Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dieses Thema führte der Hauptredner des Abends, Herr Adolf Böhm, in seinem Referat über „Unsere Ziele in Palästina" weiter aus und wußte wie immer durch die Verbindung wissenschaftlicher Gründlichkeit mit Eleganz der Darstellung und Wärme des Vortrages die Zuhörer zu fesseln. Der Redner entwickelte in den Hauptlinien die Politik, welche bei der praktischen Palästinaarbeit in sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Beziehung befolgt werden müßte, wenn diese Arbeit fruchtbar und segensreich für das jüdische" Volk werden sollte, und wies nach, daß die von der zionistischen Organisation in den letzten Jahren entwickelte und weiter geplante praktische Tätigkeit sich im allgemeinen in den richtigen Bahnen bewegt und durchaus bewährt habe und in der energischsten Weise fortgesetzt werden müsse. Der nächste Redner, Herr Grajewsky aus Jerusalem, welcher die technische Leitung der Palästinareise übernommen hat, sprach sodann über das Thema: „Der neue Kurs in Palästina". Nachdem er zuerst in äußerst drastischer Weise geschildert hatte, wie bis vor kurzem die jüdische Bevölkerung Palästinas von Kindheit an direkt zum Schnorrertum erzogen worden war, erzählte er, wie sehr sich die Dinge seit einigen Jahren, seit dem Beginn der zionistischen Bewegung und insbesondere seit Herzls Anwesenheit in Palästina geändert hätten. Ohne daß immer der direkte Einfluß •ler zionistischen Organisation nachweisbar sei, mache sich doch ■iberall der neue Geist nationalen Selbstbewußtseins bemerkbar: iie jungen Leute aus den Städten ziehen in die Kolonien, wo sie ils tüchtige Arbeiter ihren Lebensunterhalt finden; denn wie früher ,ne schwere Arbeit den Arabern zu überlassen, damit höre man .>tzt auf. In den Kolonien sei die Umgangssprache Hebräisch, ias sich zu einer ganz modernen Sprache entwickelt habe, sogar;ie Bücher der Geschäftsleute werden hebräisch geführt. Charak- L'iistisch für den neuen Kurs in Palästina sei auch, daß der neu- 'ewählte Chacham Baschi in Jerusalem ein tatkräftiger, gebildeter nd modern empfindender Mann sei. Alle Reden wurden von dem äußerst zahlreichen Publikum iit großem Beifall aufgenommen. Mit Absingung des „Od lo owdu"; jhloß die schöne Veranstaltung, welche auf die anwesenden Reiset ilnehmer sichtlich großen Eindruck geübt hat. Mittwoch den 31. Oktober begann die Gesellschaft, aus 35 rsonen bestehend (unter ihnen Herr Adolf Böhm als Vertreter s Vorstandes des Zionistischen Zentralvereins), ihre Reise und igte nach einer herrlichen Fahrt von Konstanza über das Schwarze ,er Freitagrnittag in bestem Wohlsein in Konstantinopel an, von w■> die Fahrt auf dem schönen Dampfer Imperatore Trajan nach A! 'xandria weitergeht. Über den bisherigen Verlauf der Reise erhalten wir folgende N ehricht: Auf der Fahrt durch Rumänien wurden wir überall in iiizender Weise empfangen: auf allen Stationen von der Grenze warteten Deputationen zionistischer Vereine, zahlreiche rumänische sinnungsgenossen schlössen sich uns für eine Fahrstrecke an, A.-K.-Mitglieder Rosenbaum und Moskowitz sandten Begrüßungslegramme, in Bukarest stellten sich uns vier Vereine zur Verfügung id dienten uns in der Stadt und der Ausstellung als Führer. . sonders erhebend gestaltete sich der Abschied von den rumänischen esinnungsgenossen in Konstanza. Beinahe der ganze Verein in Konstanza hatte sich unter Führung des Obmannes M. Brujes nd des Rabb. Dr. Hübscher am Schiff eingefunden, um der Gesellschaft in wahrhaft rührender Weise ihre Abschiedsgrüße und A/iinsche mit auf den Weg zu geben. Die Liebenswürdigkeit :'■!)serer rumänischen Gesinnungsgenossen wird allen Teilnehmern -Iivergeßlich bleiben. Es sei ihnen auch an dieser Stelle der herz- :hste Dank ausgesprochen. Durch diesen schönen Eindruck gleich M Beginn der Reise wurde die Stimmung der Palästinafahrer nier begeisterter. Die Fahrt über das Schwarze Meer geschah bei günstigstem Vetter, die Einfahrt in den Bosporus bei herrlichem Sonnenschein. Wollen wir hoffen, daß der weitere Verlauf der Reise sich ebenso -rhebend gestalten wird. Die Reisegesellschaft ist indessen, wie uns gemeldet wird, in Alexandrien gut angelangt. Die zweite Konferenz