Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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schon einmal hier gewesen, aber damals fehlte mir das Verständnis, wohl auch die Liebe für das Leben und die Menschen hier. Ich 1 sah nur Juden in langen Kaftans und mit langen Peies, die handelten und stets von Geschäften sprachen. Ich sah nur die Oberfläche der Dinge, der Kern, das Wesen waren mir fremd. Seither hat aber mein Blick sich für das, was unter der Oberfläche liegt, geschärft, Zusammenhänge des Lebens sind mir klargeworden; seither habe ich mein Judentum lieben gelernt, so auch jüdisches Leben, jüdische Menschen. Das Leben der „kleinen" Leute interessierte mich, denn das Leben der jüdischen „Intelligenz", der jüdischen Advokaten und Ärzte hier brauchte ich nicht erst kennen zu lernen, das verstand ich, wenn ich sie mit einer gewissen Klasse unserer Wiener oder berliner jüdischen Intelligenz zusammenhielt, nur daß ihr Horizont durch ungarischen Chauvinismus und Patriotismus noch begrenzter ist. Auf meinen Tagesspaziergängen und diesen Abendstreifzügen durch das jüdische Viertel, da hat sich mir eine Welt erschlossen, die mir bisher fremd gewesen. Mit großen Augen, verwundert, starrte ich durch die Fenster, die meist nichts von Vorhängen wußten, hinein in die Stuben, die mir ihr Innerstes enthüllten. Ich sah jüdisches Leben, heimliches, stilles, in Ecken und Winkeln gegedrücktes jüdisches Leben. Wohl hatte ich Kenntnis von manchem, das sich mir hier entschleierte — nicht umsonst hatte ich Perez' und Scholem-Alechems Schilderungen des russisch-jüdischen Lebens gelesen, das in vielem dem Leben hier gleicht — aber nun sah ich das alles, und was ich sah, hatte Blut, hatte Wesen. Ich sah den Bocher über „das Buch" gebückt „lernen'*, ich sah Im dann sinnenden Auges in die Ferne starre^ wieder in das liuch blicken, wieder seinen Blick ins Weite richten. Wie gern lätte ich gewußt, welche Gedanken jetzt hinter seiner hohen Stirn wogten! Waren es aufsteigende Zweifel, daß alles so war, wie es in Buche stand — war es absoluter Glaube daran? Sein wieder reudig in das Buch gerichteter Blick ließ mich an letzteres glauben. Einmal hatte mir eine freundliche Frau erlaubt, einzutreten ind durch das Küchenfenster in die Stube zu blicken, in der einige kocherim eifrig disputierten. Ich mußte bei diesem Bilde an Hirsenbergs „Jeschibah" mit ihren feinen, durchgeistigten Gestalten lenken — nur war hier eben mehr Lebhaftigkeit, mehr Beweglichst. Leider wurde mir nicht erlaubt weiterzugehen, und so konnte kh nicht hören, warum der Kampf wogte. Ich besuchte das Cheder von „Moische dem Melamed". Ihn , tte ich tags zuvor kennen gelernt und zwar auf folgende Weise: kh kam zu Besuch zu einer jungen Frau, die zwei Wochen vorher v-en Sohn geboren hatte. Die Stube war voll von kleinen Knaben, k.' unter Assistenz des Melamed und des Beifers ein Gebet hergten. Es war das „Krischmeleinen", und es mußte in der Wochenwbe gesagt werden, damit der Neugeborene allein im Zimmer keinen könne. Das Gebet sollte ihn beschützen. — Die Gestalt ws Melamed fiel mir auf; er war eine ehrwürdige Erscheinung, ■roß und aufrecht, mit grauem Haar und langem Bart; in seinem kige lag Güte. Ich fühlte mich hingezogen zu ihm, erbat mir seine Adresse und am nächsten Tag schon ging ich hin. Es war ChumischVortrag, als