Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316231--48682-3343621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 44 DIE^ELT 17 nahm die Weihen ihrer Kirche, stieg immer höher in ihren Würden und bald beherrschte ich als Bischof alle Seelen des Landes. Groß aber war mein Haß gegen mein einstiges Volk, und immer höher schwoll er an jedem neuen Tage. Denn wisse: in den Nächten, wenn meine Seele wehrlos war und vom bösen Geiste allen Gewalten preisgegeben, kam die Scham des Abtrünnigen zu mir und erwürgte mir alle Ruhe. Tags aber, wenn ich gewappnet war mit dem Schilde des Versuchers, nahm ich Rache für die Unrast meiner Nächte, und da schürte ich das böse Feuer und nährte alle Tücken in den Seelen meiner Gemeinde gegen die Kinder des Volkes, das ich verleugnet hatte. Ich hieß sie grausame Racheostern feiern und vergiftete den Juden alle Tage des Jahres mit bitterer Angst. Nun aber war es so, daß meine jüdischen Ahnenein glaubensstolzes und ehrenhaftes Geschlecht darstellten, das ein groß Verdienst vor dem Herrn aufwies, und manch einer von ihnen hatte mit dem Blute seines Herzens den hohen Bund besiegelt. Meine Missetat hatte den Frieden ihrer Ewigkeit gestört; im Schmerze versammelten sie sich und suchten den heiligen Baalschem heim und baten ihn, daß er sich meiner verfallenen Seele erbarmen und zu meiner Lösung wirke. Da kam der Geist des Heiligen in nächtlichen Träumen zu mir und rang mit dem bösen Geiste, der mich besaß; sie waren beide gewaltige Kämpfer, und ich wurde zwischen ihnen hin- und hergerissen wie ein armseliges Blatt im feurigen Sturme. An jenem Sabbate der Juden aber, der dem christlichen Osterfest voranging, war der Geist des Heiligen Tag und Nacht mir zur Seite, und schon hatte er meinen Willen gewonnen, und in der Nacht beschloß ich, am Morgen zu fliehen, alles zu lassen und zu dem Volke meiner Kindheit wiederzukehren. Aber mit dem Tage stieg der Zweifel in mir auf, und als die Glocken nach mir riefen und das Volk wartend die Kirche umgab, die Diener mir die goldenen Gewänder auf die Schultern legten, da vermochte ich nicht, all dem Glanz auf Erden, all der Macht über den Menschensinn zu entsagen, und ich schritt hinan zur Kanzel, Da entsandte dich der Heilige, mich zu rufen. Ich aber wollte vorerst meine Predigt halten, denn an meinen eigenen Worten, am entzündeten Gemüt derer, die mich umringten, gedachte ich meinen Willen zu stärken, um dann vor dem Meister in meinem Trotze bestehen zu können. Du riefst zum zweiten, und siehe, da verließ mich aller Widerstand, und ich folgte, wie ein Kind in der Dämmerung dem Rufe der Mutter nachgeht. Ich kam zum Meister und er rang um meine Seele und gewann sie. Und er wies mir den Weg, wie ich mich von meiner Schuld erlösen könne, und ich wurde zum Büßer von dieser Stunde an. Vor dem König und vor allem Volke bekannteich mein Verfehlen; dann zog ich aus dem Lande. Ich kam hierher und verbrachte meine Jahre in der Läuterung meiner Seele und erwartete den göttlichen Losspruch. Denn wisse, der Baalschem hat mir verkündet: „Wenn einst einer zu dir kommt aus fernem Lande und dir deine Geschichte erzählt, deute es als das Zeichen der Befreiung aus den Ketten deiner Taten." Und als du kamst und alles Geschehene deinem Gedanken entrückt war, da verstand ich, daß dies um meinetwillen sei, weil ich das Meine noch nicht vollbracht habe. Und ich versenkte mich aufs neue in die Tiefen der Hingabe. Nun aber, da du dich entsannest, weiß ich, daß mir geholfen ist. Du aber, mein Freund, wirst nun eine Stätte haben und nimmer flüchtig sein auf Erden; denn alles, was mein ist, will ich mit dir teilen, aus dessen Munde mir das Wort der Lösung kam." aal* :^Oo □IÖ^ ^fo2 KORRESPONDENZEN Zur Abänderung des Organisationsstatuts In der Diskussion über diesen Punkt ist mehrfach auf den der Jahreskonferenz eingereichten Antrag des Herrn Dr. Worms er Bezug genommen worden. Wir denken, daß es zur Klärung der Ansichten beitragen