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Die Welt · 1906-11-09 · 45 (9.11.1906) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 45 '---D'IEÄELT — , -= 9 Indem der Parteitag gegen diesen von den polnischen Schlachzizen unternommenen Anschlag auf das entschiedenste Protest erhebt, fordert er die Juden auf, angesichts der bevorstehenden Entscheidung im Parlament sofort überall Protestkundgebungen zu veranstalten und Regierung und Parlament zu zeigen, daß wir entschlossen sind, uns nicht zu ohnmächtigen Minoritäten und zu Kammerknechten der verschiedenen Nationen und Parteien herabürücken zu lassen. 2. Der Parteitag erklärt, daß bei den Parlaments wählen in den wenigen jüdischen Wahlkreisen nur solche Kandidaten zu unterstützen seien, welche sich bereit erklären, für die Gleichberechtigung der jüdischen Nation und deren nationale Autonomie einzutreten. Gegner dieser Postulate, gleichgültig welcher Partei sie auch angehören, sind auf das entschiedenste zu bekämpfen. 3. Außerhalb der jüdischen Wahlkreise wird die poalezionstische Partei gemäß der auf dem früheren Parteitag aufgestellten These, daß alle Aktionen der Sozialdemokratie zu unterstützen seien, durch welche die Interessen des jüdischen Proletariats keine Einbuße erleiden, für die sozialdemokratischen Kandidaten eintreten. Resolution Schußheim. I. Die Kultusgemeinden sind Überreste der einstigen nationalen Gemeinde-Autonomie, die dank der Politik der assimilatorischen jüdischen Bourgeoisie zu israelitischkirchlichen Institutionen herabgesunken sind, welche zum Schaden der Volksmassen den egoistischen Klasseninteressen der jüdischen Bourgeoisie dienen. Der Parteitag fordert die Parteileitung auf, die Kahalscliquen überall und auf das Schärfste zu bekämpfen. II. Die Parteileitung wird aufgefordert, einen energischen Kampf um das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht zu den Kultusgemeinden einzuleiten, denn nur eine auf modernem Wahlrecht aufgebaute Gemeindevertretung kann aus den mosaisch-kirchlichen Kultusgemeinden jüdische Volksinstitutionen mit nationalautonomen Tendenzen schaffen. III. In diesem Kampfe kann die Partei mit anderen jüdischen, wahrhaft demokratischen Parteien zusammengehen, insbesondere mit der politischen Partei der Zionisten Österreichs. (Schluß folgt.) POLITISCHE REVUE =^Ss= Wir haben in der letzten iMe Nationalitätsklausel gestattet mt mm Qelegenheit ge. habt, festzustellen, wie das national-jüdische Prinzip sich im öffentlichen Leben,, in der politischen und der Verwaltungspraxis durchzusetzen beginnt. Heute können wir abermals einen neuen und Icht unwichtigen Fortschritt verzeichnen, der insbesondere von en in Österreich um die Anerkennung der jüdischen Nationalität I impfenden Akademikern mitberechtigter Freude begrüßt werden wird. Auf dem schwarzen Brett des Rektorates der Universität Czernov itz ist vor einigen Tagen nachstehende Kundmachung affichiert ' orden: „Der akademische Senat hat in seiner Sitzung vom 29. v. Mts. „beschlossen, den Studenten zu gestatten, neben der im „Nationale" „geförderten Angabe der Muttersprache auch ihre Nationalität „zu vermerken. Dieser Vermerk wird im statistischen „Ausweise annierkungs wei se berücksichtigt werden. „Der Beschluß tritt mit dem Sornmersemester 1907 in „Kraft, wofern nicht bis dahin eine definitive Regelung des „Rubrikenthemas seitens des Ministeriums für K. und U. erfolgt „sein wird. Hiervon werden die Herren Studierenden in Kenntnis „gesetzt. Ehrlich, dzt. Rektor." Diese Kundmachung" ist direkt auf die nationaljüdischen Uidenten zugeschnitten. Bei allen anderen Nationen ist die Anibe der Muttersprache zugleich das unzweifelhafte Bekenntnis er Angehörigkeit zur betreffenden Nation. Nur der jüdische Student, der Polnisch, Deutsch, Rüthenisch usw. als Muttersprache spricht, kam dadurch in die peinliche Situation, nunmehr der polnischen, deutschen, ruthenischen