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Die Welt · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 44 DIE^EELT 19 Unter der Bevölkerung herrscht schreckliche Panik. Viele jüdische^ _ Familien verlassen die Stadt. Kwilna (Gouv. Lomza). In der letzten Zeit wird in Kwilnf f eine starke Pogromagitation geführt. Die christliche Bevölkerung {. boykottiert alle jüdischen Geschäfte. Zu diesem Zwecke wurden Konsumgenossenschaften gegründet. Die jüdischen Kaufleute sincf vollständig ruiniert. Besonders stark ist die antisemitische Agitation der Nationaldemokraten. Aus der schwarzen Bewegung In Ekaterinoslaw fand eine Sitzung des russischen Volkes statt. Den Vorsitz führte der Bischof Arsenij. Der Hauptreferent Archimandrit Sergij wandte seine ganze Beredsamkeit gegen die- Juden auf. Die Versammlung brach in helle Begeisterung aus. Alle Juden und Andersgläubigen sollen aus dem Staatsdienst aus^ geschlossen werden. Es wurde ein feierlicher Fluch über sie verhängt.; Der Verband des russischen Volkes in Moskau erließ einen Aufruf an die Studenten, worin diese aufgefordert werden, die „provokatorischen jüdischen Studenten und Professoren" aus der Universität zu entfernen. Wenn die Studenten das tun werden, wird der Verein den „echt-russischen" Studenten beistehen. Der Verband des russischen Volkes in Irkutsk sandte ein drohendes Telegramm an das Professorenkollegium der Universität Kasan, in welchem er die Relegierung aller Juden verlangt, weil diese ein unruhiges u»d unsicheres Element bilden. In das Bildungsministerium gelangen in der letzten Zeit viele Gesuche der verschiedenen Abteilungen des Verbandes des russischen Volkes gegen die Aufnahme der Juden in die Universitäten. In den meisten Fällen werden diese Forderungen dadurch motiviert, daß mit der Entfernung der Juden aus den Universitäten auch die Revolution verschwinden wird. Seit dem Erscheinen der „Potschajewskija Izwiestija" wird die Agitation der „Schwarzen Hundert" im Gouvernement Wolyn mit jedem Tage stärker. Diese Zeitung ist sehr billig und wird in Tausenden Exemplaren verbreitet. In Kiew wurde der Verkauf der hooliganschen Zeitung „Wietsche" verboten, weil diese die Bevölkerung gegen Juden und Intelligenz hetzte. Neue Progrome in Sicht? Wenn nicht alle Zeichen trügen, steht Rußland am Vorabend neuer Schreckenstage. Regierung und Nebenregierung streiten um den Vorrang in der'Bezwingung der Revolutionäre. Wer von beiden Parteien die mächtigere ist, werden die nächsten Tage erweisen; in jedem Falle aber dürfte das Ergebnis der Rivalität zwischerf der legalen Regierung und der Regierung von Gnaden des „Schwarzen Hunderts" das sein, daß die jüdische Bevölkerung herhalten muß, um dem Blutdurst des Pöbels als Opfer zu dienen. Die „Russ. Korr." erhält das nachstehende Telegramm: Von unbedingt glaubwürdiger Seite erhalte ich die Nachricht, daß seitens des „Verbandes des russischen Volkes" Attentate gegen zwei hervorragende Vertreter der Kadettenpartei in Vorbereitung sind. Die betreffenden Personen, deren Namen mir bekannt sind, konnten gewarnt werden. Des weiteren bin ich in der Lage, mitzuteilen, daß in den letzten Tagen alle Organisationen des „Verbandes des russischen Volkes" auf das energischste an der Bewaffnung ihrer Kampfesgruppen arbeiten. Die Leitung dieser Tätigkeit liegt in den Händen des Obersten Belinski. Der Offizier Wassiliew, ein Neffe Dubrewins, des Leiters des Verbandes, überwacht die Herbeischaffung der Waffen. Es ist die Parole ausgegeben, daß am 30. Oktober alle Mitglieder des Verbandes bewaffnet sein sollen. Aus den vorhandenen Waffenniederlagen hat Wassiliew 1000 Revolver verteilt. Iis sind auch Bomben auf Lager, die aber nicht verteilt werden, da die Leute des Verbandes den Gebrauch derselben nicht verstehen. Nach Jekaterinoslaw sind zur Organisation eines Pogroms folgende Personen abkommandiert: Kornew, Starowerow, Makarow, ^eluschin, Priluteschniy, Iwanow, Gandsink und Petrow. Nach Saratow und Wologda wurden je 50 Revolver geschickt. Der Wahrheit gemäß muß hervorgehoben werden, daß das Ministerium diesmal Gegenmaßregeln getroffen hat; es ist augenblicklich gegen das aktive Auftreten des Verbandes. Der Verband bat aber jetzt wie früher direkte Unterstützung seitens der hohen Aristokratie. Es ist bezeichnend, daß eine Musterung der Revolver auf ihre Brauchbarkeit während der letzten Woche in der Wohnung ^-iner Dame vorgenommen worden ist, die in Peterhof ansässig ist, iber täglich zur Stadt kommt. Nicht weniger bezeichnend ist es, daß, als Stolypin am 27. September die Forderungen des Verbandes zurückzuweisen suchte, ihm der Verband am 6. Oktober als Delegierten den Fürsten Abamelek sandte mit dem Auftrage, Stolypin l-nergisch in