Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Weiter wurde auch die wachsende Sympathie gegenüber der zionistischen Bewegung von Seite der Gesamtbevölkerung konstatiert, wozu vor allem die bessere Erkenntnis des zionistischen Ideals und die wachsende Einsicht von der Notwendigkeit beitrug, den so grausam verfolgten Juden des Ostens eine gesicherte Heimstätte zu schaffen. Nachdem die beiden Berichte genehmigt waren, fanden Neuwahlen statt. Die vorliegenden Anträge, welche hauptsächlich die Vereinfachung der inneren Organisation betrafen, mußten wegen Zeitmangels auf einen späteren, außerordentlichen Distriktstag verschoben werden. Die Vereine waren durch 37 Delegierte vertreten. Gegen 100 geladene Gäste nahmen außerdem teil. Als Präsidenten fungierten die Herren E. Bechert, Teplitz, und Dr. Kohn, Brüx. Anschließend an den Distriktstag fand im Hotel Europa eine Versammlung des Jüdischen Volksvereins statt, bei welcher Dr. Margulies aus Teplitz in überaus anregender Weise über die gegenwärtige Lage und die Aussichten des Zionismus referierte. An den Vortrag, der mit großem Beifall aufgenommen wurde, knüpfte sich eine rege Debatte. Deutschland Berlin. In einer zionistischen Volksversammlung, die am 30. v. M. in den Viktoriasälen tagte, sprach Dr. Franz Oppenheimer vor einem tausendköpfigen Publikum über jüdische Arbeit in Palästina. Die Vorgänge in Rußland lehren, daß die jüdischen Massen in Rußland keine Zukunft haben. Auch eine Zerstreuung der sechs Millionen russischer Juden über den Erdkreis hat sich als unausführbar erwieseu. Eine Massenauswanderung ist aber nur möglich, wenn sie nach Palästina gelenkt wird, dem Lande der Sehnsucht der Juden. Palästina hat sich bereits als ein geeignetes Kolonisationsland erwiesen. Tausende jüdischer Bauern haben dort eine neue Heimat gefunden. Redner schilderte sodann die einzelnen jüdischen Institutionen im heiligen Lande, deren Entwicklung die sichere Bürgschaft für die Durchführung des zionistischen Ideals sei, insbesondere die Kunstgewerbeschule, Bezalel und das in der Bildung begriffene Industriesyndikat, zwei Unternehmen, an deren Gründung auch namhafte Berliner Persönlichkeiten beteiligt sind. Von den Diskussionsrednern fand besonders Dr. Levin aus Wilna, Mitglied des zion. A. C, Beifall, der den Zionismus als eine geschichtliche Notwendigkeit begründete, an deren Durchführung die Juden aller Länder in gleicher Weise, wie die übrigen Völker, interessiert seien. Berlin. Der jüdische Turnverein „Bar Kochba" veranstaltet Sonnabend den 3. November 1906, abends pünktlich 1 >9 Uhr, in den Festsälen „Hackescher Hof", Rosenthalerstraße 40-41, sein 8. Stiftungsfest, bestehend in Kommers und Ball. Die Festrede hat Dr. M. Warschauer übernommen. o o o o o o Gruppenverband „Oberschlesien" Am 21. ds. Mts. fand in Gleiwitz eine Tagung des Gruppenverbandes „Oberschlesien" statt, die, als letzte unter dem Vorsitz des von Oberschlesien scheidenden Herrn R.-A. Steinitz-Gleiwitz sehr gut beschickt war. Neben den Vertretern der Ortsgruppen Ratibor, ßeuthen, Rybock, Zabore, Kattowitz, Gleiwitz und den Vertrauensleuten aus Tarnowit, Nicolai, Peiskoctscham und Antonienhütte. waren Gesinnungsgenossen aus Königshütte, Cosel, Lipine, Tost erschienen; die bewährtesten Führer u. a. Dr. Cassel (Ratibor), Lewandowsky, Dr. Stahl waren anwesend. Die Tagesordnung umfaßte außer den Berichten der Gruppenvertreter Fragen der Organisation (der nunmehrige Vorsitzefide ist Dr. Stahl-Tasuowotz) und der Winterpropaganda, Vorbereitungen für die Schekeltage und für den Weihnachten in Beuthen stattfindenden Oberschlesischen Zionistentag. Doch im wesentlichen