Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-11-09 · 45 (9.11.1906) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316232--48692-3343632
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIEÄELT No. Handels stellen. Auf diese Weise, meinte der offiziöse Politiker, könnten für Deutschland neue Kultur- und Absatzgebiete erobert, der noch immer im Weltverkehr zurückgedrängten deutschen Sprache neue Herolde gewonnen werden. Dieser ballon d'essai deutscher Kolonialpolitik flog auf, als man gerade in Frankreich — allen voran Camilla Fidel in „Les interets frangais et les interets allemandb au Maroc" — die Alliance und die marokkanischen Juden nicht genug dafür loben konnte, was sie für die Stärkung des französischen Elementes in Marokkb leisteten. Welch ein herrliches Symbol der innigsteh Verschmelzung Israels mit dem Galliertum, daß in allen Schulen sogar die zehn Gebote in französischer Sprache an den Wänden prangten! ... Aufmerksame Beobachter auch derkleineren jüdischen Ereignisse erinnern sich wohl noch des seltsamen Zu1 sammenfallens der offiziösen Aufforderung an die deutschen Juden zur Betätigung ihres Patriotismus in Marokko und der Gründungder,, Deutschen Konferenzgemeinschaft" der „Alliance". Man glaubte fast, nun werde die Konferenzgemeinschaft, so schnell sie könne, ihrerseits da£ Germanisieren beginnen. Berlin contra Paris. Aber die deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance hat alle Teile beschwichtigt, die sowohl, die von ihr die deutsche Tat forderten, als auch die, die die Germanisierungs-Politik perhorreszierten, als auch die, die ihren Abfall von der „Universelle" fürchteten, endlich die auch, die besorgten, die Berliner könne als Kronzeugiii gegen das Nur-Franzosentum der Pariser Alliance auf: treten. In einer Erklärung der Deutschen Konferenzgemeinschaft, die Geheimrat Goldberger zeichnete? hieß es damals: „Nimmt der marokkanische Handel in Zukunft seine Orientierung mehr nach Deutschland, so wird das in dem Unterrichtsplan der Alliance-Schulen in Marokko selbstverständlich zu berücksichtigen sein. Die Politik hat damit nichts zu tun. Wir werden uns zu Dienern eines einseitigen französischen Interesses niemals machen, und unsere französischen Glaubensgenossen werden uns das niemals zumuten. Wer das Gegenteil behauptet, leistet einer bedauerlichen Legendenbildung Vorschub. . . . Die Alliance darf weder von Paris noch von Tanger aus in Anspruch genommen werden. ..." Die Geschichte ging weiter. Camille Fidel, von dem wir oben gesprochen haben, war durch die Gründung der deutschen Konferenzgemeinschaft und die Erklärung des Geheimrats Goldberger, insbesondere wegen seiner Mitteilungen über deutschen Unterricht an einer Anzahl von Schulen der Alliance, ein wenig stutzig geworden. Er begab sich zur Pariser Alliance und ließ sich die Sache erklären. Man gab ihm bereitwillig die Aufklärungen: „In allen Schulen der Alliance ist die allgemeine Unterrichtssprache das Französische. Ein sehr großer Raum wird natürlich der Sprache des betreffenden Landes eingeräumt. In denjenigen Schulen, in denen eine andere Sprache gelehrt wird, geschieht das im Nebenfach. Nur in den Schulen Bulgariens ist die Landessprache die Unterrichtssprache, und Französisch ist Nebenfach. In einer einzigen Schule, der Goldschmidtschen Schule in Konstantinopel, ist die Unterrichtssprache Deutsch, und Französisch wird als Nebenfach gelehrt." Der Fragesteller war mit der Antwort sehr zufrieden. In einem Artikel der „RenseignementsColoniauxu gibt er seiner freudigen Genugtuung, wie folgt, Ausdruck: „Wenn die Alliance Israelite auch aus allen Ländern Beiträge erhält, so muß der französische Charakter ihres Unterrichts doch jedem Unparteiischen