ich hinkam — die Schöpfungsgeschichte wurde gelehrt. Ich sah mir die Kleinen an; armselig, dürftig gekleidet, schmutzig waren sie alle. Sie stammten scheinbar aus der ärmsten Schicht der jüdischen Bevölkerung. Blaß waren die meisten, mit dunklen, schwermütigen Augen, und nur wenigen merkte man an, daß sie wissen, was Luft und Licht ist. Mir wurde schwer ums Herz, als ich daran dachte, wie diese Kinder aufwachsen werden, daß es die Bestimmung der meisten ist, ebenso inter Mauern gebannt ein unfruchtbares, geistiges Leben zuführen, chts fühlend von dem großen Kampf, für den draußen in der Zelt Tausende und Abertausende ihrer Brüder ihre Kraft, ihr -eben, ihr Blut hingeben. Ich hätte sie alle mit mir nehmen mögen, diese Kinder, hinaus ins freie Feld, auf eine große Wiese, worauf die Sonne glänzt, wo nichts den Blick einengt und dort hätte ich mit ihnen spielen, laufen, tollen mögen, daß sie lachen lernen, lachen mit heiteren übermütigen Augen. Leben sollten sie fühlen, Freude und Sonne. —Wie viele Kräfte gehen dir verloren, jüdisches Volk,^erstarren, ehe sie reifen konnten! Er war gut zu den Kindern, Moische, der Melamed, er liebte sie und sie liebten ihn. Man merkte das an der Art, wie sie voneinander Abschied nahmen, als die Stunde zu Ende war. Ich sprach mit einigen der Kinder und machte die Entdeckung, daß die wenigsten ungarisch, sondern nur jüdisch sprechen konnten. Sie könnten „Gojim" werden, wenn sie die ungarischen Schulen besuchen. — Ich hatte recht mit meiner Wahrnehmung: aus tiefer Liebe zu Kindern hatte Moische, der Melamed, diesen Beruf erwählt, als ihm sein Weib, ohne ihm Kinder geschenkt zu haben, gestorben war. Juden wollte er aus* ihnen machen, fromme, gute Juden, die nicht hingehen sollten zu „Jenen" und „Apikorsim" werden. — Als fich anknüpfend an seinen heutigen Vortrag ihn fragte, ob er nicht glaubt, daß Gott die Welt erschaffen, damit wir Menschen sie genießen, uns erfreuen an Berg und Wald, Sonne und Luft und 'all den Herrlichkeiten, die er für uns geschaffen, und ihn weiter --fragte, warum er nicht mit den Kindern hinaus ins Freie geht, sie i draußen Gottes Wort lehrt, auf daß sie Liebe bekommen zu seinem Werke, das ihnen so nur ein totes Wort ist, da meinte er, daß ein Jude, der d>'e Thora hat, nichts anderes braucht, um Gott zu lieben;!die Thora sei sein größtes Werk! Auch seine Kinder sollten Gott "durch die Thora lieben lernen, er werde sie nur immer tiefer in sie 'hineinführen. — Feurig strahlte sein Auge, als er seine Bücher, den * Inhalt seines Lebens, betrachtete. So zog Bild um Bild an mir vorüber, ernste und heitere Seiten des jüdischen Lebens. Immer tiefer sah ich hinein, immer mehr verstand ich es. Aus der Welt der Kultur, des Kampfes, des Fortschrittes war ich in eine Welt geraten, in die kein Lichtstrahl >der Entwicklung hineindringt, wo das Leben stillsteht; ich glaubte mich um zwei Jahrhunderte zurückversetzt. Aber ich lernte auch die Schönheit, die Innigkeit würdigen, die in diesem stillen abgeschlossenen Leben liegt, und ich fühlte, was uns das Judentum erhalten hat, ehe wir jüdisch-nationales Leben, jüdisches Volkstum kannten. Wie jeden Abend lenkte ich auch an jenem, von dem ich jetzt erzählen will, meine Schritte der Magyar-utcza (Ungarische Gasse), die im Volksmund aber die „Jüdische Gaß" heißt, zu. Die „Jüdische Gaß" ist neben