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Die Welt · 1906-11-09 · 45 (9.11.1906) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. Köln, 9. November 1906 p-nnb nbnn"« \wn "co No. 45. NOCHMALS: MAROKKO UND DIE ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE In allen Provinzen des Binnenlandes von Marokko und selbst in den für den europäischen Handel geöffneten Hafenstädten befindet sich der größte Teil der israelitischen Bevölkerung in bitterster Not.....Die Zahl der Hilfsbedürftigen hat sich verdreifacht. Das Mellah bietet ein bejammernswertes Schauspiel; überall Züge von Unglücklichen, überall Wesen mit Leichenmienen, fiebrige Augen, halbnackt, die Glieder im Staube schleppend, überall Klagelaute, Frauen, die Passanten gewaltsam festhalten, um Almosen zu heischen. Unsere Schule in Marokko ist augenblicklich von Scharen Hungriger belagert; die Unglücklichen greifen unsere Schulen an und suchen ihnen das Brot zu entreißen, das wir ihnen reichten. . . . Vor Entkräftung sterben ist hier keine Metapher (Aus dem letzten Bericht der „Alliance Israelite Universelle" über Marokko, S. 83 u. 84.) v x renn man einen Gradmesser der politischen Wertyy Schätzung aufstellen wollte, deren sich die Juden der verschiedenen Länder erfreuen, so käme man u dem Ergebnis, daß zurzeit von den versprengten Teilen Judas nur wenige so hoch in Flor stehen wie uic Juden Marokkos. Kein Scherz — diese armen Toifel, diese „Letzten unter den Brüdern", von deren; nd selbst die Teilnahmsvollsten gewöhnlich nur die nkle Vorstellung haben, daß es denen da unten iinmerlich schlecht geht, daß sie hungern oder Frondienste leisten oder geprügelt oder erschlagen werden, ben diese armseligen Juden Marokkos werden jetzt mit holden Komplimenten beschenkt und heiß umworben, und dies, ganz wie's in einem richtigen Märchen mit der schönen Prinzessin geschieht, von drei Freiern zu gleicher Zeit. Drei große Staaten streiten um den Vorzug, ihr Nationalstes, ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Politik, ihren Handel von den Juden Marokkos „getragen" zu sehen. Deutschland, Frankreich und Spanien wetteifern in dem Bemühen, diese armen Juden an die Brust zu ziehen, sie mit einem Hauche ihres Geistes zu erfüllen, prosaischer und in der bekannten Terminologie ausgedrückt, sie zu germanisieren, beziehungsweise zu frankofizieren beziehungsweise zu hispanisieren. Noch ist allerdings Frankreich den Nebenbuhlern weit voraus, dank der Alliance Israelite Universelle und ihren französischen Schulen, die die marokkanischen Juden „der französischen Sache gewinnen". Das aber ist es gerade, was die beiden anderen, Deutschland und Spanien, nicht zur Ruhe kommen läßt. Das ist ein Punkt, wo auch Spanien nicht mehr treu hinter der großen Freundin von Algeciras einhermarschieren will, geschweige denn Deutschland, der große Rivale. Don Perez Caballero, der zweite Vertreter Spaniens auf der Konferenz in Algeciras, ist jüngst mit der entschiedenen Forderung aufgetreten, daß man für die marokkanischen Juden spanische Schulen gründe. Seien doch die maurischen Juden immer Bannerträger der spanischen Sprache, Herolde des spanischen Handels gewesen. Er bezeichnete den Zustand als schmachvoll, daß diese Juden die französischen Alliance-Schulen besuchen. Wie lange wolle man das noch anstehen lassen, wie lange noch zögern, spanische Schulen einzurichten? Viel früher schon als Don Perez Caballero, zur Zeit, als man sich zur Algeciras-Konferenz rüstete, haben deutsche Politiker — man erinnert sich dessen wohl — offiziös ein ähnliches Minne- und Klagelied gesungen. Allerdings, Deutschland hat keinen so schön klingenden und so legitimen Rechtstitel wie Spanien mit seinen „maurischen" Juden. Es mußte seine Legitimität links herum holen: Die Alliance Israelite Universelle ist eine Gesellschaft, zu der auch deutsche Juden Geld beitragen. Ergo haben diese deutschen Juden als gute Patrioten und diese guten Patrioten als natürliche Gegner des Franzenreiches das Recht und die Pflicht, in den marokkanisch-jüdischen Schulen deutschen Unterricht durch Lehrer, die in Deutschland herangebildet worden, zu verlangen. Deutschland könnte für die Milderung der Lage der Juden beim Sultan wohlwollend eintreten. Gegenleistung wäre, daß die Juden sich vornehmlich in den Dienst des deutschen l*

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