Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 46 -— , -= DIE^ Wir alle suchen nach einem festen Boden für uns; dieser kann aber nur im Judentume selbst gefunden werden, sofern wir an politischer Achtung gewinnen wollen. Der agrarische und merkantile Jude, ebenso der Handwerker unter uns, alle müssen zunächst ihre Stellung als Juden in der Gesellschaft berücksichtigen. In den meisten Fällen wird es gelingen, diese mit ihren materiellen Interessen zu verbinden: wir müssen eben durch unser Votum die anderen Politiker erziehen. Von einem prinzipiellen Anschluß an die Opposition kann ernstlich keine Rede sein: es gibt keine Partei bis hinauf zur Kreuzzeitungspartei, welche in den letzten Jahrzehnten nicht einmal vorübergehend in Opposition gegen die Regierung stand. Wie also sollen wir tanzen? Das weise Wort Bismarcks, es gebe Zeiten, in denen die Regierung freihändlerisch, und solche, in denen sie schutzzöllnerisch sein müsse, ein Satz, nach welchem ja doch tatsächlich in allen Ländern gewirtschaftet wird, führt jenen Vorschlag so recht ad absurdum. Nach ihm müßten „die" Juden ihren Mantel wechseln, um die Regierung stets in Schwierigkeiten zu versetzen je nachdem der Wind eben weht. Wirklich wäre der jüdische Binfluß auf Presse und sonstige Literatur sehr wohl dazu im stände. Aber wo bliebe die Achtung vor dem politischen Ernste der Juden? Und würden dann die agrarischen Juden und die in Gebenden mit vorherrschend agrarischen Interessen die freihändlerischen Meinungen mitmachen etc.? Handel, Industrie und Landwirtschaft iiaben im Judentum genau so entgegengesetzte wirtschaftliche Interessen, wie es innerhalb der gesamten Bevölkerung der Fall ist.;:in gemeinsames Interesse aber haben alle Juden: die Vertretung hrer staatsrechtlichen Stellung. Es gibt in allen Parteien — mit Ausnahme der programmatisch antisemitischen — liberal denkende Männer, mit denen eine parteipolitische Einigung auf dem Boden ier Judenrechte zu erzielen wäre. KE LT — 7 Daher haben sie sich noch stets bis vor wenigen Jahren mit der Zentrumsfraktion geeinigt, wo ihre Stimmen für den Sieg der letzteren von Entscheidung waren. Wenn Schwierigkeiten zwischen ihr und den Juden entstanden sind, so sind die Ursachen wohl lokaler Natur.*) Für kulturkämpferische Bestrebungen werden Juden niemals zu haben sein. Übrigens ist die Zentrumspartei nur in kirchlichen Fragen eine einheitliche Partei; auf diesem Gebiete gibt es zwischen ihr und den Juden keinen Anlaß zur Feindschaft. In politischen Fragen beansprucht sie nicht eine einheitliche Stellung der Mitglieder, am wenigsten aber in wirtschaftlichen Kampffragen. Die Fragestellung der Zentrumsorgane, die augenblicklich den Juden grollen, ist also nur dann eine richtige, wenn sie die Stellung der Juden zu ihren spezifisch katholischen Angelegenheiten berücksichtigen. Treten Juden für Kulturkämpfer ein, dann ist das Mißvergnügen der Katholiken ein vollauf berechtigtes. Da die Juden in Deutschland keine selbständige existenzfähige politische Macht bilden, müssen sie sich dort ein Unterkommen suchen, wo sie als Dank für ihre politische Unterstützung tatkräftigen Schutz ihrer Rechte finden. Die Juden haben wirtschaftlich kein gemeinsames, alle einigendes Interesse, daher kann kein wirtschaftliches Programm uns einigen. Politisch bindet alle Juden das Eintreten für unsere staatsbürgerlichen Rechte. Daher kann dieses allein ausschlaggebend sein für unsere parteipolitische Stellungnahme. Von diesen Gesichtspunkten, die uns einen festen Boden bieten, müssen wir eine feste politische Stellung zu erreichen suchen. Bieten wir etwas mehr wie öde Freisinnsopposition, dann wird auch uns mehr geboten werden, sonst haben wir nur wachsende Feindschaft zu erwarten und Umsetzung der feindlichen Gesinnung in die Tat. *) Es wäre erwünscht, gerade aus Oberschlesien ein Urteil über die jüdischkatholischen Verhältnisse einzuholen. Sl^= o o o POLITISCHE REVUE o o o o £13 efallen für die andern Ein lehrreiches Kapitel „jüdischer Geschichte" geht seinem Abschlüsse entgegen. Es könnte den Titel führen: Glück und Ende der mährischen . den. Ein geradezu klassisches