Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-11-16 · 46 (16.11.1906) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
46 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316233--48717-3343658
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Eine ganz eigenartige, wenn auch nicht allzu Auch eine Predigt se^ene Erscheinung im jüdischen Leben — ist die Hetze von Juden gegen Juden. Wohl sind die meisten antisemitischen Blätter von Juden bedient — in der „Nowoje Wremja" z. B. sind viele Mitarbeiter, u. a. Goldstein und Poljakow — Juden. In den „Moskowskija Wedomosti" war ein Herr Schwarz jahrelang der antisemitischste aller Mitarbeiter. Im „Deutschen Volksblatt" von Wien sitzt ein getaufter Jude. Wie es in Frankreich steht — ist ja weltbekannt. Arthur Meyer, Gaston Pollonais usw. sind die Väter des Radauantisemitis. Ja, man ist oft gezwungen, Juden gegen Juden in Schutz zu nehmen. Unerhört ist es aber, wenn ein jüdischer Rabbiner, der im Solde einer jüdischen Gemeinde steht, sich darin gefällt, den Antisemiten die Stange zu halten. Und ein solches Kunststück gelang einem Rabbiner in Wien — einem gewissen Dr. David. Unsere Rabbiner sind bekanntlich sehr schreib- und redselig. Ein Dr. Vogelstein ließ eine Schrift los gegen den Zionismus, die — wir reden nicht als Partei menschen — von einer mehr als gewöhnlichen Gemütshärte und mangelndem Verständnis für die Zusammenhänge des jüdischen Lebens zeugte. Aber - Papier ist geduldig. Ein Publikum ist aber ungeduldig. Und nun einer Gemeinde, die zum Gottesdienste herbeieilt, um einige Stunden der Weihe zu erleben, eine nichts weniger als weihevolle Rede über die Minderwertigkeit eines Teiles — und zwar des größten — der österreichischen — ja der Gesamtjudenheit, zu bieten ■— dazu gehört ein solches Übermaß von naiver Unvernunft, wie man sie kaum einem Rabbiner zutrauen möchte. Herr Dr. David hatte nichts besseres zu tun, als den Prozeß des Falschmünzers Schapira zum Ausgangspunkte eines Sermons zu nehmen. Und dabei verleumdete er die gesamte galizische Judenheit, forderte die jüdischen Kaufleute Wiens auf, mit ihren Glaubensgenossen ausGalizien jede geschäftliche Beziehung abzubrechen. „Vom Norden kommt nichts Gutes", sagte mit Jeremias der wunderliche Rabbiner. Herr Dr. David scheint von seinem Amte eine sehr merkwürdige Vorstellung zu haben. Er hält sich offenbar für einen Propheten und Sittenrichter der Judenheit, für einen Richtungsgeber. Das ist übrigens eine Ansicht die von sehr vielen Rabbinern Westeuropas geteilt wird. Was eigentlich nie im Judentum gelegen war —- wollen manche „moderne" Herren einführen. Das Judentum kennt in Religionssachen nur Individuen, ihm ist der Begriff des „Seelenhirten," des leitenden „Haupts der Kirche" fremd. So leben auch die Juden von altem Schlage. Für sie ist der Rabbiner eine Autorität in Fragen des Gesetzes — angenommen, daß es keinen größeren Gelehrten gibt, als diesen. Das westliche Judentum hat die Form des „Seelen hirten" eingeführt und eine fremde Note dem Judentum eingefügt. Predigten! Fragt man einen alten, frommen, ganzen Juden, ober „Predigten" braucht, ob sie ihm etwas bedeuten — er würde lächeln. Besonders die Predigten der neuen, jüngeren Rabbiner, die kein jüdisches Wissen haben und nur am unrechten Platze rhetorische Übungen abhalten. Man lese z. B. die „Predigten," die ein amerikanischer Rabbiner in Portland (V. S.) in der Synagoge Beth-Israel hält. Man greift sich unwillkürlich an den Kopf: Jawenn Reden und Vorträge über Emerson, über die Häresie in der christlichen Kirche, über die politischen Parteien in Amerika usw., in denen oft das Judentum überhaupt nicht erwähnt wird, jüdische Predigten sind, warum soll Kants „Kritik der reinen Vernunft" odei Virchows Pathologie auch nicht eine Predigt sein? Der krasse Ausdruck dieser Tendenz der modernen Rabbiner sich überall einzumengen, alles zu beurteilen, ihre