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Die Welt · 1906-11-09 · 45 (9.11.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Aus meinem Notizbuch So oft ich in einem Ghetto herumwandle, verfolgt mich ein Gedanke: so kommen die nicht erreichten Ideale zur Betätigung. Der Trieb, ein Ganzes zu bilden, lebt in den Tiefen der jüdischen Volksseele, und weil wir keinen Staat bilden können, bilden wir eine „Gasse". Es ist ein Mißgebilde, das an jedem Organismus entsteht, wo ein Glied gewaltsam beseitigt worden ist. Die Verhältnisse zwingen zu einer Ablenkung vom eigenen Ich, der Selbsterhaltungstrieb und der Zusammengehörigkeitsinstinkt drängen hingegen zu einer Vereinheitlichung, und so entsteht ein zusammengekitteter Haufe verwirrter Individuen „Whitechapel" genannt. Es ist ein Regentag, und ich wandle in „Whitechapel" herum. Ein Stück polnisch-jüdischen Lebens, zum zweitenmal verstümmelt, in die englische Metropole eingegliedert. Ein erzgepanzerter Separatismus, jedoch von einem unvermeidlichen Auflösungsprozeß unmerklich zernagt, Absterbende, Verglimmende; verzweifelte, in ihrer armseligen Häßlichkeit rührende Ansätze eines neuen Mischmaschs — mit gebrochenen Flügeln. * * In dieser Wüste habe ich jetzt eine schöne Oase gefunden: eine jüdische Kunstausstellung. Sie sollte eigentlich eine retrospektive Ausstellung heißen, denn nur wenige zeitgenössische, Schaffende, viele Generationen hingegen haben sich hier ein Stelldichein gegeben. Religion, Kultus, Ritus, Volkssitten, lokale „Minhagim", Familienleben, Gemeindeanstalten, Geschichtsereignisse, Biographien, Tempelreste, Synagogenpläne, Makkabäermünzen und Kischinew, Karmelurnen und Sederteller, Barkochba-Schekolim und italienisch- [üdische Trauringe, Thoramäntel und Emanzipationsdiplonie, Megillahrollen und spanische Kethuboth — alle Kunstrichtungen: orientalisch, holländisch, französisch, Georg III., deutsch, mauritanisch, italienisch, — sogar norwegisch, alle Epochen, alle Geschmacksrichtungen —, das richtige jüdische Volk, in alle Winde verstreut, mit tausend Anknüpfungen, mit unzähligen Interessen und Reminiszenzen, mit allen Mitteln und allen Maßstäben der Kunstäußerung. Und doch ist es kein wirrer Knäuel. Es wirkt milde und auflösend, wie das Bild eines blassen, trauernden Engels; es ist lieblich, wie ein guter Traum. Aus dem Ganzen strömt etwas Eigenartiges hervor, etwas Anheimelndes, Sanftes und Edles, woraus Kraft und Frieden erblühen. Es läßt sich nicht herauszirkeln, aber es läßt sich empfinden, keine straffe Zucht, aber eine seelische Extase als Mittelpunkt, die Lebensenergie eines Stammes, der wie eine Biene Honig aus allen Blumen sog und alles nach seiner eigenen Art verarbeitete, die empfindliche, feinfühlige Natur, die alle Entwicklungen, alle Schönheiten, samt allen Fermenten und Verirrungen der Umgebung nicht bloß sklavisch reflektiert, sondern durch ihre rosige Begeisterung verschönt und verinnerlicht. Der große Kräfte-Spender des jüdischen Volkes: der Glaube — nahm im ästhetischen Schaffen den ersten Platz ein. In der Gemeinde — das Gotteshaus und im Gotteshaus die Thora. So hat; auch das bettelarme Alltagsleben lichte Punkte: die Festtage. Un;i so konzentrierte sich das Individuum in der Familie und das Familienleben in den feierlichen Farnilienereignissen. In