Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316232--48698-3343638- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der Bibel, ob es auch vielleicht den Juden als Menschen nicht ganz unbefangen gegenübersteht, hat stets Wert darauf gelegt, denu Jüdischen, soweit es sich als religiöses, als ethisches, als geistiges Gut repräsentiert, Achtung entgegenzubringen. Darin mögen die englischen Juden einen starken Rückhalt haben. Jedenfalls, welches immer die Erklärungen dafür sind, es steht fest, daß man jetzt in England und Amerika vielfach Anstrengungen macht, das jüdische Kulturleben kennen zu lernen und zu fördern. Auch die Tatsache, daß die anglisierten Juden sich den osteuropäischen Immigranten zu nähern oder sie an sich heranzuziehen sucherr gehört mehr ins kulturelle als ins gesellschaftlich-politische Gebiet. Und bei uns? Wir sprechen schon nicht von Rußland, wo zurzeit alles zerbrochen und geknickt ist. Aber z. B. Deutschland und Österreich. Man hat hier vor Jahren damit begonnen, der nationalen Kultur Pflegestätten zu errichten, den inneren, den künstlerischen Zusammenhang zwischen Ost und West herzustellen. Die Mühe einzelner blieb ohne rechten Nachhall. Es gelang nicht, einen großen Kreis von Mitstrebern heranzuziehen, geschweige denn die — leider bei allen Dingen unentbehrlichen — materiellen Grundlagen zu sichern.. Es ging natürlich eine Wirkung von diesen Arbeiten aus, — aber das alles war gezwungen, man möchte sagen, ohne Liebe. Lag es daran, daß sogar viele der Nationalen unter den deutschen Juden die deutsche Kultur als ihr rechtmäßiges und einziges Stammland ansahen? Oder daran, daß materielle Opferwilligkeit hierzulande von vornherein seltener ist? Sicher waren diese Gründe ausschlaggebend, aber es gibt noch andere. Und es ist wert, daß ein andermal ausführlicher darüber gesprochen werde. Daß vielleicht auch der Versuch gemacht werde, durch Zusammenfassung aller, die der Pflege der geistigen Güter des Judentums sich widmen wollen, von neuem das Säen und Pflanzen zu beginnen. In Amerika gibt's ein reges Planen und Gründen, so gut man kann, in London eifert man nach, an großen deutschen Bühnen wird man bald der dramatischen Kunst ostjüdischer Dichter eine* Heimstätte eröffnen, — und uns sollte all dieses Gut, das ganze nationale Kulturleben nichts sein? Deutsche Blätter bringen eine Drahtnachricht aus Rußland, die, wenn sie sich'als richtig erweisen sollte, ein Meisterstück diabolischer Bin neuer Streich Stolypins Verschlagenheit darstellen würde, wie es selbst der russischen Rt gierung selten gelingt. Das russische Ministerium des Innern, s;> heißt es, arbeitet einen Gesetzentwurf aus, nach dem jüdisch Freiwillige, statt die Wehrpflicht zu erfüllen, eine bestimmte Abgabe entrichten. Wenn das einer so liest, der von dem Glaubensartikel; „Ha, welche Lust, Soldat zu sein!" gerade nicht durchdrungen ist so könnte er vielleicht schmunzelnd eine kurze Antwort daran! finden: „Desto besser! So werden denn die Juden auf das Vergnügen verzichten müssen, einer Regierung von Henkern Soldatendienst zu leisten, zu einer Kompagnie vereinigt zu sein mit Kameraden, die vielleicht vor kurzem Juden niedergeknallt haben oder eben Pogromproklamationen verbreiten." Aber die Sache verträgt leider eine so derbe Geradheit nicht. Denn erstens sind die Völker noch lange nicht so antimilitärisch, um ohneweiteres die Staatsbürgerehre von der Wehrpflicht loszulösen, und zum zweiten ist die russische Regierung, die Zehntausende Juden nach Ostasien in die Vordertreffen, die fast nur jüdische Militärärzte auf den Kriegsschauplatz entsandt hat, durchaus nicht so sentimental - human, den Juden die Unannehmlichkeiten des gegenwärtigen russischen Militärdienstes zu ersparen. Das Kalkül der feinen Herren in den Ministerfauteuils ist vielmehr folgendes: Die jüdischen Freiwilligen sind Leute von Intelligen?:. Es könnte leicht geschehen, daß sie von den Leitern der russischen Geschicke in den Kasernen Dinge erzählen, von denen sich die Bauernschädel der Iwans und Pietrs bisher nicht träumen ließen. Diese Unbequemlichkeit schaffen wir hübsch aus dem Wege, indem wir dafür noch jüdisches Geld