Ansichten oktroyieren zu wollen — ist auch die Rede Dr. Davids. Wir wollen nicht auf die Details der „Affäre David", die sieb sogar in einer Parlamentsinterpellation äußerte, eingehen. Vermnt lieh hat Dr. David, der die Stimmung seiner reichen Sprengelbe sucher, die - selbst aus Galizien — meistens mit Verachtung uik; Unwillen auf ihre armen Brüder aus dem Osten herabschauen kannte, die Wiener Quaijuden etwas Schmeichelhaftes sehen woller. Man kann es dem armen Manne nicht verübeln, daß er ei Anerkennungswort seitens seiner Schirmherren anstrebt. Daß er aber dt Guten zu viel tat, und schließlich einen Sturm der Entrüstung hervorri.. — ist mehr auf das Konto seines Verstandes als seines gute Willens zu setzen. Wir glauben auch nicht, daß Dr. David es s furchtbar ernst mit seiner Verdammung Galiziens meint. Im Gegei teil, ----- wir sind überzeugt, der Herr Doktor würde sich nicht allz; sehr bitten lassen, wenn man ihm das Rabbinat von Lemberg od. Krakau anböte. Also wir wollen nicht Dr. Davids Entgleisum allzu tragisch nehmen. Wir möchten aber die Predigt des Rabbint David als abschreckendes Beispiel hinstellen. Die Autorität d.-s Rabbiners ist im modernen Judentum nicht so stark, daß ähnliche Fälle sie unbeschädigt lassen. Die Rabbiner müssen sich mehr . 1 das Volk halten, mehr mit den Wünschen und der Stimmung großen Judenheit rechnen. Das ganze Volk wird sie gegen c::e Klique des Assimilanten in den Kahalstuben schützen können gegen die Woge der Volksempörung werden sie sich nicht hall können. Die Predigt Dr. Davids ist in dieser Beziehung wirkl eine Straf- und Sittenpredigt. . . SPEZIALBERICHT ÜBER DEN III. PARTEITAG DER POALE-ZION ÖSTERREICHS (Schluß.) Kaplansky-Kaplan: Die Forderung des Austritts unserer Parteigenossen aus den D.-K.'s ist ganz berechtigt. Wenn wir uns keine Einflußnahme der D.-K.'s gefallen lassen, so ist es ein Gebot der Loyalität und der Vernunft, daß die Distriktskomitees von uns nicht beeinflußt oder kontrolliert werden. Unsere Stellung?u den zionistischen Institutionen, wie Kongreß, Nationalfonds, bleibt unverändert. Der Kongreß ist für uns das werdende jüdische Volksparlament, auf dem gleichen Wahlrecht aufgebaut, und wir werden auf unser Recht, nach der Zahl unserer Schekelzahler vertreten zu sein, nie verzichten. (Beifall.) Redner plaidiert für eine Herabsetzung der zur Bildung einer Föderation nötigen Schekelanzahl auf 3000. Eine Strömung, die 3000 Anhänger zählt, ist bereits stark genug, um anerkannt zu werden, um unerwünschte und nutzlose Reibungen mit der Landesorganisation zu verursachen. Das soll vermieden werden. Was die nationalen Kurien betrifft, so enthalten die Einwendungen Schimanskis einen Kern von Wahrheit. Die territoriale Konzentration der proletarischen Massen, die ihnen an bestimmten Punkten das Übergewicht verleiht, wird durch du nationalen Wahlkörper teilweise illusorisch gemacht. Dem kann atx durch das Proportionalsystem innerhalb der Kurie abgeholte werden. Anders haben wir uns die Kurie auch garnicht gedacht Zum Schauplatz von chauvinistischen Kämpfen wird nur ei i: Parlament, das aus Wahlen hervorgegangen ist, bei denen d: Majorisierung einer Nation möglich ist Ist denn das jetzige Klassen Parlament frei von nationalem Hader? Die Frage der nationale;> Kurien ist noch nicht genügend geklärt. Nachdem in der Resolution Groß von den Kurien keine Rede ist, liegt kein Grund vor, ehn Gegenresolution einzubringen. Redner bittet Schimanski, sein- Resolution zurückzuziehen. Bezüglich des Verhältnisses zu der P. meint Redner: Wir wünschen nichts sehnlicher, als eine Verständigt! mit den polnischen Sozialisten. Das ist aber nur dann möglichwenn die unter dem Einflüsse jüdischer Assimilanten und der Vorurteile der polnischen Schlachta stehenden Führer auf ihre aktive Assimilationspolitik endgiltig verzichten werden. (Beifall.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.