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Die Welt · 1906-11-16 · 46 (16.11.1906) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
46 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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teien und verschiedener Länder aneinander fesselt, die Entwicklung eines Volkswillens,, die Entfaltung einer großen, kollektiven Gemütskraft, die kräftige Zucht nach innen, der Fortbildungsprozeß einer zielbewußten, nach der alten Heimat lechzenden Stammeseinheit und das Schaffen der Gelegenheiten, wie auch das Wahrnehmen der gegebenen Momente, im Namen dieser Einheit an die äußeren Faktoren heranzutreten. Wir machen keine Kompromisse, aber jedem Denkenden muß es klar sein, daß der Zionismus die Synthese des Praktischen und des Ideals bedeutet. Beide Richtungen müssen mit gleicher Stärke arbeiten, und die Organisation ist die Instanz, die den Ausgleich vermittelt. Es ist eigentlich kein Widerspruch, sondern eine Arbeitsteilung, und die Arbeiten stehen in einem ganz bestimmten Verhältnis zu einander. Die Sphäre der Politik ist die Bewegung, die Agitation, der Ausbau der Institutionen, die Mehrung der Mittel, die Autorität der Außenwelt gegenüber, der Fortbildungsprozeß einer einheitlichen Weltorganisation für einen klaren, mit den Welt- und Kulturinteressen übereinstimmenden Zweck: die Schaffung eines Judenstaats in Palästina. Und dazu bedarf die Politik gewisser praktischer Anhaltspunkte, gewisser Versuche, Vorbereitungen und Verkörperungen an Ort und Stelle. Anderseits bedarf das Praktische dort der zionistischen Bewegung hier, des Zusammenhaltens, des gewaltigen Volkswillens, der Idee, die die Phantasie reizt und den Volksorganisrnus belebt. Ersteres muß gewisse Opfer bringen und letzteres — ihre Ungeduld bezähmen und auf vieles verzichten. Die Aufgabe der Erhaltung dieses Gleichgewichts ist riesenschwer und soll nicht durch dialektische Übertreibungen unmöglich gemacht werden. Und dafür gibt es nur ein Mittel: keine Blocks, keine zusammengekitteten Phrasen- oder Personengruppierungen! Man unterwerfe sich keinem Dogma und keiner Phrase, sondern man prüfe jeden Gedanken und jeden Vorschlag. Lassen wir nicht unsere Kraft durch einen neuen Zwiespalt lähmen. Eine wichtigere Frage als dieses aus Worten und Zitaten abfiltrierte Schibboleth tritt an uns mit aller Gewalt heran. Es beginnt tatsächlich eine Sturm- und Drangperiode in Palästina. Es ist wie eine neue Edition der Bilubewegung. Ein Teil unserer Jugend aus Rußland kommt, sozusagen, herangetollt. Man soll diese Jugend schätzen lernen. Sie hat durch ihre Intelligenz, ihre Rührigkeit, ihre Gesinnungstüchtigkeit, ihre Aufopferungsfreudigkeit das Volk verteidigt und verherrlicht, sie ist unser Stolz und unsere Hoffnung, doch weiß sie sich nicht immer in neuen Situationen zu orientieren. Sie kommt von einem gärenden Grollen heraus, vom Strudel der Bewegungen, nachdem sie unter dem Joch röchelte, in einer eigentümlichen Gemütsstimmung, zuweilen in einem Paroxismus der Wut, der in jedem philiströsen Alltagsmenschen einen Burschuk (bourgeois), einen brutalen Wüterich erblickt, derb und regellos, mit einer zynischen Autoritätsverachtung, mit einer spöttischen Überlegenheit gegen die unter gesitteten Menschen übliche Höflichkeit, bewaffnet mit Teufelscourage und mit einem Arsenal von neuesten blitzblanken Waffen sozialistischer Dialektik. Man muß verstehen, wie die Berührung der sozial-politischen russischen Zündstoffe mit dem jüdischen Massendrangsalbewußtsein