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Die Welt · 1906-11-09 · 45 (9.11.1906) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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bisher für ihre Glaubensgenossen in Marokko arbeiten, aber unabhängig von der Alliance Israelite. Den Juden Marokkos soll nichts von den Vorteilen, die sie bisher genossen haben, verkümmert werden. Im Gegenteil, ich bin überzeugt, daß sie seitens der deutschen Judenheit, die sich das Ziel setzen sollte, das Werk der französischen Alliance durch das Werk eines unabhängigen deutschen Vereins zu übertreffen, nur größerer Unterstützung teilhaftig werden, wenn die deutschen Juden wissen, daß sie, indem sie ihre Glaubensgenossen unterstützen, nicht zugleich ein national-französisches und unter Umständen antideutsches Werk fördern. Wenn die Alliance IsraeJite französische, unter Umständen chauvinistische Politik betreibt, so begeht sie damit ein Unrecht gegen diejenigen ihrer Geldgeber, die keine Franzosen sind, und ebenso gegen die Juden, die ohne Rücksicht auf ihre besondern Verhältnisse und Bedürfnisse im französischen Geiste erzogen werden. Von einem deutschen Verein würde keine Politik des Chauvinismus gefördert werden, und die von uns gedachte jüdische Vereinigung würde nach unserer Auffassung sich vielmehr von dem Grundsatze leiten lassen müssen, daß sie nur dort mit ihren Kräften für deutsche Schulen eintritt, wo sich im Interesse der Juden selbst das Bedürfnis für deutsche Schulen ergeben sollte. Die Anglo-Jewish Association ist seinerzeit ebenfalls lediglich aus der Alliance ausgetreten, weil diese lediglich französische und in besonderen Fällen anti-englische Geschäfte besorgte. ..." Endlich berührt der Verfasser das Mißverhältnis / wischen den Beiträgen, die der Alliance aus Deutschland zufließen, und den Aufwendungen, die sie für deutschen Unterricht machen, um mit der emphatischen AiirufungDonCaballeros als Bundesgenossen (wenigstens Legen die französische Alliance) zu schließen. Wenn so einer von den bejammernswerten jüdischen Sklaven da unten in Marokko, die, wie die Alliance h richtet, ihr „Leben dadurch verlängern, daß sie in d en Getreideschobern einige verlorene Getreidekörner e sammenlesen oder ihren Hunger mit Kamelmist stillen wenn ein solcher Jude erführe, wie hoch man in 1 iropa seine und seiner Brüder Freundschaft bewertet, i würde ihm wohl so gehen wie dem guten Bonzen > hweig in der Perez'schen Erzählung, der's nicht glauben v. .»Ute, daß er, der arme Teufel auf Erden, der Geteerte im Himmel sein könne. Freilich, wenn er sich enließlich ähnlich dem braven Bonzen ein Stückchen i ot, französisches, deutsches oder spanisches, an jedem e orgen erbäte — da käme er schlecht an. Auf Erden i man nicht so freigebig. Doch lassen wir den traurigen Scherz! Wir wissen, '!,) Politik keine Sache der Sentimentalität, der reinen 1 erzensgüte ist. Und wir verstehen es ganz gut, wenn d e in Marokko interessierten Mächte jedes Mittel aussetzen wollen, ihre Position zu stärken, und wenn jede 1 e der wechselseitigen heißen Rivalität sich bemüht, e politischen Trümpfe den andern zu entreißen und die eigenen Hände zu bekommen. Wir wundern auch nicht darüber, wenn man bei diesem politischen piel sehr bald darauf gekommen ist, wie ausnutzungsehig gerade die Juden Marokkos sein könnten. Wir verstehen also die kalten Schachzüge der Politik. Venn wir sie in diesem Falle aber besonders häßlich iuid unangenehm empfinden, so ist es, weil in diesem Spiele von Marokko alles vom Geiste der Unehrlichkeit und Heuchelei durchsetzt ist. Spanien, das vieledle Spanien Isabellens und Tor- 'l'iemadas, erinnert sich mit einem