einheimsen. Und dann auf denselben Schlag noch ein paar Fliegen. Aus dem post hoc konstruiert mir leicht ein propter hoc: da die Juden keinen Heeresdienst leisten so sind sie auch nur Staatsbürger zweiter Klasse. Und erzählt Gladem Volke, dem man auch nicht verschweigt, daß die Juden sie! für Geld loskaufen können, während der arme Bauer für den Jude-;: frohnen muß. Und leistet so geschickt dem Märchen Vorschuß daß das jüdische Geld alles beherrsche, alles verderbe . . . Um' veranstaltet schließlich, bis die Saat reif geworden, Pogrome a! „Entladungen der Volksleidenschaft". Ein teuflisches Stück, ein echter Stolypin . . . Vom deutschen Liberalismus und der „Assimilation" Am 2. Februar 1901 zitierte die „Welt" aus einem deutschliberalen Blatte die einem langen gegen den Zionismus und das Nationaljudentum gerichteten Leitartikel entnommene Schlußbetrachtung, die also lautete: „Jedenfalls wird es sich verlohnen, diese starken zionistischen Strömungen in der jüdischen Bevölkerung im Auge zu behalten"...... Jahre sind seitdem ins Land gegangen. Die Geschichte der Juden ist um einige recht traurige Kapitel vermehrt worden, von denen auch jenes liberale Blatt berichtete. Aber es hat aus ihnen nichts gelernt. Es hat sogar, wie der Augenschein lehrt, inzwischen vergessen, jene „starken Strömungen in der jüdischen Bevölkerung", wie es sich das vor fünf Jahren vorgenommen hatte, „im Auge zu behalten". Mit anderen deutschen liberalen Zeitungen druckte es kürzlich einen uns schon seit Jahren bekannten Brief Eduard v. Hartmanns ab, worin dieser Philosoph sich gegen den Zionismus ausspricht. Als ob damit etwas bewiesen wäre! . . . Von allem andern abgesehen, ist es wohl sicher, daß derselbe Hartmann, auch über den Liberalismus der deutsch-jüdischen Presse angefragt, sich über diesen wahrscheinlich noch viel abfälliger geäußert hätte, was aber die betreffenden Blätter gewiß nicht veranlaßt hätte, prompt ihren Betrieb einzustellen. Eines dieser Organe der öffentlichen Meinung wurde auf die absolute Haltlosigkeit derartiger Veröffentlichungen hingewiesen und um die Aufnahme von Gegenerklärungen gebeten. Das wurde natürlich abgelehnt. Und als Begründung schrieb die Redaktion: „Die „.......Zeitung" ist bestrebt, die Gegensätze zu versöhnen, nicht aber zu verschärfen oder die Bildung neuer Gegensätze zu begünstigen. Uns erscheint die Bildung der Menschen, nicht die Bildung von Konfessionen das Wichtigere." Wie großartig das klingt, welch ein Paradehieb aber leider ganz daneben! Dazu muß man wissen, daß das dl* Redaktion eines Blattes schreibt, das einem orthodoxen Juden gehört. Und diese Antwort wurde gegeben auf den Hinweis „daß Assimilierungsbestrebungen zu einem tatsächlichen Erfolg eiv: dann — und auch dann nur vielleicht — führen werden, wen:; sie mit aller Konsequenz durchgeführt werden, d. h. also am letzten Ende durch Mischehe und Oberführung der Kinder zur; Christentum. Es gäbe schließlich nur diese Konsequenz oder - den Zionismus". Die Redaktion jener Zeitung ist sich ja woh; klar über diese Konsequenz, und mit allen andern Redaktionen deutscher liberaler Blätter ist sie sicher einig über die am Scheidewege einzuschlagende Richtung. Aber die Leser dieser Blätter sind zu neun Zehntel, das können wir ohne Übertreibung sagen absolut anderer Anschauung und haben keine blasse Ahnung, wie man in den Redaktionen ihrer Leiborgane über diese Dinge denkt, die ihnen heilig sind, und was die Redaktion veranlaßt hat und noch immer veranlaßt, gegen eine Bewegung wie den Zionismus Front zu machen. Die jüdischen Leser der liberalen Blätter ahnen nicht, welches die Motive sind, die die Redaktionen bewegen ihnen kein objektives Bild vom Zionismus zu geben, warum diu Redaktionen es verhüten wollen, daß sich die Leser vielleicht selbst eine eigene Meinung vom Zionismus bilden, und weshalb alle möglichen Märchen vom Zionismus immer wieder ausgegraben und mehr oder weniger schmackhaft gemacht ihnen vorgesetzt werden. Ein besonders arger Mißbrauch wird, so will es mir scheinen, mit dem Worte „Assimilation" getrieben, das an sich einen sehr dehnbaren Begriff darstellt, und das ganz etwas anderes ist, je nachdem es