und mit den so vielen Frühreifen, Überreifen, Deklassierten und Erregbaren unseres Volkes diese spezifischen Stimmungen hervorgebracht hat, und versteht man dies, so wird man diese arme, edle, leider aber entnervte Jugend ehren und lieben. Wir müssen die Fehler mit in den Kauf nehmen, denn sie sind unsere Fehler. So sind wir in der Knechtschaft unterjocht, und so sind wir, wenn wir frei werden. Wir müssen erst lernen, frei zu sein und als Juden frei zu sein. Wir müssen erst lernen, daß die Zügelung und Lenkung der Triebe in ernster Arbeit auch Freiheit ist, ja die einzig richtige Freiheit ist, und daß ein ruhevolles, freies Sichbeugen unter das Allgemeine und ein bescheidenes, taktvolles Auftreten nicht das ist, was es in den aller Kultur hohnsprechenden russischen Zuständen und in der dünkelhaften Superklugheit der unreifen Weltbaumeister in der Westentasche zu sein scheint: dumme Sitte, sondern daß es ein Erzeugnis langer Entwickelungen und eines freien Menschen durchaus würdig ist. Sollte es uns gelingen, den Heroismus unserer Jugend in die richtigen Bahnen zu lenken, so wird die Arbeit in Palästina tatsächlich groß und fruchtbringend werden. Heroen, vielleicht auch Märtyrer, brauchen wir für Palästina. Welche Zähigkeit dazu gehört und welche Rückschläge ertragen werden müssen, um am' dem Kolonisationswege Bedeutendes zu erreichen, beweist die Geschichte aller Völker. Unsere Anfänge waren schwache Gehversuche; wir hatten Pioniere, die gelitten haben, wir brachten gewisse Opfer, aber seien wir vor allem wahr und stellen wir nicht diese Kleinigkeiten zu laut auf ein hohes Postament. . . Sagen wir offen heraus; es ist noch bei den meisten keine Ausdauer, um frei von Bitterkeit, eisenfest, hingebungsvoll, geduldig zu säen, was erst die Enkel ernten werden. Wie viele von den alten Bilumännern schwankten hii und her, stürzten und verwehten wie welke Blätter im. Sturm! Sie überschätzten ihr Können, sie wollten vi! und erlahmten schnell. Sie waren wie Ixion, der nach der Himmelskönigin griff und eine Wrolke in Händen hielt; die schöne Fata Morgana zerrann vor ihren Auge1. Die neue, in hartem Kampf gestählte Jugend ml; einer glühenden, unerschütterlichen Palästinaliebe, mir einem intensiven Gefühl, das an das Land der Vätvr fesselt, zu erfüllen, sie mit eiserner Beharrlichkeit im,! Energie zu beseelen, — ist ein viel wichtigeres Problem als das Grübeln in den innerparteilichen Schlagworte' Und dies ist nicht mit Geld zu kaufen. Man soll nich an die Organisation mit unmöglichen Forderungen herantreten. Die Organisation ist nicht etwas Fremde: das Nationaleigentum ist nicht fremdes, sondern eigene- Gut. Das Bißchen .an Mitteln soll man nicht schnei' verprassen, um die Bewegung nicht zu gefährden Schon der Ernst dieser Rücksicht soll zur Vorsieh! mahnen, ehe man ein verdammendes Urteil leichtfertig ausspricht. Wenn aber ein solches Urteil hervorgerufen wird durch das verletzte Selbstbewußtsein eines einzelnen oder einer Gruppe, so fragt man verwunden, was diese Beurteiler wohl für eine Idee haben mögen von nationaler, für Generationen bestimmter Arbeit. Die Leistungsfähigkeit und das Selbstvertrauen zu steigern, unlautere und niedere Selbstsucht zu unterdrücken, bei praktischen Unternehmungen die Kritik gelten zu lassen und die Überlegung zur Herrschaft zu bringen, nichts zu tun ohne feste Fixierung des politischen Zieles, Anforderungen nicht an andere, sondern an sich zu stellen, die Zerbröckelungssucht als eine

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