Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahren, die ganz unverhältnismäßig die Austritte überstiegen und die ich nicht prüfen konnte. Vielleicht kommen hier massenhafte Rücktritte früherer Juden nach der Einführung der Staatsgrund gesetze in Erscheinung. Im Gegensatze zu den Austretenden aus dem Judentum überwiegt bei den übergetretenen Christen das Frauengeschlecht Während bei den jüdischen Täuflingen das Verhältnis der Männer zu den Frauen wie 56,1 :43,Q sich darstellt, ist es bei den Christlichen wie 30,7:69,3 (360 Männer und 812 Frauen in den Jahren 18m bis 1903). Da wir bei den Übertritten zum Judentum erst recht, und zwar hier als fast ausschließlichen Grund der Konfessionsänderung die Heirat betrachten müssen, so folgt aus dem eben festgestellten Verhältnis beider Geschlechter bei den jüdischen und christlichen Konvertiten, daß christlich-jüdische Mischehen haupt sächlich von jüdischen Männern und christlichen Frauen eingegangen werden. (Fortsetzung folgt. qp^i □8Ö^: ^OO KORRESPONDENZEN """jQP (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Nachtrag zur Jahreskonferenz Bs wurde mir diesmal überaus schwer, an der Jahreskonferenz in Köln teilzunehmen. Dennoch reiste ich am 27.8. von Wien ab; da ich aber spätestens am 1. 9. wieder in Wien zurück sein mußte, schrieb ich an unseren Präsidenten, Herrn Wolffsohn, er möge die Güte haben, mein mündliches Referat über den N. F. für den 29. 8. anzusetzen. Leider konnte ich infolge anderweitiger Debatten nicht zum mündlichen Bericht kommen. Einen schriftlichen Bericht samt tabellarischen Aufstellungen hatte ich schon früher eingeschickt. Vom 30. auf den 31. fand eine Nachtsitzung statt "und ich bat um 2 Uhr nachts, mir entweder sofort das Wort zu erteilen oder die Sitzung aufzuheben und für Freitag früh eine solche einzuberufen, damit ich die Möglichkeit habe, meinen mündlichen Bericht über die Bewegung des Nationalfonds in der ganzen Welt und über alle den N. F. betreffenden Anträge die nötige Aufklärung abzugeben. Leider wurde die Debatte bis Freitag früh fortgesetzt und es konnte daher Freitag vormittag keine Sitzung mehr abgehalten werden. Da ich aber unbedingt zu Mittag abreisen mußte, fühle ich mich verpflichtet, auf diesem Wege erstens meine Ansicht über die neu aufgetauchten Vorschläge bezüglich der Inanspruchnahme von Nationalfonds-Geldern für Palästina-Arbeiten auszusprechen, dann auf die geäußerten Bedenken wegen der Höhe der verausgabten Spesen bei der Verwaltung des N. F. zu antworten. Die detaillierten Angaben sollen dazu dienen, jedermann ein klares Bild von unserem Gebaren zu verschaffen und die Entstehung falscher Ansichten zu verhindern, die das Vertrauen zum N. F. erschüttern könnten! . . . Zum allgemeinen Verständnis wird es notwendig sein, in aller Kürze auf die Entstehung und das Wesen des N. F. zurückzugreifen. Es ist bekannt, daß schon vom sei. Professor Schapira der N. F. auf dem I. Kongresse als ein unantastbares Vermögen des jüdischen Volkes vorgeschlagen wurde. Im Statut, welches vom V. Kongresse angenommen wurde, heißt es wörtlich: Zweck des Nationalfonds. „Der Jüdische Nationalfonds ist ein unantastbares Vermögen des jüdischen Volkes, das erst in dem Zeitpunkte, wo die vom Kongresse bestimmte Höhe von 200 000 Pfd. St. erzielt worden ist, ausschließlich nur zum Landkaufe in Palästina und Syrien verwendet werden darf. Die Verwendung des Fonds ist in der Weise gedacht, daß die Hälfte der genannten Summe für Landankauf verwendet werden kann, während die andere Hälfte auf Zinsen angelegt verbleiben muß. Weiterhin kann (muß aber nicht) immer nur die Hälfte der jeweiligen jährlich gesammelten Zinsen insolange unantastbar bleiben, bis eine Kolonisation im großen möglich ist. In keinem Falle, auch nicht in dem letztbezeichneten, darf der Jüdische Nationalfonds ganz erschöpft werden. Die Summe von wenigstens 100 000 Pfd. St. muß immer zurückbleiben, damit der Fonds wieder wachse." Es ist klar, daß den Antragstellern und dem Kongresse, welcher dieses Statut annahm, der Gedanke vorschwebte, einen großen Fonds zu schaffen, der die Möglichkeit bieten sollte, im gegebenen Augenblick eine Kolonisation im großen Stile durchzuführen. Das zionistische Ziel kann nur auf