Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Kräfte reichten, vertreten haben. Die Zionisten sind ja heute schon im Verbände vertreten, und einzelne von uns sind auch Mitglieder des Zentralvereins. Unser Streben, das auf eine einheitliche Zusammenfassung aller Juden Deutschlands gerichtet sein muß, wird sich gerade auf diesem Gebiete im Zusammengehen mit den anderen jüdischen Gruppen manifestieren können, ohne daß wir von unseren Prinzipien auch nur ein Tüpfelchen aufzugeben hätten, und wir bringen die unserer Bewegung noch abseits stehenden, aber jüdisch interessierten Elemente uns näher, wenn wir mit ihnen zusammen unsere gemeinsamen Interessen verfechten und uns in diesem Streite als klar denkende, ruhige und vernünftige Männer gezeigt haben. Wir können mit dem Verbände wie mit dem Zentralverein umso eher zusammengehen, als ja die Gründung beider schon einen großen Fortschritt in der Organisation der deutschen Juden darstellt. Von einem höheren Gesichtspunkte aus sind beide schon nationale Elemente gegenüber der absoluten Grundsatz- und Organisationslosigkeit der siebziger und achtziger Jahre. Denn wir müssen bedenken, daß beide Vereine gar nicht von eigentlichen Assimilanten geleitet werden, sondern von Herren, die immerhin, wenn sie auch keine Nationaljuden sind, doch stolz auf ihr Judentum sind, bewußte Juden sind und das Judentum in der Zukunft erhalten wollen. Es wird in der zionistischen Bewegung vielfach über die Assimilanten recht kritiklos hergezogen, ohne daß die Kritiker genau wissen, wer denn in Wahrheit die Assimilanten sind. Die Leute, mit denen wir uns früher herumschlugen und noch heute gelegentlich herumschlagen, sind ja garnicht die eigentlichen Assimilanten, denn sie haben überhaupt noch jüdische Interessen. Diejenigen, welche wirklich den Untergang des Judentums anstreben, die bewußten Assimilanten, ihnen ist schon der uns so harmlos erscheinende Zentralverein ein Dorn im Auge und sie werfen ihm wie uns gleichermaßen eine Verstärkung der Trennung zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland vor. Durch die Gründung der zahlreichen jüdischen Organisationen aller Art in Deutschland, die heute auf eine planmäßige Zusammenfassung und Leitung geradezu warten, hat sich die Struktur der deutschen Judenschaft in den letzten 30 Jahren wesentlich verschoben. Wir sind nicht mehr die willenlose, formlose Masse versprengter Individuen, die keines einheitlichen politischen Strebens fähig sind, sondern die Juden, die wir zu politischer Betätigung als Juden und im jüdischen Sinne heute heranziehen können, und es ist trotz alles Indifferentismus doch noch die erdrückende Mehrzahl aller deutschen Juden langsam zu bewußten, stammesstolzen Juden geworden. Mit diesen Faktoren müssen die Parteien der Linken, welche in irgend einer Weise auf unsere Unterstützung rechnen wollen, zählen, denn, wenn wir auch in der Linken nicht übermäßig viele Spuren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Antisemitismus finden, so ist grade hier um so verbreiteter das was ich kulturellen Antijudaismus nennen möchte. Das Judentum gilt ihnen, den geistigen Kindern der Aufklärung, als etwas längst Verfallenes, dem Untergang Geweihtes. Für sie endigt der Anteil des Judentums an der Menschheitskultur mit der Geburt Christi, und was das Judentum späterhin geleistet hat, haben nach ihrer Anschauung einzelne Individuen getan, während das Judentum als Gesamtheit ein reaktionäres Element darstellt. Für alle diese Kreise war eigentlich der getaufte Jude, der Jude, der sich aus allen Banden der Tradition gelöst hatte, der Idealmensch an sich. Von den Liberalen hat Momrnsen seinerzeit in der philosemitischen Broschüre: „Auch ein Wort über unser Judentum" von der christlichen Grundlage unserer Weltkultur gesprochen. Er hat die Judentaufe direkt empfohlen und alle jüdisch kulturellen Bestrebungen verdammt. Von den Sozialisten hat seinerzeit Marx die Existenz des Judentums als kulturellen und religiösen Faktors überhaupt geleugnet. Er betrachtet es nur als engherzigen Schachergeist, von dem der Satz gelte: „Die gesellschaftliche Emanzipation der Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum." Und die Sozialdemokratie steht heute noch überall allen bewußt jüdischen Bestrebungen feindlich und voll gänzlichen Unverständnisses gegenüber. Somit werden die Parteien der Linken ihre Anschauung über den Wert des Judentums als Kulturfaktor revidieren müssen. Sie werden sich damit abfinden müssen, daß die Juden die Erhaltung ihres Stammes auch in Deutschland wünschen und das Aufgehen in dem allgemeinen Völkerbrei verabscheuen. Auf der anderen Seite aber werden die jüdischen Organisationen das bisher bestehende besonders enge politische Bündnis mit einer bestimmten Fraktion der Linken, das ihr noch von keiner Seite gedankt wurde, lösen müssen, um vorurteilsfrei allen Gruppen der