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Die Welt · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Als der Meister aufgetan hatte, waren noch wenige Menschen dagewesen, aber sie mehrten sich von einer Minute zur andern, sammelten sich und umstanden jetzt schon in gewaltiger Menge die Kanzel. Und alsbald dröhnten die Stimmen vieler Glocken über uns hin und machten die Luft in dem Zimmer erbeben. Draußen unter den Menschen wurde eine Bewegung bemerkbar, ein Schieben und Drängen, und dann wurde in der dunklen Menge eine breite lichte Straße, und es erschien im prächtigen Aufzuge mit Fahnen, Lichtern und Räucherwolken unter seinem silbernen Baldachin der Bischof. Nun war alles still geworden und wartete, der Bischof aber in seinem gleißenden brokatnen Gewände stieg die Stufen zur Kanzel hinan. Dort versank er anscheinend in ein stilles Beten, sich zur Predigt zu bereiten, und die ganze Menge kniete lautlos. Der Meister aber stand unentwegt in dem offenen Fenster und sah hinaus. Plätzlich sprach er mit heller Stimme in eben dieses lautlose Schweigen hinein: „Jakob, gehe hinaus und sage dem Bischof: Israel, der Sohn Eliesers, ist hier und läßt dich rufen." Als die Leute, die mit uns im Zimmer waren, diese Worte hörten, kam eine wilde Angst über sie und ließ sie selbst die Furcht vergessen, die sie vorher getrieben hatte, sich in den Ecken zu bergen. Sie fuhren insgesamt auf und umringten den Baalschem und schrien auf ihn ein. Ein alter Mann sagte ihm, bebend vor Zorn: „Wer bist du denn, Verruchter, der du einen jüdischen Mann zu dieser Stunde dem Henker in die Hände lieferst?" Und sie verfluchten ihn aus der Bitterkeit ihrer gefolterten Seelen. Er aber stand, als rührten ihre Worte ihm nicht an Ohr und Verstand, sah mich bedeutsam an und sprach: Geh, Jakob, geh schnell und fürchte dich nicht!" Und ich, der ich einen Gedanken lang gestanden und wider die Furcht in meinem Herzen gestritten hatte, erkannte nun meinen Herrn wie zuvor und ging ohne Zagen durch die Menge zur Kanzel, und keiner hat auch nur ein Wort gesprochen oder einen Finger an mein Gewand getan. Und ich schritt die Hälfte der Stufen hinan, bis ich innehielt und den Bischof in hebräischer Sprache anredete: „Der Baalschem ist hier in jenem Hause. Er läßt dich rufen, daß du zu ihm kommen mögest." Da gab mir der Bischof in der gleichen Sprache Erwiderung: „Ich weiß von seiner Gegenwart. Sage deinem Herrn, daß ich sogleich nach der Predigt bei ihm erscheinen werde." Und ich wandte mich und ging durch die Menge über den Platz und trat in das Haus. Die Leute aber, bei denen wir weilten, hatten in der Beängstigung ihrer Sinne sich an die verschlossenen Fenster geschlichen, um durch die Spalten auf den Platz zu blicken und zu sehen, was mit mir sich begeben würde. Und sie schauten, daß ich heil durch die Menge zur Kanzel kam, mit dem Bischof Zwiesprache tat, wie mir geheißen ward, und ungefährdet wieder heimkehrte. Da faßten sie, daß es etwas Großes um unseren Meister sein müsse, der dem Geist der Blutgier gebot, und als ich in das Zimmer trat, gewahrte ich sie meinen Herrn umringen und ihm Abbitte tun. Aber so wie er früher nichts um ihr Schelten gegeben, so achtete er jetzt ihres Lobes nicht. Er hörte unbeirrt nur auf meine Botschaft, als seien er und ich allein im Hause. Als er mich vernommen hatte, lächelte er ein weniges und sprach zu mir: „Kehre um, geh noch einmal zur Kanzel und sage dem Bischof: „Sei kein Narr und komme sogleich, denn es ruft und lädt dich der Mann Israel, der Sohn des Elieser." Ich tat nach seinem Geheiß und schritt wieder zur Kanzel. Als ich auf den Platz trat, hatte der Bischof eben begonnen, zu predigen. Ich stieg sachte hinan und zog ihn ein wenig an seinem Mantel, daß er meiner gewahr werde. Da hielt er inne und sah mich an, und ich wiederholte die Worte des Baalschem. Ich bemerkte, daß sein Angesicht sich bei meiner Rede verfärbte; dann wandte er sich zum Volke und sprach: „Habet für eine kleine Weile Geduld. Ich werde zurückkehren." Er folgte mir über den Platz durch die Menge in seinen gold- und blumengestickten Gewändern, die hohe goldene Mütze auf dem Haupte, und also trat er in das Haus und trat vor meinen Meister, den heiligen Baalschem. Sie gingen beide in ein besonderes Zimmer, verschlossen die Tür hinter sich und verharrten so an die zwei Stunden. Dann trat der Baalschem allein heraus. Er war hochaufgerichtet, und in seinen Augen leuchtete die Herrlichkeit Gottes. Er befahl uns, eilig Wagen und Pferde zu rüsten, und ohne Besinnen und Umschau fuhren wir von dannen. Ich weiß nicht, was zwischen dem Bischof und unserem Meister sich ereignet hat; auch den Namen der Stadt weiß ich bis heute nicht, denn der Baalschem hat ihn uns damals und später nicht kund getan. Ich weiß nur, daß es ein Großes war, das der Heilige gewirkt hatte, als er aus jener verschlossenen Stube trat, denn der Geist des Herrn leuchtete gewaltig von seiner Stirne, und er war anzusehen wie ein Cherub aus den Heerscharen. Nach seinem Tode habe ich versäumt, Nachfrage nach jener Begebenheit zu halten, denn ich hatte sie alsbald nach unserer Rückkehr völlig aus den Gedanken verloren, und heute erst, eben als ich dieses Haus verlassen hatte, entsann ich mich ihrer wieder." Als Rabbi Jakob schwieg, stand der reiche Mann auf, sank wortlos in die Knie, streckte die Hände gegen oben, und Tränen stürzten aus seinen Augen nieder. Endlich rang sich ein Strom glühender Dankesworte von seinen Lippen und er pries Gott mit unendlichem Lobe. Dann sprach er zu Rabbi Jakob: „Mein Freund, gesegnet sei dein Kommen, und gesegnet ein jedes deiner Worte. Ich weiß, daß die lautere Wahrheit aus deinem Munde kam. Ich will dir kundtun, was von der Begebenheit dir dunkel blieb. Wisse, daß ich jener Bischof bin, den du gerufen hast. Und wisse, daß ich dich erkannt habe, sowie du mein Haus betratest. Ich war einst ein Jude, erfüllt mit der wahren, wunderbaren Weisheit, und eine geheiligte Seele war mein eigen. Da gewann der Geist der bösen Mächte Gewalt über mich und beherrschte mich völlig, also daß ich vom Glauben abfiel. Und da meine Seele stark und fruchtbar blieb und voll des Feuers war, gewann ich bald hohes Ansehen unter den Gläubigen meines neuen Bekenntnisses. Ich •*

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