der zionistischen Presse in Rußland Wir können unseren Gesinnungsgenossen die erfreuliche Mitteilung machen, daß nunmehr sämtliche zionistischen Wochenschriften in Rußland wieder erscheinen. Die behördlich suspendierten Blätter Jewrejskaja Schisn (russisch) und Glos Zvdowski (polnisch) tragen jetzt die Titel: „Jewrejsky Narod" und „Zycie Zydowskie". Das in Odessa herausgegebene Blatt „Kadimah" erscheint jetzt unter dem Namen: „Jewrejskaja Mysl" und hat gleich Zycie Zydowskie seinen Umfang wesentlich verstärkt. In dem Erscheinen der jüdischen Wochenschrift „Das judische Volk" ist bisher keine Störung eingetreten. Wir wünschen unseren Kollegen von der russisch-zionistischen Presse herzlich Glück zu der Neuaufnahme ihrer vereinten Tätigkeit. Wie ernst und gewissenhaft sie diese erfüllen, beweist die Tatsache, daß sie eine zweite Zusammenkunft der zionistischen Redakteure veranstaltet haben, über die wir nachstehend berichten. Wir können erwarten, daß unsere vortrefflich geleitete und innerlich geeinte Presse in diesen schweren Zeiten der zionistischen Sache in Rußland bedeutende Dienste leisten wird. Am 17., 18., 19. und 20. Oktober fand in Wilna die zweite Konferenz der Vertreter der zionistischen Presse, und zwar der Redaktionsmitglieder der vier Parteiorgane: „Das jüdische Volk", „Jewreskaja Schzyzn", „Jewreskaja Mysl" und „Glos Zydowski" statt. Während die erste Konferenz der Frage der Gegenwartsarbeit und der Ausarbeitung des Programinprojekts der politischen Tätigkeit der Partei in Rußland gewidmet war, beschäftigte sich die zweite Konferenz mit der vollkommenen Ausarbeitung und Prüfung derjenigen Gegenstände, welche nach der Frage über die Gegenwartsarbeit zu den wichtigsten der bevorstehenden Konferenz der Russischen Zionistischen Organisation gehören werden. Zu diesen Fragen gehört: 1. Das Verhältnis der Russischen Zionistischen Organisation (R. Z. O.j zu anderen Parteien. 2. Die Arbeit in Palästina. 3. Die innere Organisation der R. Z. O. Über die erste Frage wurde sehr lang debattiert und folgende Resolution angenommen: 1. Die Russische Zionistische Organisation führt eine selbständige nationalpolitische Tätigkeit, welche sie für ein notwendiges Mittel zur Realisierung des zionistischen Ideals betrachtet. 2. Zur Erfüllung der konkreten Gegenwartsaufgaben kann die R.Z.O. in Koalition mit anderen Parteien und Vereinen treten, deren politisches Programm den Aufgaben der Organisation in Rußland nicht widerspricht. 3. Die Mitglieder der R. Z. 0. dürfen keinen anderen jüdischen politischen Parteien angehören. Anmerkung: In Anerkennung dessen, daß der „Verein zur Erlangung der jüdischen Gleichberechtigung" als einheitliche Organisation alle Elemente des Judentums zu einem politischen Zwecke vereinigt und keinen politischen Parteicharakter trägt, erachtet die Konferenz es für möglich, daß, solange der Verein diesen unparteiischen Charakter bewahren wird, Zionisten zu seinen Mitgliedern gehören können. 4. Die R. Z. 0. bewillkommt den Versuch der jüdischen Nationalisten, sich in einer politischen Partei zu gruppieren. 5. Im Wahlkampfe werden die Zionisten sich bemühen, jüdische Wahlkomitees aus den Vertretern der Parteien, Gruppen und unparteiischen Masse auf Grund des Minimums der nationalpotitischen Forderungen zu bilden. Wenn ein solches Komitee nicht zustande kommen kann, so werden die Zionisten ganz selbständig handeln und Wahlblocks mit anderen Parteien oder Unparteiischen bilden. Über den zweiten Punkt der Tagesordnung, die Frage der Arbeit in Palästina wurden die folgenden Resolutionen angenommen : 1. In Anerkennung dessen, daß die umfassende Entwickelung der Positionen in Palästina, wie auch die systematische Vorbereitung dieses Landes zu einer Heimstätte für das jüdische Volk laut dem ersten Punkt des Baseler Programms das organische Grundelement der politischen Konzeption des Zionismus ausmachen; daß das Fehlen der entsprechenden Tätigkeiten von einem schädlichen Einfluß auf die Entwickelung der Bewegung sein könnte; daß die Erreichung von positiven Resultaten der politisch-diplomatischen Bemühungen eine große Kraft verleihen könnte; — verlangt die R.Z.O. von den aktiven zionistischen Organen