politischem und wirtschaftlichem Wege erreicht werden. Dazu ist aber sehr viel Geld notwendig (viel mehr als zum Kriegführen!, und deshalb ist es unser aller Pflicht, den N. F. stets zu vergrößern und zu behüten. Damit ist nicht etwa gesagt, daß die Absicht vorlag, den N. F. zu einem toten Kapital zu machen. Nein. Es ist, wie oben ersichtlich, vorgesehen, daß der N. F. Land kaufen und auch bewirtschaften könne. Wird nun der N. F. in diesem ursprünglichen Sinne gehand- *il habt, so wird er nicht nur seiner Bestimmung gerecht, sondern " f bietet nach Erreichung einer gewissen Höhe selbst in schlechten Zeiten die Möglichkeit, aus den Zinsen fortdauernd Land zu kaufen und zu bewirtschaften. Leider hat schon der VI. Kongreß diese Kardinalbestimmuni: aufgehoben nnd dafür den Beschluß gefaßt, daß von allen für der N. F. gesammelten Geldern 2's sofort zum Landkauf verwende werden können und '/•» zum Kapital geschlagen werden^solle. ^^Prinzipiell war es ein Fehler, nach so kurzer Zeit Änderungen an dem Statute des N. F. vorzunehmen. Woher soll das Vertrauen der Spender und Legatare kommen, wenn sie nicht die Sicherhei: haben, daß die von ihnen einem bestimmten Zwecke gewidmeten Gelder auch diesem Zwecke zugeführt werden? Es ist durchaus nicht gleichgültig, ob ich für einen Fom! spende, der entsprechend der Größe der Aufgabe seine Stabiliü'; bewahrt und stetig größer gemacht wird, oder zu einem Fondüber den von einem Kongreß zum andern, je nach der zufällige! Majorität und Stimmung, anders verfügt wird. Die Inkorrektheit dieses Vorgehens läßt sich durch konkret- Fälle erweisen: 1. Durch unsern Freund Dr. Tschenow ist es mir zur Kenntnis gekommen, daß ein bekannter Wohltäter, Herr W., der etwas Dauerndes für das Judentum schaffen wollte, vor einigen Jahre.i der Alliance Israelite Universelle als der zurzeit bestehenden, ihm für die Dauer am sichersten erscheinenden jüdischen Institution 25 000 Frcs. mit der Bestimmung übergab, dieses Kapital und die Zinseszinsen solange zu thesaurieren, bis der Betrag die nötii-, Höhe erreicht haben würde, um damit etwas Bedeutendes für d t. jüdische Volk schaffen zn können. 2. Mir sind einige Legatare bekannt, die ihr Vermögen zuü größten Teil dem N. F. testieren wollen, daran aber die Bedingung knüpfen, erstens daß sie erst die Form der Legalisierung des N. kennen wollen und zweitens, daß die Beträge niemals für anden Zwecke verwendet werden dürfen, als zu denjenigen, für welchsie bestimmt wurden. Weiter lagen uns in den verflossenen Jahren Eintragung!: ins goldene Buch vor, die an feste, die Zukunft ins Auge fassend Bedingungen geknüpft waren; eine davon war, daß der Betrag de Eintragung samt Zinseszinsen nicht vor 300 Jahren angegriffen werden dürfe, damit aus dieser Spende ein großes Kapital entsteh, Da der N. F. noch nicht einmal legalisiert war, ist es selbstverständlich, daß wir derartige Verpflichtungen nicht eingehen konnten Diese Absicht, sein Scherflein zur Schaffung eines großer Fonds beizutragen, kommt in diesen Spenden sehr oft zum Aus druck. Es liegt darin zweifellos ein weiter Blick in die Zukunli und ein Stück gesunden Egoismus. Es zeigt sich immer, daß der N. F. den meisten als etwas Großes vorschwebt, dazu bestimmt, dem jüdischen Volke zur Erreichung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heinistätte zu verhelfen und nicht als ein Fonds, der füi weniger wichtige Zwecke verwendet werden soll. So viel über Wesen und Bestimmung des Nationalfonds. Nun wollen wir sehen, was tatsächlich bis jetzt von N. F.¬ Geldern für Palästina bewilligt worden ist und ob darüber hinausgegangen werden darf. Schon zu Lebzeiten des sei. Dr. Herzl wurde beschlossen, ein Versuchsstation und eine Siedlungsgenossenschaft zu errichten und später an diese auch eine Musterfarm anzugliedern. Die Kosten der ersteren allein gibt Herr Professor Warburg auf der letzten Jahreskonferenz mit ca. 300 000 Mk. an. Von den andern zum Unternehmungen will ich vorläufig gänzlich absehen. Diese Arbeiten wurden seinerzeit auf die Vorschläge des Herrn Dr. Franz Oppenheimer und nach gründlicher Beratung mit tk'1 Palästinakommission als nützliche und für Palästina ersprießliche Arbeiten anerkannt und einstimmig bewilligt. Es liegt in ihnen,