Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Mo. 46 DIE ühettoepidemie zu erfassen, jeden Tag mit frischer Tat-, kraft und neuer, nie erschlaffender Gemütsstärke an demselben Werke weiterarbeiten, unabhängig von Eindrücken des Augenblicks und vorübergehenden Stimmungen, ohne nervöse Blasiertheit, die nach neuen Reizmitteln sucht und schnell wieder von Ratlosigkeit und Kleinmut, von Müdigkeit und Überdruß erfaßt wird, ELT den sittlichen Ernst und die Kraft zu besitzen, einer Wahrheit zu dienen und in einer großen Organisation konsequent und harmonisch weiterzuwirken, — das sind die Bedingungen für den Erfolg unserer Idee. Wir haben zu viel für diese Idee zu kämpfen, als daß wir uns erlauben könnten, die Kräfte an einem Schibbolethhader zu vergeuden. n. Sokolow. DIE JUDEN IM POLITISCHEN LEBEN DEUTSCHLANDS*) Die Stellung der National juden im politischen Leben Deutschlands Von Dr. HANS GIDEON HEYMANN (Berlin) Der berühmte Antrag Mühsam auf dem hannoverschen Dele- ■ierteritag hat zwei erfreuliche Erfolge gezeitigt. Einmal hat er lurch die Angriffe Vogelsteins die Öffentlichkeit wieder auf den Zionismus hingewiesen und uns zu doppelter fruchtbarer Agitationsrbeit genötigt und dann hat er begonnen, durch die sich an seinen Antrag in der zionistischen Frage knüpfende Diskussion Klärung u schaffen über die Stellung der National juden innerhalb des polischen Lebens Deutschlands. Ich sage Nationaljuden, weil wir hier einerlei Unterschiede in der etwaigen Stellungnahme der Zionisten und der paar Territorialisten und Autonomisten entdecken können, nd ich sage im politischen Leben Deutschlands, weil die Stellung us Zionismus zur deutschen Politik etwas ganz anderes betrifft, i!er Zionismus hat Interesse daran, die deutsche Politik zu beein- : ussen in Fragen, welche die Türkei, die wirtschaftlichen Verhältirsse Palästinas, die Erbauung der Bagdadbahn usw. betreffen. Hier : Mt er zum Beispiel das Interesse, daß die deutsche Regierung nicht nseitig die evangelischen Interessen in Palästina schützt und unter -rnachlässigung der kommerziellen Gesichtspunkte der jüdischen i Siedlung Palästinas künstlich Schwierigkeiten in den Weg legt. ■ xn kann auch noch von Stellungnahme des Zionismus zur deutm ien Politik reden, wenn es sich darum handelt, eine eventuelle diplomatische Intervention wegen der russischen Judenmetzeleien y.u befürworten oder das Schicksal der russischen Emigranten zu •.■"•eichtern. Bei den uns beschäftigenden Fragen handelt es sich jr ausschließlich um eine Angelegenheit der in Deutschland ■enden Juden und um ihre Stellung zur inneren deutschen Politik. Ich glaube, ausnahmslos werden die deutschen Juden jedes okettieren mit den Parteien der Rechten aufs Schärfste verurteilen, iinial vom jüdischen Standpunkte aus. Die Parteien der Rechten,;s heißt, alles rechts vom Abgeordneten Bassermann, sind durch;;e Bank Antisemiten und machen aus ihrem Antisemitismus kein Sehl. Sie stemmen sich der faktischen Gleichberechtigung der nden in jeder Weise entgegen, triumphieren über die Russenausveisungen, kurzum, tun alles, was die deutschen Juden nur irgend schädigen und verletzen kann. Ebenso verfolgen sie in Palästina vist ausschließlich deutsch-evangelische Interessen und stehen dort allen jüdischen Bestrebungen schon aus angeborenem Judenhaß heraus wenig sympathisch gegenüber. Aber ebenso energisch müssen vir aus Gründen innerer deutscher Politik gegen die Parteien der achten Stellung nehmen. Wir Juden sind fast ausnahmslos Städter. v ir sind Kaufleute, Industrielle, Intellektuelle oder Handwerker. 'ir haben das allergrößte Interesse an billigem Fleisch und billigem «>rot. Wir sind aufs Innigste verknüpft mit allem, was die freie wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands fördert. Wir werden geschädigt durch die ganz reaktionäre Wirtschaftsgesetzgebung der letzten 30 Jahre. Als Angehöriger des Kaufmannsstandes kann ich Mar nicht mit denjenigen Parteien gehen, welche zum Beispiel durch das Börsengesetz die wirtschaftlichen Interessen meines Standes aufs Allerschwerste geschädigt haben und durch das Vorgehen gegen die Warenhäuser, gegen den Hausierhandel usw. zum Teil bewußt antisemitische Wirtschaftspolitik getrieben haben. Für das Zentrum gilt zum Teil, was wir eben über die Rechte gesagt haben. Das Zentrum hat auch sein vollgerütteltes Maß Anteil an der ganzen reaktionären Wirtschaftspolitik und wenn auch in Norddeutschland der