seine Schranken zu weisen. Zur Wahlbewegung in Warschau Trotz des großen Siegs, welchen die Polnische Nationaldemokratische Partei während den Wahlen in die erste Duma davongetragen hat und obwohl sie einen großen Einfluß auf die Volksmassen ausübt, fühlt sie sich -zu schwach, um den neuen Wahlkampf ganz selbständig zu führen und sucht Bundesgenossen unter den Parteien, welche sie bei den letzten Wahlen als „jüdisch und verräterisch" gebrandmarkt hat. Noch vor kurzer Zeit erklärte der Führer der ND., daß die Juden ein polenfeindliches Element darstellen. Nach seiner Meinung betrachten die Juden eine jede Förderung der polnischen Politik als ihren eigenen Verlust. Sie verlangen keine Nationalisierung der polnischen Schule, weil ihnen ihre jüdischen oder sogar russischen Schulen lieber sind. Und sogar der territorialen Autonomie Polens wollen sie eine nationale oder religiöse jüdische Autonomie entgegenstellen mit einem Landtage in Petersburg. Trotz der vielhundertjährigen Gastfreundschaft, die Polen den Juden gewährte, existiert im Lande ein zahlreiches jüdisches Element, das sich den polnischen Idealen gegenüber feindlich verhält und für dieses Verhältnis die Form des „jüdischen Nationalismus" oder des „Fortschrittes" gefunden hat. Mit ebenso triftigen Gründen bekämpft auch Herr Dmowski die Tätigkeit der progressiven und radikalen Parteien, die selbstverständlich von Juden geleitet werden. Nun erklären die Führer der ND., daß sie aus purem Solidaritätsgefühl nicht nur den konservativen Parteien, wie der „Spojnia Narodowa" Nationaler Verband und der „Partei der realen Politik", sondern auch den progressiven Parteien, wie der „Progressiven Demokratie", die bekanntlich aus Juden besteht und von Juden geleitet wird, und dem „Demokratischen Verbände", einige Mandate abtreten wollen. Woher denn plötzlich dieser Großmut? Es wäre naiv zu zu glauben, daß die ND. plötzlich zu der Überzeugung gekommen ist, daß das „Kolo Polskie" alle sozialen und politischen Strömungen Polens vertreten soll. Die Ursache der plötzlichen Wendung in der Wahlpolitik ist anderswo zu suchen. Wie bekannt, gehörte die Rolle des „Kolo Polskie" in der Duma nicht zu den glänzendsten. Es zeigte sich, daß die große „echt-polnische" Partei nicht einen einzigen Politiker aufweisen konnte, während doch andere Nationalitäten, wie Juden, Armenier und andere durch scharfe und glänzende Politiker vertreten waren und einen großen Druck auf die Duma ausübten. Und nun will sich die ND. aus den progressiven Parteien einige Winawers oder Herzensteins holen. Da die ND. auf der Solidarität des „Kolo Polskie" besteht, so werden diese progressiven Elemente ja ohnehin keine Möglichkeit haben die politischen Programme ihrer Parteien durchzuführen. Wohl aber werden sie die Pflicht und Schuldigkeit haben für die Beschlüsse der Mehrheit des „Kolo Polskie" einzutreten. Selbstverständlich gingen die progressiven Elemente auf diese Vorschläge nicht ein, und so blieben die ND. ganz isoliert auf ihrem Posten. Die Frage der Teilnahme an den Dumawahlen beschäftigt jetzt auch sehr stark die Arbeiterklasse. Trotz der Agitation mancher Parteiführer, welche die Duma boykottieren wollen, verlangen die großen Arbeitermassen, daß man an den Wahlen teilnimmt. Aus den vier größten Arbeiterparteien P. P. S., Bund, P. S. D. und Proletariat verlangt eine jede, daß man aus ihrer Mitte Kandidaten wählen soll. Um diese Frage zu lösen haben die Arbeiter das folgende Projekt ausgearbeitet: „Warschau soll in 12 Bezirke geteilt werden. Diese sollen je nach der Zahl der Parteimitglieder unter den Parteien geteilt werden. P. P. S. bekommt als die zahlreichste 5 Bezirke, der „Bund" 2 Bezirke, die sozialistische Partei Polens und Lithauens 3 Bezirke, das „Proletariat" 3 Bezirke. Dieses Projekt wurde noch nicht angenommen, da wie gesagt, die Teilnahme der Arbeiterparteien an den Wahlen noch nicht beschlossen ist. Eine neu£ Rabbinerorganisation S?it einiger Zeit erscheinen in den Städten und Städtchen des Kiewer G^uvernemenls unbekannte Personen, welche im Namen einer Rabbinerorganisation Aufrufe an die Bevölkerung verteilen. In diesen Aufrufen wird das jüdische Volk zur Buße aufgefordert, zur Rückkehr zur Thora etc. Die Organisation beabsichtigt, in allen Städten und Städtchen des Ansiedlungsrayons Akademien zu gründen, wo Kinder und junge Leute Thora studieren könnten. Jede Gemeinde, die eine solche Akademie bei sich gründen wird, wird von der Organisation ein Subsidium von 300 —500 Rubel bekommen. Die Organisation nennt sich: „Verein zur Verbreitung des Talmuds" und hat den Zweck, die junge Generation in Liebe zu „Gott, Regierung und Gesetzen" zu erziehen.

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