usw. Nationalität zugezählt zu •vorden. Es ist ein besonderes Verdienst unseres Gesinnungsgenossen -on Kellner, (der Professor an der Czernowitzer Universität ist), ■ * diesem Dilemmaeinen Ausweg ersonnen und vorgeschlagen zu haben, der nunmehr auch die Approbation des Senates der l'Vancisco-Josefina-Universität gefunden hat. Die jüdischen Akademiker haben demnach das Recht, in die Rubrik „Muttersprache44 der diesbezüglichen Angabe noch die Klausel „Jüdischer Nationalität" zuzufügen. Vor einiger Zeit schrieb Professor Leon Kellner am Schlüsse eines Artikels,- den er der hier behandelten Frage widmete: „Ich fasse zusammen; Die Klage der jüdisch-nationalen Studenten ist in ihrem Wesen vollkommen begründet: Wenn man sie zwingt, Deutsch" als Muttersprache anzugeben, ohne ihnen ein Merkmal zu gestatten, durch das ihre Eigenart den christlichen Deutschen gegenüber zum Ausdruck kommt, also etwa „Deutsch (jüdischer Nationalität)",' so drärigrmän sie mutwillig in eine schiefe, zweideutige, unwürdige Lage, bei der weder die Studenten noch die akademischen Behörden sich wohl fühlen können. Was aber hat zu geschehen, wenn die jüdisch-nationalen Studenten keine Abhilfe finden? Darauf kann man ihnen nur die alte Antwort geben, die der zionistische Gedanke auf die Judenfrage überhaupt gibt: Strebt dem großen Ziele zu, das euch gründlich aus allen schiefen Lagen, Zweideutigkeiten und Bedrückungen befreien wird. Jeder andere Weg führt in den politischen Sumpf oder ins Ghetto zurück ..." Nun hat Prof. Kellner die Genugtuung, daß sich bald, nachdem dies geschrieben worden, der gerade, ehrliche Geist siegreich bewährt hat. Und es ist kein Zweifel, daß dem Beispiele der Francisco-Josefina-Universität bald auch die meisten anderen Hochschulen sich anschließen werden. Und so ist wieder ein Grundstein mehr für unser Gebäude der Wahrheit und Freiheit gelegt worden. Die englisch sprechenjüdische Kunstaussteilung in London den Juden die sich schon des großen Werkes der „Jevvish Encyklopedia" rühmen dürfen, sind uns vom Kontinent wieder um etwas voraus: In London wurde eine jüdische Kunstausstellung, die erste dieser Art, eröffnet. Wir freuen uns herzlich darüber, zumal dieser erste Versuch nach allen Berichten voll geglückt ist. Wir freuen uns und können doch etwas wie ein Gefühl des Neides nicht unterdrücken. Wir erinnern uns daran, daß so viele ost- und westeuropäische jüdische Gelehrte und Fachleute an der „Jewish Encyklopedia" mitarbeiteten, daß der größere Teil der Artikel erst ins Englische übersetzt werden mußte, und daß dennoch dieses grandiose Werk nur in englischer Sprache erscheinen konnte. Wir denken daran, daß die Bemühungen, die Werte jüdischer Kunst zu sammeln, sie als nationales Kulturgut den Juden vorzuführen, von Deutschland ausgingen — und doch findet die erste jüdische Kunstausstellung in London statt. Wir fragen uns nach den Gründen, warum in England und Amerika der Samen, den sie sich von hier geholt haben, zur Frucht reift, während bei uns die Pflänzchen verkümmern und verdorren. Gewiß haben englische und amerikanische Juden von ihren Landsleuten die technische Fähigkeit und Beharrlichkeit erlernt, gewiß auch sind sie verhältnismäßig reicher an Mitteln. Aber das allein ist es nicht, kann es nicht sein. Wenn wir gerecht sein wollen, so müssen wir sagen, daß die Juden jenseits des Ärmelkanals und des großen Meeres, mögen sie noch so sehr anglisiert oder amerikanisiert sein, mögen sie auch sonst zu den jüdischen Dingen und Menschen nur oberflächliche Beziehungen haben, doch im Tiefsten einen — vielen vielleicht unbewußten — Rassenstolz iu sich tragen, der insbesondere in der Wertschätzung und Pflege geistiger Güter des Judentums durchzuschlagen pflegt. Es kann sein, daß auch hier die Juden so gut sind, wie die Nichtjuden des Landes. Das Volk

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