und Vorurteilsfreien klar sein. Diesor Eindruck, den wir schon hatten, ist nun beim Zentralkomitee der Alliance vollauf bestätigt worden: Ihr Werk, sagte man uns dort, ist französisch der Sprache, den Büchern, den auf d r Ecole Normale israelite in Auteuil herangebildeten Lehrern u, j endlich und vor allem dem Geiste nach. „Marokkanische Juden sind also dank den Schulen dir Alliance der französischen Sache gewonnen worder. Dieser Umstand ist bei der Schätzung der französischen Interessen in Marokko von hervorragender Bedeutung; und wenn man der bedeutenden Rolle gedenkt, welche die Juden als Vermittler zwischen Mohammedanern. und Europäern beim marokkanischen Handel spielen, wird man sich überzeugen, daß Frank reich ein Mittel für seinen Einfluß besitzt, dessen Wirksamkeit man nicht hoch genug einschätzen kann. Also unser, doch ganz unser, die marokkanischen Juden, frohlockt Camille Fidel, und ruft es triumphierend über die Grenzen nach Deutschland hinüber. Und erhält sofort eine sehr gereizte Antwort von derselben offiziösen Stelle, der „Kölnischen Zeitung", eine Antwort, die aber nicht sowohl ihn, als die deutschen Juden und insbesondere die deutsche Konferenzgemein schaft apostrophiert. Geheimrat Goldberger, heißt es in dem Artikel, habe „eine größere Orientierung des deutschen Handels nach Marokko" abwarten wollen, ehe der Unterrichtsplan in Marokko geändert werde. Er werde wohl darüber im klaren sein, daß diese Entwicklung bereits platzgegriffen habe. Wo blieben nun die (scilicet germanisierenden) Reformen jder Konferenzgemeinschaft In Frankreich habe man die französisch-politische Agitation unter den Juden Marokkos seither noch gewaltig gesteigert. Wenn die französische Abteilung der Alliance sich selbst darüber beklage, daß das Werk der Alliance mit politischen Fragen verquickt werde, so möge sie sich bei denen beschweren, die zugelassen haben. daß französische Politiker die Alliance zu einem politischen Werkzeug in ihren Händen gemacht haben und sich dessen öffentlich wieder und wieder gerühm: haben. „Im Januar d. J., kurz vor dem Zusammentritt der Konferenz, veröffentlichte die Liberte ganz offen cl! Behauptung, die dann in die ganze französisch-spanisciu und die übrige von Paris aus bediente Presse überging, der deutsche Kaiser habe eine Bittschrift der Berliner Israeliten, die Konferenz von Algeciras möge sich um Besserung des Loses der unterdrückten Juden Marokko bemühen, zurückgewiesen. Dieser schnöde Versuch, unsere Politik bei den Juden Marokkos und der ganze Welt zu verdächtigen, ging Hand in Hand mit Arpreisungen des humanitären Werkes der französischer: Alliance Israelite. Bekanntlich hat sich der ersu deutsche Vertreter auf der Konferenz den vom erstei amerikanischen Vertreter formulierten Wünschen der Konferenz um gerechte Behandlung der jüdischen Untertanen seitens des Sultans von Marokko im Namen der deutschen Regierung ganz angeschlossen." Der Verfasser zitiert dann die oben angeführten Äußerungen Camille Fidels und sagt im Anschlüsse daran: „ . . . Die Interessen der Juden Marokkos sind den nationalfranzösischen Interessen untergeordnet worden, zahlreiche deutsche Juden haben bisher nur mit Unwillen die von französischer Seite an ihren Patriotismus gestellten Zumutungen ertragen. Von französischer Seite sind die Herausforderungen gekommen, ist die Politik hereingetragen worden. . .. .. . Den deutschen Juden ist durch Fidels Ausführung^ klarer Wein eingeschenkt worden. Es handelt sich unseres brachten s jetzt nicht mehr darum, die Alliance Israelite zur Berücksichtigung unserer frühern Wünsche zu veranlassen; es dürfte sich vielmehr darum handeln, daß die deutschen Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.