Linken gegenüber zu stehen, um in allen Wahlkämpfen immer die Linke gegen alle Schattierungen der Rechten zu unterstützen, und um, soweit es in ihrer Kraft steht, die Parteien der Linken zur Einigkeit und zu gemeinsamer Frontstellung gegen die Rechte zu zwingen und so allein die Möglichkeit zur Herbeiführung eines freiheitlichere-: Regimes in Deutschland zu geben, dessen wir bedürfen als Juder wie als Männer, die am Gedeihen und der Entwicklung Deutsch lands aufs innigste interessiert sind. II. % Zur politischen Stellungnahme der deutschen Juden Von Dr. KARL KASSEL (Posen) Die Diskussion über die politische Stellungnahme der Juder in Deutschland wird kaum sobald ein Ende finden. Sie hat schon jetzt den Erfolg gezeitigt, daß gar mancher der bisher Unentwegter;. Vollundganzen beginnt, skeptisch seine bisherigen Ansichten zu revi dieren. Das antisemitische Treiben des Freisinns hätte er noch verschmerzt — die Parteileitung hätte schließlich dem Drucke de Vertrauensmänner nachgebend in Zukunft vor offenem Verrate sich gehütet. Aber das Gefühl wächst in der jüdischen Gefolgschaf. daß der Partei jeder feste Boden entzogen ist. Sie spötteln, \vi Gevatter Schneider und Handschuhmacher christlichen Glaubens wenn er aus Geschäftsrücksichten oder er weiß selbst nicht und warum, sich mit den Juden gutstellt, zum Freisinnigen gestempelt und so schnell wie nur möglich in den Vorstand des freisinnigen Bezirksvereins gewählt und'somit festgelegt wird. Diese Sich-Ankleben der freisinnigen Parteigrößen an jeden Nichtjudur. hat das Mißtrauen der Massen wachgerufen; in ihnen, den so? kleinen Juden beginnt es zu dämmern. Und dieses Aufdämmere des Selbstbewußtseins müssen wir pflegen. Die selbständige:! Juden, soweit sie nicht durch Vorstandstischsitzer an die Fahn r gefesselt sind, rücken von selbst von den Trümmern der alter Fortschrittspartei ab. Diese kann in das philosemitische Fahrwasser des alten guten Liberalismus gar nicht mehr zurückkehren, weil ihr dann die dinglichen Wähler, soweit sie ihr noch treu geblieben, die Gefolgschaft aufkündigen würden. Das Wort Gambettas, „die Fortschrittspartei habe sich durch ihre Haltung in der Judenfrage bei den unteren Volksklassen geschadet, denn diese haßten die Juden", ist zur Wahrheit geworden. Es ist uns aber nicht zweifelhaft, daß seihst in den Kreisen, in welchen noch ein Fünkchen der alten Toleranz uns gegenüber erhalten ist, trotzdem das unentwegte Eintreten der Juden für den Freisinn eine Gefahr für die Judenheit bedeutet, weil in unseren Massen durch den engen Anschluß und das Aufgehen der Interessen für diese politische Partei eine grobe Selbst täuschung gepflegt wird. Diese wird überall da gefährlich für die Gesamtheit, wo sie die Entfaltung fruchtbringender Tätigkeit nieht anregt, vielmehr durch ständigen öden Negativismus und dur'i bedingungslose Opposition gerade in den von der Natur mit schar;:' Kritik begabten Juden ein völlig unberechtigtes Selbstgefühl, sch durch die Kritik die Pflicht erfüllt zu haben, wacherhält. Die Intolerair. welche von der linken Seite der rechten stets vorgeworfen wird. r; dadurch bei jener keineswegs geringer ausgebildet worden. Recht zu lieben und zu hassen haben aber alle Menschen oh r. Unterschied der Konfession. Von dem letzteren machen wohl (!r auserlesenen Geister keinen Gebrauch, aber die Massen brauche einen Gegenstand des Hasses und der Verachtung — und so lies auch das edle Vorbild der christlichen Religionsgemeinschafte;! nicht zu hindern vermocht, daß Haß und Verachtung gerade chri liehe Eigentümlichkeiten sind. So wird es bleiben, solange es verschiedene Bekenntnisse gibt. In Parteifragen handelt es sich aber nicht um Haß und Liebe, sondern zunächst um rein wirtschaftlich e Gegensätze, also um einen Kampf, bei dem die politischen Fragenur Mittel zum Zwecke sind. Wir kommen aber um diese Tatsache nicht herum, daß die Juden heute in allen Interessenkreisen vertreten sind, daß ein ehrenhafter Partei unterstand für sie nicht existiere Eine Bemerkung, die wir bei. Hohenlohe finden, ist reciu interessant für die Beurteilung der Juden, deren sozial-ethisch Grundsätze so alt sind wie das Judentum selbst und die zum Ate bau sozialer Lehren ihre tüchtigsten Köpfe hergegeben. Er sprich' von Lothar Bucher: „Bamberger will die unbeschränkte Herrsch;^ des Kapitals, Bucher als Sozialist will die Macht des Staates nichi durch die Juden beschränken lassen. Darin liegt ihr Gegensatz. Für die Tätigkeit der Fortschrittspartei bei der sozialen Gesetzgebung wird ihre damalige jüdische Heeresgefolgschaft noch lange zu büßen haben. Und selbst der alte Kaiser, dem die Geschichte den Namen des Guten geben wird, hören wir: „Der Kaiser billigt nicht das Treiben des Hofpredigers Stöcker, aber er meint, daß die Sache sich im Sande verlaufen werde, und hält den Spektakel für nützlich, um die Juden etwas bescheidener zu machen."