Male seiner Söhne, (Jer Träger seiner „Sprache", rechnet es sich als Besitztitel an, daß die Juden dem Lande, das sie vertrieben, noch in Gewohnheiten und Sprache eine Treue über Jahrhunderte hinaus bewahrt haben. Und Deutschland! Der offiziöse Diplomat ist ganz entrüstet über den Versuch Frankreichs, Deutschland bei den Juden Marokkos und der ganzen Welt zu diskreditieren. Welch feinfühlige Besorgnis! Schade nur, daß sie in demselben Blatte geäußert wird, in dem die grausamen Massenausweisungen der armen russischen Juden mit brutaler Nüchternheit als selbstverständlich gebotene Maßregel verteidigt wurden. Wo war denn damals das Schamgefühl Deutschlands vor diesen Juden und den Juden der ganzen Welt? Welches Recht leitet dieses Deutschland, das den Ruhm hat, den armen Juden glattweg als „Schnorrer und Verschwörer" qualifiziert zu haben, das von allen Ländern der Welt vielleicht die schärfsten Ausschließungsmaßregeln gegen die russisch-jüdischen Emigranten verfügt hat, welches Recht leitet es aus seinem Verhältnis zu den Juden ab, nunmehr im Norden Afrikas die Segnungen seiner Kultur marokkanischen Juden aufpfropfen zu dürfen, die seine Sprache nie gehört haben? Oberflächliche Beobachter der russischen Juden, die die jüdische Sprache für schlechtes Deutsch hielten, haben geglaubt feststellen zu können, wie sehr diese Juden das Deutschtum in Rußland stärken. Sicher ist das trotz der erwähnten philologischen Verwechslung auch bis zu einem gewissen Grade wahr. Die russischen Juden haben die deutsche Sprache als Handelssprache, den deutschen Markt als Bezugsgebiet weit vor den anderen bevorzugt. Und der Lohn dafür? Verachtung, Ausweisung, Schub. Und nun verlangt man ernsthaft, daß deutsche Juden, die die deutsche Intoleranz gegen das Judentum täglich am eigenen Leibe fühlen, als „Patrioten" sich dafür begeistern sollen, eine deutschjüdische Generation, eine Hetzgeneration gegen Frankreich groß zu ziehen. Und das ist die zweite und noch größere Häßlichkeit in dem ganzen Handel, daß man die „Glaubensgenossen" diesseits und jenseits des Rheines gegen einander ausspielen will, indem man sie mit der patriotischen Peitsche antreibt. Tust du's nicht, so bist du der internationale, der unpatriotische Jude — verstehst du wohl? Ein erbärmliches Schauspiel. Und das Traurigste, daß die Juden selbst daran Schuld sind, daß man mit ihnen in Nord und Süd wie mit Marionetten zu spielen sich erlaubt. Es ist schon oft gesagt und bewiesen worden und kann daher hier nur nochmals kurz festgestellt werden: Die Alliance hat den Geist Cremieux, verleugnet, sie hat ihren Sinn, eine allgemein-jüdische Organisation zu sein, von Grund aus verfälscht; sie ist zu einem Werkzeug französischer Assimilationspolitik geworden und ist in Gefahr, in Teile zu zerfallen, die ihrerseits deutsche oder englische Assimilationspolitik treiben wollen. Diese Politik hat auch das Verhältnis der europäischen Staaten zur Judenfrage auf den traurigen Tiefstand herabgedrückt, den die Marokko-Kontroverse anzeigt. Solange, die Regierungen nicht lernen" werden, die Juden um ihrer selbst willen zu achten, solange der marokkanische oder russische oder algerische Jude nicht als Jude wert erscheint, das Interesse eines Staates zu erwecken, so lange wird alle Judenpolitik nur dazu führen, den mit fremden Geist erfüllten Juden eine andere Art des Elends zu bereiten — Beweis; die algerischen Juden. England war der erste Staat, der großherzig genug war, es zu verstehen, daß die Richtung der jüdischen Politik in der Linie des Jüdischen liegen muß. Das verhindert nicht und soll nicht verhindern, daß die Re-

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