Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 45 - — DIE] : nehr oder weniger konsequent verstanden wird. Wie schön lassen Hch doch hinter diesem Worte die Gedanken verbergen, und wie vielfach kann man es auslegen, je nach Bedarf. Ging da eben jetzt durch dieselben liberalen Blätter eine ..Geschichte Derer von Dernburg", die dafür recht charakteristisch ist. Da hieß es von dem Großvater der neuen Kolonial-Exzellenz, iier jüdischer Gemeindevorsteher in Mainz gewesen und als solcher bemüht war zu zeigen, daß die Juden „würdig seien, als vollbe- echtigte Bürger des Staates anerkannt zu werden". „Dieses Ziel", 'reißt es da, „verfolgte Dernburg mit aller Kraft und er suchte uie Glieder seiner Gemeinde so viel wie möglich mit iren andersgläubigen Mitbürgern zu assimilieren.";>ann aber fährt der Verfasser dieser sehr interessanten Skizze rt: „Aus diesem Milieu heraus findet man es begreiflich, enn D. sein inniges Anschließen an die andersgläubigen Mitürger schließlich so weit trieb, daß er sein Amt als Präses der idischen Gemeinde niederlegte und zum Christentum übertrat." . i^iter wurde er Professor der Jurisprudenz in Gießen. Und in der Kizze wird weiter erzählt: „Aber, o bittere Ironie des Schicksals, ne seine Erfolge auf dem Gebiete der Gleichmacherei der Juden LT —- 11 mit den Christen konnten es nicht fertig bringen, daß er einen gewissen jüdelnden Ton in der Vortragsweise sich ganz abgewöhnen konnte. ... Er wurde von den Studenten ausgepfiffen, und -in Gießen war seines Bleibens nicht." Also wir sehen, die Taufe ist nur eine „wohl begreifliche" Konsequenz der Assimilation, wenn sie auch nicht gleich zum Ziele führt. Der Enkel hat es aber schließlich doch erreicht. Wir wollen allerdings nicht untersuchen, wie man diesen Judenstämmling aufgenommen, als er berufen wurde, mit seinen jüdischen Fähigkeiten einen Augiasstall auszukehren. Hier sollte nur einmal darauf hingewiesen werden, daß die letzten Motive für die Bekämpfung des Zionismus bei den liberalen Zeitungen in der vor keiner Konsequenz zurückschreckenden Assimilationssucht zu suchen sind, deren letzte Ziele — Taufe und Vermischung — aber durchaus nicht den inneren Wünschen der übergroßen Mehrzahl der Leser dieser Blätter entsprechen. Diese Leser ahnen nichts davon, was für letzte Konsequenzen eigentlich gemeint sind, wenn man ihnen von „Assimilation" spricht. Es sollte darum von uns auf diese Unehrlichkeit der deutsch-jüdisch-freisinnigen Zeitungen immer wieder hingewiesen werden. Hillel. WIENER BRIEF Die Annahme der Wahlreformvorlage in dem zu dessen Beding eingesetzten Ausschusse mahnt daran, vor welchen Umv ilzungen das politische Leben in Österreich steht. Alle Völker i; d Parteien sind auf der Wacht. Nur die Juden bieten das traurige : hauspiel, daß die Wahrung ihrer Interessen in den Händen ver-! opter Feinde liegt; denn ein Straucher und ein Breiter sind der; ngen kompakten Majorität gegenüber natürlich machtlos. Die!!en haben wieder ihr altes perfides Spiel getrieben. Die Juden in chen 12 Prozent der Bevölkerung Galiziens aus; es hätten ihnen 0 von den 108 galizischen Mandaten 13 gebührt. Von diesen I. Mandaten war natürlich nie die Rede; im Gegenteil, je mehr üdate die Polen für Galizien zugestanden bekamen, um so mehr ringerten sie die Zahl der jüdischen Wahlbezirke. Ihre durchnige Politik bestand darin, in den eigentlichen polnischen liesteilen die jüdischen Mandate auf ein Minimum zu beschränken,!..-. .'gen den Juden großmütigst zu gestatten, den Ruthenen ein " Mandate abzujagen. Zwei Fliegen auf einen Schlag. Die enen wären geschwächt, und überdies eine Koalition zwischen n und Ruthenen unmöglich gemacht. Die Koalition der Juden und der Ruthenen, — eine sehr zile Sache. Die A4inoritätspolitik, die einer bewußten jüdischen itik zu Grunde liegt, einerseits, die rücksichtslose Ausbeutung Hegemoniestellung durch die Polen anderseits, würden dafür ochen. Wenn man aber z. B. manche Blätter der „Ruthenischen, .1 Uskrainischen Revue" liest, wenn man* sich der Haltung issilkos anläßlich der Reform des Bukowinaer Landtagswahlvhtes erinnert, und aus jüngster Zeit den schnöden Verrat der rether Ruthenen unter Leitung des Herrn v. Mogelnicki sich ins odächtnis ruft, oder wenn man mit einem Blicke die eiskalte, nau berechnende