diesen Zentrer lag das Schwergewicht der Kunsttätigkeit. Um das Feuer de Goluth-Vulkans tanzten Grazien. Keine Menschengestalten, sonderr Thorakronen, Sabatleuchter, Verlobungs- und Trauakte, Hochzeits ringe. Jüdische Grazien unter den schwarzen Panthern der Ver folgungswut. In ununterbrochenen Gereiztheiten, in der dunkle- Wirrnis harter Geschicke, hatte auch dieses Volk tiefe Schönheils rnomente. Es sog Tau und Duft, wo es nur konnte: im Osten 1111! im Westen, und alle Sonnenstrahlen leuchteten aus dem flammende Auge hervor. Nicht leerer Prunk, Liebe war es, keusche, kindliscli Liebe. Nichts Plastisch-Herausforderndes, nichts Gespreizt-Monumei: tales, nichts Schwergeladenes und Lärmendes, sondern niedlich, versteckt umhangen, verinnerlicht, schlicht-abgerundet, schüchtern angedeutet, mit tiefglühender Andacht, mystisch-schimmernd, sehr, suchtsvoll — das ist der Eindruck, den eine große Masse jüdische Kunstgegenstände macht. Schönheit blühte und sang in der jüdischen Seele. Sie sani;. wie ein verirrter Wanderer in dunkler Nacht singt, um seine Furch zu übertäuben. Denn die Furcht schlich sich überall hinein: in di Synagoge, in die Gemeindestube, in die Familie — die Furcht v >v äußeren Gewalten. Und deshalb sind alle Kunstausdrücke so sf und so innig, wie verschlossene Blumenkelche. Diese Ausstellung ist eine wunderbare Idee, und man muß di. englischen Juden zu dieser Veranstaltung beglückwünschen. Mauel glauben, die Westjuden werden dadurch auf die Ostjuden eim.n pädagogischen Einfluß ausüben. Dieses Kultur-Protzentum i ' widerlich, denn es gibt keine West- und Ostjuden, es gibt nur Juden. Der innerste Kern ist gleich, und die kulturellen Be wickelungen sind von den Lebensbedingungen abhängig. Im Gege - teil: diese Ausstellung nivelliert die sinnlosen geographischen Du; - nitionen, indem sie die Erzeugnisse aller seelischen Tätigkeiten a.; dem Kunstgebiete, aller Kulturnuancen, aller Gruppen und Individu i veranschaulicht. Es spielen hier alle denkbaren Milieu-Einfluß hinein, alle Gegensätze, alle Assimilationen, alles Zersplitterte uiü Dezentralisierte, alles Eklektische, verschiedene Pfade Tastende ur.l eben dadurch so eigentümlich Gleichmäßige — die große, wxi umspannende Diaspora! Wie die Diaspora sich schmückt, wie sie betet, wie sie le- und webt, wie sie leidet und wie sie träumt — zeigt uns die j; dische Kunstausstellung. Und darin liegt ihre Bedeutung sowi für die Juden des Ostens, wie für die Juden des Westens. Ui' ich bin sicher, sie wird mehr judaisierend als ästhetisierend wirke. N. c f□□□□□□ o * O £Ss*^ FEUILLETON □ □□□□□ O O o BILDER AUS EINER JÜDISCHEN KLEINSTADT Von INA SCHIMMER Von der Kirchturmuhr schlug es neun. Ich ging aus, um meinen allabendlichen Spaziergang zu machen. Ich liebe es, abends, wenn die Geschäfte geschlossen, die Lichter erloschen, das geräuschvolle Leben des Tages einer tiefen Ruhe Platz gemacht hat, durch das kleine, jüdische Städtchen zu streifen, um dann einem anderen, tieferen Leben zu lauschen. war erst kurze Zeit in diesem weltvergessenen Städtchen, das eingeschlossen von den waldbewachsenen Ausläufern der Karpathen und der wildfließenden Theiß wie eingebettet dalag — und wollte das jüdische Leben kennen lernen. Vor Jahren war ich wohl

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