Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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gierungen, die den Juden helfen, auch ihren politischen Nutzen davon haben. Sie würden ihn haben. Denn in der Politik sind es doch die Ehrlichkeit und das natürliche Interesse, die zum Schluß siegreich bleiben. Diese Theorie, die. dem politischen Zionismus zugrunde liegt, bemüht sich die Alliance zu brechen und durch die verlogene Assimilationstheorie zu ersetzen. Algerien ist eine Frucht davon, Marokko die zweite. Hoffen wir wenigstens, daß die Deutsche Konferenzgemeinschaft nicht auf den wiederholt hingeworfenen Köder anbei!! und die Pariser Alliance nicht auf deutsch kopiert, dal sie vielmehr sich bemüht, der deutschen Regierung kla* zu machen, daß der die Juden zu wahren Freunde; haben wird, der, dem großen Zuge im jüdischen Voll selbst folgend, ihnen mithilft, Juden zu bleiben. Qerad bei Deutschland tut diese Aufklärung besonders 1101 Vielleicht wird es so lernen, das jüdische Volk zi achten. F. SPEZIALBERICHT UBER DEN III. PARTEITAG DER POALE-ZION ÖSTERREICHS (Fortsetzung.) Dritter Tag. Vormittagssitzung. L. Schuß heim legt in Abwesenheit des Referenten, Herrn Groß (Wien), dessen Referat über Taktik vor: Als ganz am Schlüsse des letzten Parteitages eine von Gg. Meiseis eingebrachte Resolution angenommen wurde, welche die Poale-Zion auch in innerpolitischen Fragen, Parlament, Landtag sowie auch Kultusgemeinde betreffend, zu einer selbständigen Partei erklärt und zu diesbezüglichen Aktionen verpflichtet, da ahnte wohl niemand, vielleicht auch der Antragsteller selbst nicht, daß wir so rasch in die Lage kommen würden, aus dieser Resolution praktische Konsequenzen abzuleiten. Die Aufwerfung dieser Frage erschien damals überhaupt noch unzeitgemäß. In bezug auf die österreichische Politik schien die auf dem I. und IL Parteitag beschlossene These, wonach die poalezionistische Organisation alle Aktionen der Sozialdemokratie zu unterstützen habe, „durch die die Interessen des jüdischen Proletariats eine Förderung erfahren", vollständig hinreichend und der damaligen Situation viel angemessener. Denn wenn wir auch der Sozialdemokratie insolange nicht beitreten können, als uns nicht volle politische und gewerkschaftliche Autonomie und die Gewähr gegeben wird, daß wir an der Lösung der Judenfrage durch den Zionismus mitarbeiten können, so konnten wir doch die politischen Bestrebungen der Sozialdemokratie im übrigen unterstützen. Das galt sowohl bezüglich des Wahlrechtskampfes als auch in sozialpolitischer Hinsicht. Selbständige Aktionen schienen daher grund- und zwecklos. Eine Ausnahme machte zu jener Zeit nur die sozialdemokratische Forderung nach voller Sonntagsruhe in Galizien und der Bukowina, durch die die Interessen des jüdischen Proletariats gewiß keine Förderung erfahren. Und was unsere Stellung zur Kultusgemeinde betrifft, so wußten wir deren Wichtigkeit wohl schon lange zu würdigen. Zu einer selbständigen Aktion unserseits hielten wir jedoch auch hier die Zeit noch nicht für gekommen. Aber was wir aus inneren Gründen noch nicht für aktuell hielten, das hat seither eine äußere Umwälzung zu einer brennenden Frage für uns gemacht, die uns zu einer selbständigen politischen Aktion genötigt und nunmehr zu einer Feststellung unserer Taktik in dieser Frage veranlaßt. Wir sind eben im Golus und solange das der Fall sein wird, wird die Entwicklung der Juden stets mehr von äußeren als inneren Momenten bestimmt werden. Österreich, das Land der Unwahrscheinlichkeiten, hat im letzten Jahre die größte Unwahrscheinlichkeit zur Tatsache gemacht. Am 28. November v. J. hat der konservative Repräsentant der zentralistischen Bureaukratie, der Minister Gautsch, der aufhorchenden Welt erklärt: Österreich soll nicht nur ein allgemeines und gleiches Wahlrecht erhalten, sondern durch die neue Wahlreform soll der nationalen Autonomie eine Zukunft eröffnet werden! Mit dieser Erklärung hatte die Regierung ein Programm entwickelt, das