Haltung der Ruthenen während der ganzen ktion überfliegt, so hat die Allianz der Juden mit den. Ruthenen si licet, parva componere magnis — eine gewisse Ähnlichkeit 1 der Allianz zwischen Österreich und Italien. Jedenfalls werden Ruthenen gut tun, wenn ein wärmerer Ton in die Allianz einen soll, ihre Haltung etwas zu revidieren. Gedruckte oder gesehene Sympathien sind billig wie Brombeeren. Taten beisen. Die Juden aber müssen stets gewappnet sein, sich im nstfalle auf ihre eigene Kraft zu verlassen. Können wir uns aber auf uns verlassen? Das ist die Frage. Diese Frage, diese Judenfrage enthüllt eben das ganze Elend miserer Situation. Wenn wir uns auf uns verlassen könnten, dann bänden wir in Österreich ganz anders da. Wir konnten uns aber :)is jetzt nicht auf uns, das heißt auf unsere Führer verlassen. In Hillen möglichen Lagern liebedienern und katzenbuckeln sie, glücklich, wenn für sie" ein Brosamen abfällt. Das jüdische Volk, die jüdischen Interessen sind ihnen eine unbekannte Größe, oder gar c-m Faktor, der bekämpft werden muß. Irre ich mich nicht? Sind denn nicht alle jüdischen Blätter, gleichviel welcher Richtung, voll von dem Gedanken der „Wahrung jüdischer Interessen", von dem Kampfe für das jüdische Volk? Sprenkeln für die Amseln! Es ist noch nicht lange her, daß dieselben Herren mit derselben Emphase uns belehrten, daß es ein Unglück sei, wenn man vom jüdischen Volke spreche; es gebe kein jüdisches Volk, es gebe keine jüdischen Interessen; es gebe nur allgemein menschliche Interessen. Das war die Zeit, als die Herren noch warm auf den kurulischen Stühlen im liberalen Lager saßen. Dann komplimentierte man diese Herren unsanft aus allen „allgemein-menschlichen" Ehrenstellen heraus. Zürnend und grollend versicherten sie, daß sie sich in das Privatleben zurückziehen wollten. Hätten sie doch ihre Drohung erfüllt j Aber leider besannen sie sich plötzlich, daß sie, wenn auch in letzter Linie, Juden seien. (Einer dieser Herren, und wahrlich nicht der schlechteste unter ihnen, kandidierte vor Jahren in Wien in folgender Weise: In erster Linie bin ich Deutscher, in zweiter Österreicher, und in dritter und letzter Linie Jude. Aber auch das rettete ihn nicht — etwa vor dem Durchfalle, - nein, vor der Ablehnung durch das liberale Wahlkomitee). Sie flüchteten sich zum Judentum, das sie zeitlebens für ein Linsengericht verkauft hatten. Der deutsche Liberalismus flüchtete, rettete sich in seine letzte Zufluchtsstätte, in die jüdische Kultusgemeinde. Und auf einmal entdeckten diese Herren, daß es jüdische Interessen, daß es ein jüdisches Volk gebe, entdeckten alles, was sie zeitlebens geleugnet hatten. Und die Juden glauben diesen liberalen Wölfen im jüdischen Schafspelz. Noch immer aber seufzen und träumen diese reuigen Sünder von verklungener Herrlichkeit. Ihr Herz weiß noch immer nichts vom jüdischen Volke. Und solange die Männer dieser unjüdischen Vergangenheit und liberalen Reminiszenzen an der Spitze der jüdischen Gemeinden stehen, kann es nicht besser werden. Denn — um es trocken zu sagen — diesen Herren ist die jüdische Gemeinde nur eine letzte Zuflucht für ihre abgetakelten Ideen, eine politische Altersversorgung. Die Pflicht des jüdischen Publizisten beschränkt sich also nicht darauf, die jüdischen Chancen in den verschiedenen Wahlbezirken zu erwägen. Was sagt es denn im Grunde, wenn wir konstatieren, daß es in Galizien, selbst nach der polnischen vernewerten Wahlkreiseinteilung sieben Bezirke mit jüdischer absoluter Majorität, und zwei bis drei mit relativer Majorität gibt? Bestand doch schon nach dem alten Wahlrecht die theoretische Möglichkeit für die Juden, aus einzelnen galizischen Städten und Handelskammern Juden in den Reichsrat und den Landtag zu entsenden. Wie machten sie aber von dieser Möglichkeit Gebrauch? Sie entsandten Polen katholischer oder mosaischer Konfession ins Parlament, aber keine Juden. Da muß der Hebel angesetzt werden. Die Juden müssen sich endlich, wenn auch zuletzt unter den österreichischen Völkern, darauf besinnen, nackensteife Vertreter ihrer Interessen zu entsenden. Und wenn es auch nur wenige sein können, das jüdische Volk wird sich endlich die Tribüne erobert haben, es wird endlich wenigstens vor der großen Öffentlichkeit sagen können, was es leidet. L. B. J.