Antisemitismus innerhalb des Zentrums noch keinen allzu großen Boden gefunden hat, so ist zum Beispiel in Bayern, wie der Antrag Heim auf Durchführung der proportioneilen *' Mit den vorliegenden beiden Artikeln schlie(3en wir zunächst die Diskussion. Die Redaktion. Parität innerhalb des Beamtentums, wie die Unterstützung der antisemitischen Agitation in München bewiesen hat, das Zentrum duich und durch antisemitisch verseucht. Außerdem ist es eine konfessionelle Partei, die auf streng positiver Grundlage steht, und mit der sich höchstens ein Jude von gleicher Orthodoxie wie seinerzeit der starre Lutheraner von Gerlach abfinden könnte. Es bleiben also für eine politische Betätigung der Juden in Deutschland nur die Parteien der Linken, das heißt die links Nationalliberalen, die Liberalen und die Sozialdemokraten übrig. Sie sind die einzigen, die auch Juden einigermaßen die Möglichkeit der Erlangung politischen Einflusses gewähren. Die deutschen Juden würden es in ihrer erdrückenden Mehrzahl überhaupt nicht verstehen, wenn die Zionisten andere Gruppen als die Parteien der Linken unterstützen wollten, ja sie würden es fast für einen Verrat ansehen, wenn ein Jude sich mit unseren gemeinsamen antisemitischen Feinden in irgendwelche Kompromißhändel einlassen wollte. Die Gründe, welche gegen eine selbständige jüdische nationale Partei sprechen, sind ja schon von anderen, vor allem von Friedemann treffend auseinandergesetzt worden. Wir haben keine geschlossene jüdische Masse, wir können infolgedessen nirgends aus eigener Kraft Kandidaten bei den Wahlen durchbringen und außerdem würde die Verfolgung einer jüdisch-nationalen Kulturpolitik im politischen Leben Deutschlands an inneren wie an äußeren Widerständen scheitern. Es bleibt also nur das, was Witkowsky vorgeschlagen hat, Beeinflussung der Parteien der Linken zur Wahrung der jüdischen Interessen. Nun ist es ja doch wahrlich nicht übermäßig viel, was wir Juden, welcher politischen oder religiösen Schattierung wir auch angehören, von den deutschen politischen Parteien zu verlangen haben. Es ist nichts weiter als das, was die westlichen Kulturstaaten längst durchgeführt haben, nämlich: 1. Vollständige administrative Gleichstellung der Juden in allen Bundesstaaten und für alle Karrieren. 2. Schaffung eines loyalen Fremden- und Naturalisationsrechts, damit nicht der ausländische Jude, nur weil er Jude ist, aus Polizei - Willkür ohne Möglichkeit einer Appellation an eine richterliche Behörde ausgewiesen werden kann und damit nicht Juden, welche schon seit einer Reihe von Jahrzehnten in Deutschland ansässig sind, deren gesamte Interessen mit Deutschland verflochten sind, von der Naturalisation ausgeschlossen bleiben, damit nicht auch ihre in Deutschland geborenen Kinder in Deutschland stets Fremde bleiben, die überhaupt nicht mehr wissen, wo sie eigentlich ihrer Staatsangehörigkeit nach hingehören, kurz, damit wir nicht in Deutschland mit der Zeit rumänische Verhältnisse bekommen, nachdem die Zahl der ausländischen Juden bedeutend schneller wächst als die der einheimischen, deren Zuwachs durch die abnorm niedrige Geburtsziffer sowie durch die Taufsucht ein verschwindender geworden ist. Das sind die beiden Hauptforderungen. Sie werden heute schon im Prinzip von den Parteien der Linken vertreten, wenn auch in der Praxis oftmals nicht mit dem nötigen Nachdruck. Im übrigen haben wir noch einige Beschwerden hinsichtlich der öffentlich rechtlichen Stellung der jüdischen Gemeinden in Deutschland und differieren zum Teil von den Liberalen in unserer Stellung zur Frage der Konfessionsschule. Doch handelt es sich für die Juden auch bezüglich der konfessionellen Schule um keine Frage von erster Bedeutung und wenn eines Tages für die gesamte Bevölkerung die religionslose Schule eingeführt werden sollte, so werden sich auch die Juden damit einverstanden erklären und ihren Kindern das jüdische Erziehungselement in anderer Weise zuführen. Nun ist die Gründung eines besonderen Verbandes zwecks Einflußnahme der Juden auf die innere deutsche Politik in dem eben charakterisierten Sinne vorgeschlagen worden. Ich halte eine Neugründung für zwecklos, denn wir haben ja schon im Verband der deutschen Juden und im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdische Glaubensorganisationen, welche speziell diesen Interessenkreis verfolgen, und die ja auch schon anläßlich der Schulfrage in Preußen die jüdischen Interessen, soweit ihre v