selbst den Radikalsten eine Überraschung brachte. Jahrzehnte lang mußte man für eine demokratische Reform wie das gleiche Wahlrecht kämpfen, und nun soll Österreich nicht nur auf demokratischer, sondern auf national-autonomer Grundlage sozusagen neu aufgebaut werden! Es wäre interessant, den Ursachen dieses plötzlichen Umschwunges in den oberen Regionen nachzugehen. Es würde sich dann zeigen, daß neben dem glorreichen Wahlrechtskampfe des Proletariats noch andere Faktoren den radikalen Reformeifer der Regierung bewirkt haben. Für uns genügt die Tatsache, daß di Regierung den Entschluß gefaßt hatte, mit der Wahlreform zugleich eine Lösung der nationalen Fragen in Österreich auf national autonomer Grundlage anzubahnen. Kaum war die letztere Tendenz zu Tage getreten, so ward di. Leitung unserer Organisation sich dessen bewußt, daß nunmehr du Zeit zu einer Aktion gekommen ist, die in der Meiseischen Re Solution ihren Ausdruck fand. Es wurde uns klar, daß wir iv das allgemeine Wahlrecht auch weiterhin an der Seite der übrige: Proletarier kämpfen müssen, aber auch, daß wir nicht gleich de; anderen uns darauf verlassen können und dürfen, daß auch unsere Bourgeoisie unsere nationalen Rechte gewähren wird. W haben darum selbst und als die Ersten' den Kampf für ei: „nationale Sondervertretung der österreichischen Juden im P:< lamente" eröffnet und angesichts der obigen Erklärung der R. gierung die nationale Autonomie auch für die Juden gefordert Es wird ein Ruhmesblatt in der Geschichte der österreichische Poale-Zion sein, daß sie in einem für die Gleichberechtigung ti: jüdischen Nationalität entscheidenden Augenblick als die Ersten a; Kampfplatz erschienen waren. Leider hat die Plötzlichkeit, mit der das nationale Problem abgerollt worden war, uns nicht viel Zeit zu theoretischen Auseinand j Setzungen gelassen. Die Folge war, daß manche Gesinnungsgenossen über die Begriffe: nationale oder kulturelle Autonomie nationale Kurie, nationale Wahlkreise, Anerkennung der jüdisch. Nationalität sich nicht ganz im Klaren waren. Mehr als einm;. wurden Zweck und Mittel, Ziel und Weg mit einander verwechsol Da wir aber noch immer erst am Beginn einer großen Entwickln;;, stehen und die erste Voraussetzung eines erfolgreichen Kampfe die ist, daß man weiß, um was gekämpft wird, so müssen wi uns vor allem über das Ziel, das ist die nationale Autonomie Rechenschaft geben. Was bedeutet eigentlich „nationale Autonomie"? Wörthc' genommen, wohl daß die Nationen ihre Angelegenheiten selb, d. i. autonom verwalten. Fragt sich nun, sind unter Angelegenheiten bloß kulturelle oder auch wirtschaftliche gemeint? Weiten- Beschränkt sich die nationale Autonomie bloß auf bestimmte (' biete, oder umfaßt sie alle Volksgenossen im ganzen Reiche oi i; Rücksicht auf das Territorium?. Wenn wir uns nach einem Beispiel eines auf Grund der n: tionalen Autonomie organisierten Staatswesens umschauen, so weni wir keines finden. Die Lösung dieses Problems scheint von ci Geschichte internationalen Staaten, wie Österreich und vielleid auch Rußland vorbehalten zu sein. Nur die katholische Kirchalso eine religiöse Organisation, sieht von jedem Territorium;h Ein zweites Beispiel wäre die österreichische Sozialdemokratie, die ah. eine nationale Autonomie bis jetzt nur in der politischen, nicht ahn in der wirtschaftlichen Organisation statuiert hat. Erst in leüiv-r Zeit haben die tschechischen Sozialdemokraten die Forderung nac einer nationalen Autonomie in der Gewerkschaft erhoben, der gestalt, daß, wenn z. B. in Wien in einer Organisation 30 Tscheche! vorhanden sind, diese eine tschechische Ortsgruppe zu bilden haben die der Prager Gewerkschaftskommission unterstehen soll. Die Art aber, wie die nationale Autonomie im österr. Stan ibeschaffen sein soll, darüber hat sich bis jetzt weder Regienmu noch Parlament geäußert. Nur eine Partei hat für ein aus den' allgemeinen Wahlrecht hervorzugehendes demokratisches Parlament bereits einProgramm fürdie national Autonomie aufgestellt. j