leistungen steht. Herr Ussischkin würde gut tun, jetzt von seiner Höhe herabzusteigen und als gewöhnlicher Sterblicher in gutem Einvernehmen mit den anderen unsere Partei zu stärken, statt sie mit falschen Schlagworten zu bekämpfen; diesen Luxus können wir uns nicht gestatten. Ich suche vergebens nach positiven Arbeiten, die Herr Ussischkin für Palästina geleistet hatte. Das war z. B. eine schlechte Arbeit, daß Herr Ussischkin letzthin einen jungen Rabbiner nach Palästina geschickt hat (wenn ich nicht irre, wurden die Reisekosten von Schekelgeldern bestritten), damit er, ohne von einer Bank etwa.- zu verstehen, auf der Jahreskonferenz abfällige Kritik an der Tätigkeit der Bank und ihren Funktionären übe. Herr Feiwel hat sich beklagt, daß die bemittelten Juden ihre