wird, wenn wir auch die Begründung dieses Antrags im Nachstehenden veröffentlichen. Der Antrag lautete bekanntlich folgendermaßen: „§30 des Organisationsstatuts soll folgende Fassung erhalten: Jeder Zionist hat jährlich einen Schekel von mindestens 1 Fr., 1 Kr., 1 Mk., 40 Kop., 25 Cent, 1 Schilling zu zahlen. Dagegen ist es Pflicht jedes bemittelten Zionisten, einen seinen Verhältnissen entsprechenden höheren Betrag als Schekel zu entrichten, so daß der Schekel einer Einkommen- und Vermögenssteuer mit Selbsteinschätzung gleichkommt." Begründung Da die gesamte zionistische Organisation auf breiter, demokratischer Grundlage errichtet ist, so ist es eine beinahe selbstverständliche Forderung, daß, entsprechend der Verteilung der Staatssteuern, auch unser Schekel keine einheitliche Kopfsteuer darstelle, sondern vielmehr eine, nach den Verhältnissen des Einzelnen wechselnde Höhe besitze. Es ist ungerecht, von dem armen Arbeiter eine gleich hohe Summe zu fordern, wie von dem reichen Rentier. Und wenn auch die bisherige Fassung des § 30 nur das Minimum des Schekelwertes festsetzt, nach oben also Freiheit läßt, so war doch bisher fast allgemein die Übung die, daß eben jeder, ob reich oder arm, Fr. 1.— als Schekel bezahlt und nicht mehr. Es muß deshalb im Statut ausdrücklich zur Pflicht gemacht werden, daß jeder die Höhe seines Schekels nach seinen Mitteln berechnen soll. Außer diesem, mehr dogmatischen Grunde sind es aber auch rein praktisch-finanzielle Erwägungen, welche die vorgeschlagene Abänderung wünschenswert erscheinen lassen, nämlich der schlimme Stand unserer Parteikasse. Ganz abgesehen von den neuen und immer steigenden Anforderungen, die an sie gestellt werden, ist sje bisher nicht einmal imstande, unsere Schulden abzutragen, die vom Kongreß festgesetzten Subventionen richtig auszubezahlen und die vom großen A.-C. beschlossene Entschädigung an die beiden russischen Mitglieder 4 HP y. c=o<= oooOD des engeren A.-C, bei ihrer Übersiedlung nach Deutschland, zu entrichten. Wenn somit unsere Finanzen dringend neuer Hilfsquellen bedürfen, so ist die vorgeschlagene Selbstbesteuerung gewiß ein Mittel, einen erheblichen Mehrertrag an Schekeleingängen zu gewährleisten. Wenn nur 5 Schekolim ä Frs. 1000.— 10 „ ä „ 500.— 20 „ ä „ 300 — 50 „ ä „ 100.— 100 „ ä „ 50.— 200 „ ä „ 20.— 500 „ ä „ 10.— und 1000 „ ä „ 5 — gezeichnet werden, so macht das zusammen jährlich schon Frs. 40000.— , die von 1885 Personen stammen, welche bisher wahrscheinlich kaum Frs. 2000.— bezahlten, da es, wie gesagt, nicht üblich war, viel mehr als den „Normalbetrag" des Schekels zu geben. Daß die obige Aufstellung nichts Übertriebenes an sich hat, wird mir jeder zugeben, der berücksichtigt, daß für philantropische und gemeinnützige, politische und wissenschaftliche, christliche wie jüdische Vereine Jahresbeiträge von 5, 10 und 20 Frs. an der Tagesordnung sind. Wer aber als Zionist für eine „Chevra Kadicha" oder für die „Alliance" oder die „Bnei Brißloge" oder sogar für den Krieger- und Veteranenverein 10, 20 und 50 Frs. bezahlen kann, der soll doch mindestens die gleiche Summe auch zur Speisung der zionistischen Parteikasse übrig baben. Ich glaube, daß es einer nicht einmal sehr ausgedehnten Propaganda bedarf, um das alte Vorurteil, der Schekel betrage Frs. 1.— und nicht mehr, zu beseitigen und alle bemittelten Zionisten zu veranlassen, daß sie die Höhe ihres Schekelbeitrags ihren Verhältnissen anpassen. Ein entsprechender Aufruf des kleinen oder großen A.-C. in der „Welt" würde höchst wahrscheinlich zu derem Zwecke genügen. Daß diese „Selbstbesteuerung" die Zuwendungen an den Nationalfonds ungünstig beeinflusse, ist nicht anzunehmen, da ja von niemandem eine Anspannung über seine Kräfte verlangt wird. Übrigens könnte man dann die Bestimmung aufnehmen, daß von einem eventuellen Überschuß der Parteikasse ein Teil an den Nationalfonds abgeführt werden müsse.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.