stand die Tagung unter dem Zeichen des Abschiedes des verehrten Führers. Gründlichkeit, gediegene Sachkenntnis, treue Hingebung kennzeichnen die zionistische Tätigkeit Hans Steinitz. Seine nie ermüdende Opferfreudigkeit und stete Bereitwilligkeit bildeten für die,' die ihn kannten und mit ihm zusammenarbeiten, die lebendigste Quelle der Liebe zur Bewegung. Durch eine geräuschvolle Festivität ihn zu feiern, würde seinen Intentionen kaum entsprochen haben. Die oberschlesischen Zionisten glaubten der herzlichen Dankbarkeit am würdigsten dadurch Ausdruck zu geben, daß sie für den Scheidenden die Mitgliedschaft im Palästinapflanzungsverein zu erwerben beschlossen. R. Österreich Iglau. Sonntag den 28. Oktober fand im größten Saale der Stadt, im Hotel Czap die öffentliche Vereinsversammlung des Jüdischen Volksvereins „Theodor Herzl" statt. Der Präsident des Vereins, Herr Richard Weiß enstein, begrüßte die Versammlung, besonders den Bürgermeister der Stadt Iglau, Herrn Vincenz Inderka, und .die Abordnung des hiesigen Stadtverordneten, den Vorstand der hiesigen Kultusgemeinde mit dem Präsidenten kais. Rat Lieblich, die Vertretungen der Vereine -„Chewra Kadischa", Israelitischer Frauenverein, Tempelgesangverein „Schir Zion", der „Freien zionistischen Vereinigung für Böhmen" und die zahlreichen Gäste. Hierauf ergriff Herr Dozent Dr. Arthur Mahl er das Wort zu seinem Referat „Das jüdische Problem". Referent besprach die Notwendigkeit des Zionismus, indem er die verschiedenen Strömungen im Judentum einer historisch-kritischen Analyse unterzog und die Prinzipien des Zionismus in übersichtlicher Weise erklärte. Der eineinhalbstündige Vortrag fand allgemeine Zustimmung. An den Vortrag schloß sich eine interessante Diskussion. Der Referent beantwortete alle Interpellationen in ausführlicher Weise. 30 Neuanmeldungen waren zu verzeichnen. Eine große Anzahl von Broschüren wurde verteilt und für den N.-F. gesammelt. Unter den zahlreichen Begrüßungsschreiben und Telegrammen erregte die herzliche Begrüßung durch den Präsidenten des A.-C. lebhaften Beifall. Die Versammlung hat unserer Sache in der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung viele Freunde gewonnen. Ein Theodor Herzl-Denkmal in Czernowitz In Czernowitz, wo nun nach Theodor Herzl ein Platz benannt wurde, geht man daran, dem verewigten Zio nistenführ er auch ein Denkmal zu errichten. Die dortige jüdisch-akademische Verbindung „Hasmonäa" hat sich an die Spitze eines Komitees gestellt, das soeben einen Aufruf zu Beitragsleistungen erläßt. Geldspenden sind an das Bankhaus A. Budian cS: Sohn in Czernowitz zu richten. ifoooooo ooo vfc. s^sr NACHRICHTEN TSISg ooooooooo ¥ | Pogromchronik Odessa. Am 24. Oktober erschien beim Rabbiner eine Frau. H' t Sie nannte ihren Namen und erzählte, daß sie im Wirtshause des * v Verbandes des russischen Volkes gedient hat. Als Christin hielte sie es für ihre Pflicht, dem Rabbiner mitzuteilen, daß der Verband einen Judenpogrom für den 31. Oktober vorbereite. Zu diesem Zwecke wurden Waffen an die weiße Garde verteilt und eine Liste - derjenigen Juden und Christen zusammengestellt, die getötet werden sollen. Das Gespräch fand in Anwesenheit von Zeugen statt. Der Rabbiner teilte das Gehörte der Polizei mit, die Vorsichtsmaßregeln zur Verhütung des Pogroms getroffen hat. Kischinew. Die Kischinewer Rabbiner erhielten zahlreiche Briefe, in denen sie ersucht werden, die Juden zur Emigration zu bewegen. Kursk. Es werden hier zahlreiche Pogromproklarnationen verbreitet und auf allen jüdischen Häusern aufgeklebt. Die Proklamationen endigen mit den Worten: „Es lebe der jüdische Pogrom!'' i