Beispiel der jämmerlichen Hilfii sigkeit jüdischer Assimilationspolitik. Da ist ein Land, in dem >' t Juden sich noch des eigenartigen, für die Erhaltung ihres )lksturhs, ihres materiellen und geistigen Besitzstandes überaus ertvollen Instituts der politischen Judengemeinden erfreuten, die, it gewissen Rechten administrativer Selbständigkeit ausgestattet, :e jüdischen Bürger zu deren eigenem und der Allgemeinheit Mitzen in weiser Politik hätten zusammenhalten können. Es ar ein gut-jüdischer, patriarchalisch-vornehmer, innig-verwandtciiaftlicher Geist, der die engen Gäßchen dieser Gemeinden erfüllte.;tolze jüdische Traditionen knüpften sich in jedem Städtchen an manches der kleinen stockhohen Häuser, an Schulen und Synagogen, und manch eine Familie durfte sich rühmen, einen Namen zu tragen, -Ier weit draußen im Judentum zu hohem Ruhm gelangt war. In iiese Ghettogassen drang plötzlich mit hellem Fanfarenton das neue Vort, die neue Offenbarung der Liberalismus. Und die Altern ■was zögernd und schwerfällig, indem sie sich sozusagen eine Art u-gonisierten Deutschtums zurechtmachten, die Jüngeren aber mit sehenden Fahnen zogen heraus aus den Ghettogassen und hinein in das bisher fremde, in das allgemeine, das deutsche, politische, iresellschaftliche, kulturelle Leben. Und sie verbrannten auf den neuen Altären Stück um Stück ihrer alten Traditionen, zerstörten Spur um Spur des früheren jüdischen Lebens.... Und alles ging zunächst scheinbar ganz gut. Das Deutschtum der Juden behauptete sich fast gleichberechtigt neben dem unverfälscht-arischen in Würden, in Einfluß, in Ansehen, sogar der kleine Ghettoeinschlag der konfessionell-jüdisch-deutschen Vereine wurde weiter nicht übel vermerkt, zumal sich im gehörigen Augenblick alles in dem Bruderrufe: „Reicht die Hände, Euch, Germanen," fand, ßis mit einemmale der Liberalismus zu kränkeln anfing und eines Tages tot war, mausetot. Statt seiner aber gabs mi Lande wüste Nationalitätenkämpfe, christlich-sozialen und Rassenantisemitismus. Und nun war's vorbei mit den Juden: Eine große Zahl hielt noch' treu auf dem deutschen Schiffe aus, obwohl die Bemannung nicht mehr aus den alten Liberalen, sondern aus fanatischen Judenhassern bestand, andere, eingeschüchtert durch Drohungen und Boykott, liefen zu den Czechen, in ein neues Feindeslager, ein kleiner Teil zog zu den Sozialdemokraten, die ihre Händlerinteressen aufs heftigste befehden, befehden müssen, ein anderer Teil schloß sich der nationaljüdischen Bewegung an, und der Rest war zaghaft unschlüssig oder indifferent, schwankte zwischen den Parteilagern, gesinnungslos, hoffnungslos. Aber es ist für den Moment nicht mehr zu machen: Die Schlacht ist verloren, und auf dem großen Kampffeld Mährens liegen die Juden zu Boden geschlagen, wehrlos, indes die andern den Raub teilen. So natürlich die Entwicklung des Prozesses ist, den wir Nationaljuden schon vor einem Jahrzehnt voraussahen, so schmerzlich ist der Anblick des Endes: In einer Stadt z. B. mutet man den Juden zu, einen Mann zu wählen, der sein antisemitisches Programm frei bekennt Ein traurigeres Schauspiel der Mißachtung, des politischen Helotentums läßt sich nicht ersinnen. Die Juden haben dort freilich ihre Würde noch soweit zu retten gewußt, daß sie ihre Stimmen einem Liberalen gaben: Sie waren die Einzigen. Alle Arier wählten antisemitisch. Und was klingt trauriger, als das Lob, das die „Neue Freie Presse" den Juden widmet? „Die Juden Mährens", schreibt sie, „haben mit wenigen Ausnahmen seit jeher als die wackersten, verläßlichsten und opferwilligsten Verfechter des Deutschtums sich bewährt. Mit Mut und Zähigkeit haben sie au den gefährdetsten Posten ausgehalten, und so tragen sie gewiß zuletzt die Schuld, wenn dem czechischen Ansturm manches alte deutsche Gemeinwesen zum Opfer gefallen ist. Man muß nur sehen, wie die Juden in Leipnik, Mistek oder Mährisch-Ostrau ohne Rücksicht darauf, daß ihr wirtschaftliches Interesse durch Boykott und andere Kampfmittel der Czechen Schaden erleidet, für das Deutschtum einstehen. ..." Ein politischer Nekrolog: Gefallen für die Sache der Andern, zum Unheil ihres Volkes. 2*