dem Hauptplatz, auf dem sich die „eleganten" Läden befinden, der Mittelpunkt des Lebens, die Gasse, in der sich alles abspielt. Alles ist hier zu haben: Spezereien, Fleisch, alte Kleider, Manufakturwaren, Heiligenbilder, hebräische Bücher usw. Dicht aneinander gedrängt reiht sich Geschäft an Geschäft, die Schilder meist mit hebräischen Buchstaben bemalt. Aus Mangel an Raum für Geschäftslokale sind in die Mauern noch Wölbungen hineingebaut, die. gegen geringe Miete abgegeben werden und in denen die Brotverkäufer ihren Stand aufgeschlagen haben. Am Abschluß des Trottoirs reiht sich Bude an Bude, in denen jüdische Verkäufer und Verkäuferinnen (hier dominiert das weibliche Geschlecht) Obst, Schnaps und „Melaienbrot" (Brot aus Kukuruzmehl), das Hauptnahrungsmittel der armen jüdischen Bevölkerung feilbieten. Ein Schreien und Lärmen herrscht hier, daß man kaum ein Wort verstehen kann, jüdische Schimpfworte fliegen hin und her, ein Beweis, daß Juden nicht nur beten, sondern auch fluchen können. Maramaros-Sziget ist eine ausschließliche Handelsstadt und die Juden beherrschen den Handel. Wohin das Auge blickt, sieht man Juden in Kaftan und Peies. Die „Deutschgekleideten" verschwinden gegenüber der großen Masse der Kaftanjuden. Nur Freitags, am Tage des Wochenmarktes, wo aus den umliegenden Dörfern die Bauern zum Verkauf ihrer Waren in die Stadt kommen, da verändert sich das Bild; da verdrängen die weißen Leinwandhosen und die weißgrauen langen Schafspelze der Wallachen sowie ihrer Frauen bunte Kleidung und noch buntere Kopftücher, die ein farbenfreudiges Bild geben, die Herrschaft des dunklen Kaftans. Sonst aber gibt der Jude der Stadt das Gepräge, auch in anderer Beziehung, denn die jüdische Armut ist auch hier die größte, jüdische „Luftmenschen", die nur von dem leben, was ihnen zufällig der Tag zuträgt, gibt es auch hier in leider nur zu großer Anzahl. Jetzt freilich war von dem brausenden, geschäftigen Leben, das tagsüber herrschte in der „Jüdischen Gaß", nichts zu merken. Still, wie ausgestorben lag sie da, in jener großen Ruhe, die fast an die Sabbatruhe gemahnte, nur daß die typischen Sabbatgestalten fehlten. Wenn Freitag nachmittag die Dämmerung sich herabzusenken beginnt, werden rasch die Sachen zusammengepackt, die Geschäfte geschlossen, all die schmutzig gekleideten Menschen eilen heim; eine Stunde später sieht man sie sauber gekleidet, im Seidenkaftan (meist das Hochzeitsgeschenk) und im Streimel langsamen Schrittes, würdevoll, meist einen Sohn an der Hand haltend, in die „Schul" gehen, um in ernster, gehobener Stimmung die „Prinzessin Sabbat" zu empfangen. Nachher gehen sie nach Hause in ihr inzwischen hellerleuchtetes, festlich geschmücktes Heim, wo sie bei „Schabbesessen", Wein und „Smires-Gesängen" für einen Tag Herren, Könige sind. Ich ging weiter durch stille, verschwiegene Gäßchen und war so in die Gasse, in der der Rabbiner der Orthodoxen und Chassidim wohnte, geraten. Es gibt noch eine Gemeinde der „Sephardim", der Fortgeschrittenen, die ihren eigenen Rabbiner, der schon an deutschen Hochschulen studierte, hat. Während ich so durch die Gasse schritt, kam mir die Erinnerung an ein Erlebnis, das ich vor Jahren hier hatte, das sich meinem Gedächtnis fest eingeprägt hat und das jetzt noch mit dem Schein des Mystischen umwoben ist. Es war eine mondhelle Nacht, wie